Dezember. Zeit eine Jahresbilanz zu ziehen. Der Blogartikel, der mich in diesem Jahr am meisten und vor allem am nachhaltigsten beschäftigt hat war ein Text zu Museumsapps. Geschrieben habe ich diesen im Spätsommer. Seit dem ist eine kurze Zeit vergangen und doch gibt es erstaunliche Entwicklungen. Für mich Anlass diese Neuentwicklungen von Apps und Vermittlungsstrategien für Kunst und Kultur näher zu betrachten.

Pausanio ist eine Agentur für digitale Strategien und Produkte zur Kulturvermittlung.  Ihre Produkte richten sich speziell an Kultureinrichtungen. Mein Artikel App ins Museum ist als Antwort auf Pausanios Aufruf nach Blogartikeln zu diesem Thema entstanden. Da ich keine Kultureinrichtung im eigentlichen Sinne bin und auch nicht in solch einer tätig bin, ist mein Blickwinkel ein anderer als der einer Kuratorin in einem Landesmuseum beispielsweise.  Meine Anforderungen und vor allem meine Voraussetzungen für eine App, die mich anspricht, weiterbringt und ins Museum zieht sind deshalb sicher andere als die einer solchen Museumsangestellten. Die Quintessenz der anderen eingegangenen Blogbeiträge formuliert Pausanio pointiert als die eierlegende Wollmilchsau oder als Rhönquellschnecke. Ob eine App überhaupt notwendig ist oder sich zwischenzeitlich eine App-etitlosigkeit etabliert, wurde als Frage in den Raum gestellt.

Überrascht hat mich nach diesem Querschnitt der Meinungen, die Pausanio in einem rhetorisch ansprechenden Artikel gut zusammengefasst hat, dass sich auf dem App-Markt in den letzten Monaten einiges getan hat. Es sind im Wesentlichen zwei Arten von Kulturapps entstanden: Einerseits gibt es solche Apps, die den Besuch eines Museums oder einer kulturellen Veranstaltung begleiten und deshalb nur vor Ort ergänzend zum Event genutzt werden können. Andererseits entstehen zunehmend App-Angebote, die an jedem beliebigen Ort unabhängig von einem Besuch einer kulturellen Einrichtung genutzt werden können. Diese Apps sind eine Mischung aus E-Learning Angebot, Werbung für ein kulturelles Event, Ausstellungskatalog und ergänzende Material zur Vor-/Nachbereitung eines Besuches.

Ich musste für mich feststellen, dass sowohl für mich privat als auch für meine Arbeit im Bereich der Kunst- und Kulturvermittlung vor allem die zweite Gruppe für mich interessant ist. Eine App, die meinen Museumsbesuch begleitet, brauche ich nicht (so dachte ich bisher, dazu mehr später!). Ich schätze es mich frei und von meinem eigenen Interesse geleitet durch eine Ausstellung zu bewegen. Besuche ich eine Ausstellung mit Kindern, so habe ich entweder bereits ein Besuchskonzept erstellt und den Rundgang inhaltlich vorbereitet (eventuell ja mit Hilfe einer App aus der zweiten Gruppe) oder ich lasse mich auf die Kinderaugen ein und wandle den Besuch in eine Kinderführung um, um neue Sichtweisen und Ideen kennenzulernen. Eine App würde meine Aufmerksamkeit für die Kunst oder meine Begleiter schmälern. Im Sinne der Achtsamkeit verzichte ich deshalb gern auf diese Angebote. Allerdings ist das meine subjektive Einschätzung. Ich bin auch kein Fan von Audioguides. Passives Versorgen mit Informationen führt bei mir dazu, dass ich mich selbst nicht auf Objekte einlasse und selbst aktiv sehe. Doch genau das sehe ich als Grundlage, um sich ein Kunstwerk zu erschließen. Eine Kombination aus handfestem Wissen und eigenem Anschauen und vor allem Hinsehen ist mir wichtig, auch im Sinne der sensuellen Erfahrung eines Objektes. Auf dieser Basis des aktiven Sehens entwickle ich deshalb alle meine Workshops.

Die zweite Gruppe der Apps hat mein Interesse gefangen und ließ mich seit Sommer nicht los. Etwa zeitgleich zu meinem Artikel veröffentlichte das Städel seine Imagoras App. Eine erste Installation und ein kurzer Testlauf hat mich so begeistert, dass ich mich auf die Suche nach Apps dieser Art begeben habe. Meine Kriterien zur Suche passender Kulturapps waren folgende Aspekte

  • Die App dient der Kultur-/Kunstvermittlung.
  • Die App spricht Kinder und/oder Erwachsene an.
  • Auch ohne einen Museumsbesuch bietet die App einen Mehrwert.

Da Handybildschirme mühsam sind und es mir nicht um einen Kulturrour vor Ort geht, habe ich Apps für das Tablet gesucht. Dieses lässt sich mit Hilfe eines Beamers auch einer größeren Gruppe zugängig machen, so dass ich diese Apps auch in meinen Workshops integrieren könnte.

Die Vorgaben klingen wenig einschränkend und doch gab es recht wenige Apps, die diese erfüllen. Meine Suche ist noch nicht abgeschlossen, wer noch Tipps hat, darf mich gern kontaktieren. Einige Apps gibt es nur in anderen Sprachen. Das ist nicht unbedingt ein Ausschlusskriterium, da nicht bei allen Anwendungen Sprache dominant ist und unbedingt zum Verständnis des Inhalts nötig ist.

Bei der Suche nach diesen Apps bin ich auf eine Anwendung gestoßen, die meine Meinung über die erste Gruppe von Apps gründlich revidiert hat: Das Städel hat eine App für die Samsung Gear VR Brille entwickelt mit der ein Besuch des Städels aus einer völlig neuen Perspektive möglich ist. Verschiedene Zeitzustände parallel und vergleichend zu betrachten ist dadurch möglich. Obwohl ich mich für ein aktives Sehen ausspreche ist eine App dieser Art nicht wirklich ein Widerspruch. Ich konnte diese Anwendung mit einer VR Brille nicht testen, immerhin hat diese App es aber geschafft mich davon zu überzeugen, dass Apps Anwendungsmöglichkeiten bieten, die zur Zeit noch nicht völlig zu überblicken sind. Es lohnt sich dieser Technik eine Chance zu geben und die eigene (De-)Motivation zur Nutzung dieser immer neu in Frage zu stellen.

Ich habe eine kleine Auswahl an Apps und digitaler Anwendungen (auch für PC) zusammengestellt, die ich in den nächsten Blogartikeln vorstellen werde. Derzeit teste ich mich durch die Apps, um ihre Anwendungsbereiche auszuloten. Einige Apps haben es bereits in meinen festen Arbeitsbereich geschafft, anderen wurden knallhart aussortiert. Ich war häufig überrascht – positiv und negativ. Nicht immer sind es die großen Kultureinrichtungen, die den Nerv ihres Zielpublikums treffen. Dass dieses ohnehin nicht der riesige Markt ist, zeigt sich in den oft fehlenden Rezensionen von Anwendungen im App-Shop. Oft gibt es (auch bei älteren Apps) noch nicht genügend Bewertungen.

Einige meiner ausgewählten Apps werde ich in den nächsten Wochen noch mit meinen Kunstkindern testen, um auch Meinungen eines anderen Publikums vorstellen zu können. Speziell bei den Anwendungen ohne Altersempfehlung werde ich ausprobieren wie und ob sich diese gut in der Arbeit zur Kunstvermittlung integrieren lassen und wie diese Apps auch in jedem Zuhause sinnvoll nutzen lassen. So viel will ich aber verraten: Einige Apps sind so gelungen, dass ein sich anschließender Museumsbesuch zwingend von den Kindern eingefordert werden wird. Aber zum Glück sind ja bald Weihnachtsferien!