Dies ist der 3. Teil der Serie Kunst einfach vermitteln. Im ersten Teil führten Pixis zur Kunst und im zweiten Teil ein Farbwürfel. Heute stelle ich eine weitere einfache Methode vor, um gemeinsam mit Kindern die Freude an Bildern zu leben. Es geht darum einem Werk einen passenden Titel zuzuordnen.

Diese einfache Methode setzt einen Bildband, Kunst-Postkarten, Poster oder ähnlich Bildhaftes voraus. Es muss sich dabei nicht um Abbildungen großer Kunstwerke handeln, auch Fotografien von Landschaften, Objekten oder Menschen sind geeignet. Es können auch Werbefotografien aus Illustrierten oder andere Abbildungen sein. Es muss auch kein gegenständliches Motiv dargestellt sein; Farbkompositionen eignen sich ebenso. Je nach Alter des Kindes und Situation (Gruppe, mehrere Geschwisterkinder, Einzelkind) gibt es verschiedene  Varianten diese Methode durchzuführen und so über ein Bild ins Gespräch zu kommen.

Für gesprächige Kleinkinder und mehrere (Schul-)Kinder: Titel finden

Diese Aufgabe ist sehr vom Sprachvermögen des Kindes abhängig. Ich habe Kinder erlebt, die mit etwas über 2 Jahren sprachlich so gewandt waren, dass es ihnen leicht fiel über Gesehenes zu sprechen. In diesem Fall ist diese Herangehensweise an die Methode ideal. Gerade die Denke der 2-3 Jährigen ist unheimlich faszinierend, sehr erfrischend und schenkt völlig neue Einblicke. Auch Kinder in den späten Kindergartenjahren und ersten Grundschuljahren sind unheimlich kreativ in der Titelfindung.

Für diese Methode wird dem Kind ein Bild vorgelegt. Es soll es in Ruhe betrachten, es darf natürlich auch Fragen stellen. Gesprächige Kinder werden gleich loslegen zu erzählen, deshalb sollte ihnen bei erstmaligem Vorlegen des Bildes direkt die Aufgabe verkündet werden: Was glaubst du, wie hat der Künstler dieses Bild genannt?

Die Titelvorschläge werden unglaublich kreativ ausfallen. Ich selbst staune immer wieder, welche feinen Details Kinder dieser Altersklasse wahrnehmen, einfach weil sie ihnen wichtig erscheinen. In ihrer Titelwahl drückt sich ihr Bildzugang aus: Sie betreten das Bild über Elemente, die sie ansprechen, vielleicht weil sie sie aus ihrem Alltag kennen, weil sie gerade eine Geschichte dazu gehört haben, weil sie von etwas fasziniert sind oder weil sie etwas erschreckt. In der Regel entdecken kleine Kinder schneller und einfacher feine Details eines Kunstwerkes als das Hauptmotiv. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie den Inhalt des Bildes nicht verstehen. Sie erarbeiten ihn sich lediglich anders. Aber genau das gilt es zu stützen, die individuelle Wahrnehmung.

Das Blogbild zeigt Jean-Honoré Fragonards Die Schaukel. Das Hauptmotiv des Bildes ist eine schaukelnde Frau. Sie verliert einen Schuh, was eine leicht anzügliche Anspielung auf den im Bild lassiv nach hinten gelehnten Mann sein soll – ein Ausdruck für den Flirt der beiden. Dieses Detail wurde von dem Kind bemerkt und mit dem verlorenen Schuh das Märchen der Gebrüder Grimm Aschenputtel assoziiert. Auf diese Weise entstand der Titel Aschenputtel. Er verdeutlich bereits wie intensiv das Kind das Bild betrachtet hat. Der Schuh in der Luft, vor der Wolke fällt nicht direkt ins Auge. Er muss schon gesucht werden. Einem anderen Kind ist bei diesem Werk der alte Mann rechts im Bild aufgefallen, der die Frau auf der Schaukel anschiebt und hat zum Titel Opa schubst an geführt.

Der vom Kind gefundene Titel bildet den Auftakt, um sich in das Bild zu begeben – auf den Spuren der kindlichen Augen. Für Erwachsene ist das eine ebenso spannende Reise wie für das Kind, denn das Kind als Reiseleiter zeigt Aspekte, die Erwachsenen verborgen blieben oder die anders verstanden würden.

In einer Kindergruppe muss die Aufgabe leicht variiert werden. In diesem Fall werden die Kinder gebeten ihren Titelvorschlag aufzuschreiben. Anschließend werden die Vorschläge eingesammelt und zunächst unkommentiert verlesen und sichtbar für alle aufgehangen. In einer zweiten Vorleserunde erläutert jedes Kind, warum es sich für diesen Titel entschieden hat. Ich rate dazu von einem Vergleich hinsichtlich „treffender“ oder „unpassend“ abzusehen. Die Freude an der Beschäftigung mit einem Bild steht im Vordergrund. Häufig verbirgt sich hinter dem Titel eine Bildaussage die vom Kind wahrgenommen wird und die weder falsch noch unpassend sein kann.

Für größere Kinder und Kindergruppen: Bild zum Titel suchen

Für größere Kinder kann die Aufgabe umgekehrt werden. Die Kinder sollten für diese Aufgabe bereits gewohnt sein Bilder genau und konzentriert zu betrachten und sich auf Bilder einlassen können. Es wird eine bestimmte Anzahl (10 hat sich bewährt) an ähnlichen Bildern (gleiches Thema, ähnliches Motiv, ähnlicher Stil, gleiche Epoche oä.) zur Verfügung gestellt. Diese Aufgabe erfordert viel Konzentration, weshalb sie für jüngere Kinder ungeeignet ist, sie würden von der Bilderflut überrannt. Demgegenüber steht der Bildtitel eines Werkes. Das kann der Originaltitel sein oder ein selbst gefundener, der das Bild treffend beschreibt oder das Thema | Bildmotiv wiedergibt. Aufgabe für die Kinder ist es das zugehörige Bild zu finden.

Diese Aufgabe eignet sich vor allem für eine Gruppe. Die Kinder sind aufgefordert sich die Bilder genau anzuschauen. Sie müssen sich über Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede unterhalten und über ihre Bildwahrnehmung verhandeln. Schnell wird klar, dass die Wahrnehmungen nicht alle gleich sind, sich aber dennoch in bestimmten Kernpunkten nahe sind.

Welcher Junge trägt eine Verkleidung? Nicht so einfach herauszufinden, es wirken alle irgendwie verkleidet.

Welcher Junge trägt eine Verkleidung? Nicht so einfach herauszufinden, es wirken alle irgendwie verkleidet.

Bei diesem Beispiel gab es 6 Bilder mit Darstellungen von Jungen. Aufgabe war es das Werk zu finden, das zu dem Titel Verkleideter Junge passt. Alle Bilder stammen aus verschiedenen Epochen, die älteste ist Caravaggios siegreicher Amor (oben mittig), die neuste ist Picassos Paul als Harlekin (oben rechts). Alle Darstellungen zeigen Jungen in der für sie typischen Kleidung, standesgemäß und epochal. Eine Ausnahme bildet Amor, weil er eigentlich kein Junge ist. Bei Vergabe des Titels hatte ich als „Lösung“ Picassos Paul im Kopf. Allerdings gibt es bei dieser Aufgabe kein Falsch. Die rege Diskussion, die darüber entstand was Verkleidung ist und was zur Entstehungszeit des Bildes üblich war, war Ziel dieser Aufgabe. Das gemeinsame sich Verständigen auf eine Lösung oder unterschiedliche Meinungen und diese zu begründen war die eigentliche Herausforderung. Die Kinder haben sich dabei  intensiv mit den Bilder beschäftigt. Sie haben überlegt welches Spiel die Hülsenbeckschen Kinder von Philipp Otto Runge (oben rechts) spielen, ob die Trauben- und Melonenesser von Bartolome Estéban Murillo (unten links) arm sind und deshalb verschlissene Kleidung tragen oder ob sie beim Spielen kaputt gingen oder ob es eine Kostümierung ist, ob nur Königskinder Kleider trugen wie Infant Philipp Prosper von Diego Velázquez (unten mitte) und ob der Hut mit Feder des blauen Knaben von Thomas Gainsborough einen Grafensohn verrät. Auf spielerische Weise so viel Auseinandersetzung mit Bildinhalten zu erreichen macht nicht nur den Kindern Spaß.

 

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