Vor einiger Zeit hatte ich in einem Kunst-Sehen-Workshop als Thema Giacomettis Frauen für Venedig. Als praktische Arbeit dazu waren die Kinder aufgefordert von sich selbst Schattenzeichnungen anzufertigen; von ihren Händen oder dem ganzen Körper. Einige Jungen hatten sich einen Spaß daraus gemacht ihre Schattenfigur mit kleinem Puller zu zeichnen. Kurze Zeit später sah ich den Buchtrailer zu Walter Moers: Sex, Absinth & falsche Hasen. Eine Weltgeschichte der Kunst. München 2013. Isbn: 978-3813505467.Es hat mich sofort an diesen Kunstkurs erinnert, ehrlich gesagt mit einem lachenden Auge. Seht hier im Trailer selbst, was mich neugierig auf das Buch gemacht hat.

 

Wie ihr hier im Blog schon oft gelesen habt, suche ich immer Materialien für meine Kurse. Diese müssen nicht immer aus dem Kreis der bierernsten Kunsttheorie stammen. Ich mag auch gern Materialien, die ich für meine Kurse mit Erwachsenen nutzen kann – diese biete ich übrigens auch an, auch wenn ich hier überwiegend über Kusntvermittlung für Kinder berichte. Das Buch erschien mir geeignet dafür und ich freue mich, dass mir der Albrecht Knaus Verlag ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat.

Kleines Arschloch und Weltkunst – wer braucht sowas?

Gute Frage, ehrlich. Etwas speziellen Humor bedarf es wohl schon überhaupt so ein Buch ernsthaft in die Hand zu nehmen. Ich selbst bin ehrlich gesagt kein Fan von der Serie Kleines Arschloch, ich kann weder mit den Filmen, noch mit den Comics etwas anfangen. Auch diese Art Humor trifft nicht meinen. Auf das Buch war ich dennoch neugierig, denn der Trailer hat zumindest einige gute Abbildungen in Aussicht gestellt.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Es beginnt mit ersten Fossilien und Höhlenmalerei. Darauf folgt das antike Griechenland, Mayakunst und schließlich das Mittelalter und die Moderne. Asien ist ein eigenes Kapitel gewidmet, ebenso wie Picasso. Randgebiete der Kunst schließen das Buch ab.

Beim ersten Druchblättern hatte ich nur auf die Bilder geachtet und war schon nach den ersten Seiten etwas ermüdet von der immer gleichen dicken Nase, der scheinbar blinden Nickelbrille, einem Kugelbauch und dem Minipuller. Kleines Arschloch eben, nicht mein Humor, flach wie die Filme. Buch weggelegt, auch nicht zu Ende geblättert, eigentlich hatte ich nur die allerersten und die allerletzten Seiten gesehen.

Am selben Abend habe ich mir nochmal mehr Zeit genommen. Neugierig war ich aus den oben genannten Gründen ja immernoch. Tatsächlich habe ich erst bei diesem zweiten, und diesmal gründlichen Durchschauen gesehen, dass jedes Bild von einem Text begleitet wird. Und genau an diesem Punkt wird das Buch spannend und kann aus der Synthese von Bild und Text punkten. Die Beschreibungen brillieren sprachlich, sie sind der Ausdrucksweise der großen Kunsthistoriker entlehnt und wirken deshalb überzeugend. Doch stimmt der Inhalt? Einige Aspekte in jedem Fall, doch diese werden durch die Darstellung des kleinen Arschlochs ad absurdum geführt. Ab den Griechen funktioniert dieses Prinzip wahnsinnig gut und fesselt. Es ist eine Art Spiel zu erkennen wo der scheinbar wahre Text tatsächlich einen wissenschaftlichen Kern hat und wo er sich in ein phantastisches Spiel verliert. Dies leitet zu den Bildern über, die immer eng am Original bleiben und nur um kleine Details erweitert und verändert sind. Das kleine Arschloch schlüpft quer durch alle Epochen der Kunst in verschiedene Rollen und führt komplexe Fachfragen augenzwinkernd vor. Sich selbst nicht so ernst nehmen könnte die Aussage sein, ist sie aber nicht, denn das Buch macht sich keinesfalls über die Kunst oder gar ihre Experten lustig.

Kunsthistorische Bildbetrachtung at its best

Verrückt, was manchmal über abstrakte Kunst geschrieben oder diskutiert wird. Nicht alles ist nachvollziehbar, für den Laien nicht und auch für viele Experten nicht. Aber wer mag das schon zugeben? In Moers Buch wird ein angebliches Werk von Hyronymus Bosch beschrieben De Kuitenknijper. Es bezieht sich auf Der verlorene Sohn, was bei dieser Darstellung nicht einfach zu erkennen ist. Das Bild wirkt aufgeräumt und ist stilistisch kaum als Bosch zu erkennen, nur der Galgen im Hintergrund lässt das Bild zuschreibbar werden. Auch, wenn andere Werke deutlich näher am Original sind oder witziger in der Umsetzung, mag ich diesen beitrag besonders, einfach aufgrund der Beschreibung:

„Der Kuitenknijper ist eine niederländische Sagengestalt […] Bosch nimmt diese bäurische Mär zum Anlass, ein allegorisches Gemälde von drastischer Komik zu schaffen, in dem geschickt einige bissige Attacken auf die herrschenden politischen Verhältnisse versteckt sind. Der rechte Fuß des Kuitenknijpers steckt in einem Fettnapf – ein deutlicher Wink des aufgeklärten Malers, dass man sich mit reaktionärer Politik auf Glatteis bewegt -, tatsächlich stellt er seine Fugr auch noch auf eine Eisfläche. Die Leiter im After ist ein satirischer Hieb auf die opportunistische Haltung der Politiker zum Königshaus, der Trichter auf dem Kopf symbolisiert die geisteskranke Innenpolitik, der Pfeil im Ohr siebe Jahre Rezession. Das Brot steht für die kränkliche Situation der Bäckerzünfte (es muss getragen werden), das Messer an der Nase ist kaum zu deuten. Und die Christbaumkugel? Nun, es wird wohl Weihnachten sein.“

Im Klang und Vokabular ist diese Bildbeschreibung eng an klassischen kunsthistorischen Betrachtungen und doch ist es so absurd, dass unweigerlich eine Komik entsteht, die mich persönlich sehr anspricht.

 

A la Ernst Gombrich

Ich fühlte mich beim lesen sehr an Ernst Gombrich erinnert. Einerseits liegt das an derBildauswahl, die Gombrich und wohl vielen anderen Kunstchroniken entspricht. Andererseits liegt das aber auch an der flüssigen und gut leserlichen Schreibweise, die dennoch voll mit Informationen ist. Der Unterschied hier ist natürlich,d ass sich zwischen die richtigen und historisch wesentlichen Informationen Fakes mischen, die schlicht unterhaltend sind, sofern sie denn als solche erkennt werden.

 

Schau genau, wie war doch gleich das Original

Aktiv Sehen, das heißt erkennendes Sehen ist mein Stichwort und genau deshalb ist dieses Buch eine tolel Ansammlung an Material: Bei den meisten WErken stellt sich unweigerlich die Frage, wie doch gleich das Original im direkten Vergleich aussieht. Fehlen Details? Was wurde alles verändert, was wurde ergänzt?

Sex Absinth Arschloch 2Das Titelbild des Buches ist der Der betende Hase von Albrecht Dürer. Kennst du, wirst du jetzt denken. Aber schau genau. Es ist eine Komposition aus Betende Hände und Der Hase.

Moers hat für dieses Buch die Titel der Bilder verändert. Das erschwert etwas die Suche (im Gehirn!) nach dem passenden Original. Edward Hoppers Nachtschwärmer heißt hier Die große Eröffnung. Das Bild kommt einem sofort bekannt vor und doch stutzt man, da zahlreiche Details entfernt wurden. Welche sind das?

Genau aus diesen Fragen lassen sich tolle Schau-Genau-Spiele kreieren, besonders dann, wenn man das Original (zb. als Postkarte) zur Verfügung hat und einen Direktvergleich anstellen kann. Die Figur des kleinen Arschloch als solche, die mich anfangs direkt ermüdet hat, wird damit eher nebensächlich.

 

Für wen

Eine Empfehlung auszusprechen, für wen das Buch geeignet ist, scheint ganz einfach: Das Buch ist ideal für alle Fans von Walter Moers und dem kleinen Arschloch, denn es bedient genau diese Sparte Humor. Aber eben nicht nur für die. Ich kann es empfehlen für Kunstliebhaber und für solche, die mit Kunst nichts anfangen können, denen das Geschwafel um die große Kunst und Vernissagen mit vielen gutgekleideten und noch ebsser bescheidwissenden Menschen ein Greuel sind. Genau diese Leute werden an der Art Humor des Buches ihren Spaß haben. Ich bin froh ein zweites Mal, und das intensiv, hineingeblättert zu haben.

 

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