Die Suche nach neuen Vermittlungsstrategien treibt die Kultureinrichtungen um. Apps scheinen das Wundermittel zu sein mit dem ein neues Publikum begeistert wird. Die Realität zeigt, dass eine App allein nicht der Garant des Glücks ist. Digitale Vermittlungsstrategien sind sicher sinnvoll, allerdings bedarf deren Erfolg eines konkreten Konzepts. Um dieses zu entwickeln braucht es geeignete Mitarbeiter, Zeit, Geld und vor allem gute Ideen.

Für mich persönlich geht das Städel mit gutem Beispiel voran. Mehr als einmal war ich in diesem Jahr überrascht wie sinnvoll neue Medien einzusetzen sind und wie gekonnt das Ganze umgesetzt wird, wenn genügend Zeit, Geld und Personal dafür eingeplant wird. Digitorial, Imagoras, ABC – Spiel und der Blog des Städels sind sehr gute Angebote. Sie gibt es nicht, um irgendwo einen Haken zu setzen a la „haben wir auch“, sondern sie bieten dem Anwender einen echten Mehrwert, erfreuen, unterhalten und machen Lust auf mehr – im besten Fall einen Besuch des Städels.

Diese Anwendungen haben alle eines gemeinsam: Sie lassen sich von Zuhause aus durchführen. Für mich persönlich sind sie ideal, um beispielsweise einen Besuch des Städels mit Kindern vorzubereiten. Aber auch unabhängig von einem Ausstellungsbesuch nutze ich diese Inhalte, zur Vorbereitung meiner Workshops beispielsweise.

App im Museum

Eine App im Museum brauche ich nicht. Das hatte ich so oder so ähnlich noch in meinem letzten Blogtext formuliert und begründet: Es geht mir vor Ort um das aktive Sehen, von dem ich mich durch eine App abgelenkt fühle. Bisher habe ich nur Apps genutzt, die unabhängig von dem Besuch vor Ort nutzbar sind. Exakt nach diesen hatte ich auch gesucht, um neue Apps für meine Kunstkinder zu entdecken. Bei dieser Suche stieß ich abermals auf die Städel App Zeitreise.

Bereits bei Veröffentlichung dieser und einem ausführlichen Artikel dazu in der FAZ war mein Interesse geweckt. Mich Sprach die App sofort an, obwohl sie für eine Anwendung im Museum vorgestellt wurde. Ein kurzer Text, den ich als direkte Reaktion zur Veröffentlichung der App gepostet hatte, zeigt deutlich meine Begeisterung.

Die Presse berichten haben mich neugierig gemacht selbst eine Zeitreise in die Vergangenheit des Städels und damit des Ausstellungswesens zu unternehmen. Für alle Nicht-Besitzer eines Samsung-Handys (wie mich) gibt es eine PC-Version. Von Zuhause ins (historische) Museum reisen geht damit auch. In gewisser Weise kommt mir das sehr entgegen, ich bin so nicht gezwungen es ausschließlich auf eine Anwendung vor Ort zu beschränken. Allerdings hat mich die App derart überzeugt, dass ich mich revidieren muss: Auch Apps vor Ort können einen Museumsbesuch bereichern und nicht von der eigentlichen Kunst ablenken. Gerade bei Dauerausstellungen bietet eine App wie diese einen absoluten Gewinn.

Auf zur Zeitreise ins Städel!

Eine Zeitreise ins Museum – Wozu?

Ein Museum ist ein Ort mit Geschichte. Die ausgestellten Werke sind immer Zeugen ihrer Zeit und verdeutlichen uns heute einiges über die Lebensweise unserer Vorfahren. Eine Zeitreise innerhalb eines Museums erscheint auf den ersten Blick absurd. So irritierend dieser Gedanke zunächst sein mag, so reizvoll ist er: Wie ein Museum Objekte präsentiert ist ein Ausdruck des Zeitgeistes. Es verdeutlicht wie Kunst und Kultur vermittelt wird, wie ein Publikum angesprochen wird und vor allem welches Zielpublikum anvisiert wird. Zugleich ist es Reflexion unserer Wertevorstellung von Kunst und Kultur. Die Hängung von Bildern und der Wandel von Raumnutzungen ist ein Ausdruck davon. Wie sich ein Museum, seine Räumlichkeiten und vor allem die Art der Kunstpräsentation wandeln ist spannend zu beobachten, ist es doch immer ein Zeichen der sich wandelnden Gesellschaft und ihres Bewusstseins für Kunst- und Kultur(-vermittlung).

Das Städel exisitert bereits an seinem dritten Standort. Dank des Forschungsprojektes „Zeitreise“ informiert das Museum seit einiger Zeit auf seiner Webseite über die historischen Orte, Räume und Ausstellungsobjekte. Einzigartige Raumskizzen,  3D Raumansichten und 3D Rekonstruktionen von Ausstellungswänden mit original Werken und Bilderrahmen verdeutlichen das Wesen des Städels in früheren Zeiten. Die Zeitreise ist nicht nur als heimatkundlicher Aspekt interessant, sondern auch für die Entwicklung des Museumswesens. Erst mit dem Blick zurück werden die Unterschiede zur heutigen Präsentation kultureller Inhalte deutlich. Sich dieser bewusst werdend, lassen sich aktuelle Vermittlungsstrategien der Museen hinterfragen und bewerten.

Eine Zeitreise ermöglichen

Heute sind digitale Vermittlungsstrategien gefragt und viele Kultureinrichtungen sehen sich gezwungen schnell „ihre“ App auf den Markt zu bringen. Die meisten davon sind nur vor Ort einsetzbar und fungieren als leicht verbesserte Audio-Guide-Variante. Für den Besucher sind sie verzichtbar, bieten in jedem Fall keinen wirklichen Mehrwert zum bisherigen Angebot des Museums. Eine „App-etitlosigkeit“ stellt sich laut Christian Gries schnell ein und die Frage nach der Notwendigkeit dieses neumodischen Zwangserlebnisses ist schnell gestellt.

Das Städel zeigt, dass der APPetit schnell geweckt werden kann (zumindest beim Nutzer; seitens der Entwickler/Museen muss auf diese Appetitsanregung zu hoffen bleiben), denn das Auge gilt es anzusprechen. Von heute auf morgen ist allerdings keine optisch (und sensuell im Allgemeinen) ansprechende Präsentation zu reißen. Die Zeitreise des Städels hat seine Wurzeln in den 1990er Jahren. Eine lange Zeit für Vorarbeiten, um etwas Handfestes entstehen zu lassen. Während historische Inventarbücher im Städel transkribiert und ausgewertet wurden, entwickelten sich neue digitale Möglichkeiten und parallel ein gesteigertes Interesse der Kunsthistoriker an historischen Sammlungszusammenhängen. Nach der historischen Präsentation fürstlicher Gemäldegalerien (Wien, Paris, Dresden, Düsseldorf) führt das Städel diese drei Kernpunkte zusammen, um erstmals eine bürgerliche Stiftung in ihren historischen Dimensionen zu präsentieren.

Zeitreise wohin eigentlich?

Während die früheren beiden Standpunkte des Städels im Rahmen des Forschungsprojektes Zeitreise mittels 3D Rekonstruktionen in Teilen nachvollziehbar werden, wurde der heutige Standpunkt am Schaumainkai vollends in 3D rekonstruiert. Dieser kann vor Ort mit einer Samsung VR Brille und passendem Handy erlebt werden. Ebenso ist dank einer PC Version die Reise von der heimischen Couch aus möglich.

Der Besucher wird entführt in die Welt des 19. Jahrhunderts. Das Städel zeigt sich in seiner rekonstruierten Weise in dem 1878 neu gebauten Räumen am Schaumainkai. In Innenperspektive lassen sich die Räume virtuell begehen – in einem freien Rundgang und im Rahmen einer virtuellen Führung. Alle Werke können in ihrer historischen Präsentation erfahren werden. Wie wurden die einzelnen Gemälde 1878 betrachtet? Welche anderen Kunstwerke wurden ihnen räumlich zugeordnet? Welche Bildwirkung ergab das bzw. welche inhaltlichen Aspekte wurden auf diese Weise abgeleitet?

App gehts

Vorab – ich habe die PC Variante genutzt, ganz bequem von Zuhause aus. Wer die Samsung VR Brille vor Ort nutzt hat die Option auf einen direkten Vorher-Nachher-Effekt mit Vergleichsmöglichkeit. Aus diesem Grund mag ich beinahe die App vor Ort empfehlen, zumindest für all die Besucher, die das Städel schon aus vorherigen Besuchen gut kennen.

Das Programm startet vor dem heutigen Städel. Der Rundum-Blick ermöglicht das umgebende Frankfurt von heute zu sehen, mit seinen markanten Punkten wie der Commerzbank an der anderen Mainuferseite. Mit Starten der Zeitreise wandelt sich die Szenerie. Das Städel scheint auf den ersten Blick unverändert, die Umgebung jedoch sofort. Das Altstadtufer wirkt fremdartig, flach. Die Außenanlage des Städels ist aber ebenfalls variiert. Der Sprecher der App informiert über das neu errichtete Gebäude und über die Außenanlage. Anschließend betritt der Besucher das Gebäude und wird durch das leere Erdgeschoss des Kuppelraums über die Haupttreppe in das Obergeschoss geführt. Dort stehen geführte Touren oder das freie Erkunden zur Wahl. Um zunächst die Optionen des Programms kennenzulernen bietet sich die freie Variante an. Sie ist auch ideal, um nur einzelne Räume nach persönlichem Interesse zu besichtigen oder um sich einen allgemeinen Überblick über das Städel um 1878 zu verschaffen. Auch, um sich einfach treiben zu lassen und die Kunst auf sich wirken zu lassen, um zu flanieren oder spontan stehen zu bleiben ist diese Variante ideal.

Die geführten Touren sind vermutlich im Rahmen der Nutzung einer VR Brille spannend. Sie führen durch das Städel entlang einer festgelegten Route, die kunsthistorisch und didaktisch sinnvoll konzipiert ist. Der Besucher wählt zwischen der kurzen Route zu den Hauptwerken und der Rundgang-Führung. Bei beiden Touren kann der Blick im Raum schweifen gelassen werden, jedoch können nur die Bilder zur vergrößerten Ansicht gewählt werden, die Teil der Führung sind. Toll ist, dass die Informationen, die zu den einzelnen Bildern geliefert werden nicht denen des konventionellen Städelführers entsprechen. Passend zur App werden Hinweise auf die Besonderheit der historischen Hängung und der Bilderrezeption zur  früheren Zeit gegeben. Auch Verweise auf benachbarte Bilder und inhaltliche Bezüge zu diesen kommen vor. Im freien Modus können alle Bilder angewählt werden, nicht zu allen gibt es allerdings sprachliche Hinweise.

Die App ist vor allem aus museumsgeschichtlicher Sicht interessant. Sie ersetzt keinen Besuch des Städels, ergänzt diesen aber sinnvoll. Wer nach einem (am besten: wiederholten) Städelbesuch sich tiefgehender mit Dingen wie Ausstellungskonzeption und Bildbezügen beschäftigen möchte, für den ist die App interessant. Sie fokussiert neu. Stehen bei einem konventionellen Städelbesuch Inhalte und Große Meister im Vordergrund, so rückt dank der App das „Machen“ der Ausstellung und die Präsentation in den Fokus.

Wie viele Gedanken hinter der Präsentation von Kunstobjekten steht, mag der durchschnittliche Besucher kaum einzuschätzen. Mit der App bekommt er einen Einblick in Überlegungen und Strategien des Museums.

Zusätzlich bietet die Zeitreise die Möglichkeit sich des wandelnden Kunstgeschmackes und vor allem eines veränderten Kunstgenusses gewahr zu werden. Mit der App wird der Museumsbesuch reflektierbar und das auf einer völlig anderen Ebene als es der Besucher vermutlich gewöhnt ist.

Richtig Sinn macht die Anwendung Zuhause nur dann, wenn dem Nutzer das Städel mit seinen heutigen Werken und der Art wie diese präsentiert werden bekannt ist.  Nur durch den Vergleich zum heutigen Städel erklärt sich die Intension hinter der App-Rekonstruktion:

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ (Helmut Kohl)

Nach der App ist vor der App

Nach dieser tollen Anwendung stellt sich die Frage was als Nächstes kommt. Das Städel wird sicher schon das ein oder andere in petto haben und bald wieder mit einem neuen Angebot überraschen.

Im nächsten Blog stelle ich die Imagoras App vor. Dieses Kunstspiel richtet sich speziell an Kinder. Es passt perfekt zu meiner aktuellen Serie, in der ich Kunst- und Kulturvermittlungsapps teste. Imagoras war eine meiner ersten Apps dieser Art und hat mich – neben dem Grundtext App ins Museum – zur Serie inspiriert. Ich verrate schon eins: Diese App ist nicht nur für Kinder spannend, sondern fesselt auch den ein oder anderen Erwachsenen; ganz sicher nicht nur mich!

 

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