Der Name Kunsttherapie und Gestaltungstherapie wird häufig synonym verwendet. Dabei geht es in der Kunsttherapie nicht zwangsläufig um die Erschließung unbewusster Inhalte in der kindlichen Malerei. Vor allem pädagogische und ästhetische Aspekte sind für die Kunsttherapie kennzeichnend. Der Prozess des Gestaltens, des kreativen Umgangs mit Farben, Materialien und Formen steht im Mittelpunkt und ist Ausgangspunkt der Kunsttherapie. Im amerikanischen Lebensraum ist diese Verbindung klarer, auch dadurch, dass für die dort als art therapy bezeichnete Methode insbesondere Künstler Wegbereiter waren.

Gertraud Schottenloher hat bereits in den 1980ern ein Grundlagenwerk zu Kunst- und Gestaltungstherapie (mit eben diesem Titel) geschrieben, das auch heute noch aufzeigt wie beide Methoden nur verwoben miteinander in der Arbeit mit Kindern zur Anwendung kommen. In diesem Buch gibt sie handfeste Hinweise wie mit dem „hochexplosiven Material“, in dem das Kind sein ureigenes Innenleben zeigt, umzugehen ist. Immer wieder lässt sie dabei Blicke in ihren Arbeitsalltag zu, gibt konkrete Beispiele an Kinderzeichnungen und gibt vor allem viele praktische Tipps, die spannend sind für alle, die kreativ mit Kindern umgehen – ganz abseits von psychologischen oder therapeutischen Beschäftigungen.

Das Buch ist im Koesel Verlag erschienen und mittlerweile schon in der 7. Auflage verlegt. Diese anhaltende Begeisterung für das Buch erklärt sich in der großen Reichweite, dem umfassenden Zielpublikum. Das Buch ist empfehlenswert für Pädagogen, Therapeuten aber vor allem auch für alle Eltern oder Bezugspersonen von Kindern, die mit diesen gern malen, basteln oder sonst wie kreativ tätig sind oder aber sich mit der bildenden Kunst auseinandersetzen. Kaum ein konventionelles Bastel-, Mal- oder Kreativbuch bietet derart breit gefächerte Anregungen für praktische Mal- und Gestaltungsarbeiten und liefert ganz nebenbei Wissen, das zur Beobachtung der Kinder und zur Einordnung ihrer Werke fundamental und ungemein spannend ist. Themen wie Linkshänder, Mann-Frau, Klänge, Gedichte, Kommunikation sind breitgefächert und garantiert alles andere als fachspezifisch.

Einige der vorgestellten Methoden mag ich hier im Blog gern isoliert vorstellen. Sie alle sind Ideen, die sich ganz fernab jeglicher Diagnostik und Therapie einfach aus reiner Freude an Kreativität mit Kind umsetzen lassen. Einige davon benutze ich selbst immer wieder und empfehle sie deshalb aus Überzeugung. In diesem Teil wird es um Fantasiereisen als Methode zur kreativen Arbeit mit Kindern gehen.

Auf Fantasiereisen gehen

Psychologische Studien haben gezeigt, dass Kinder mit einen regen Fantasie einen höheren IQ haben und besser und effektiver lernen können. Tatsächlich ist Fantasie keine angeborene und unveränderliche Fähigkeit, sondern eine, die erlernt oder zumindest angeregt werden kann. Die humanistische Psychologie kennt viele Methoden, um die Fantasie gezielt anzusprechen und wachsen zu lassen. Eine davon sind die so genannten Fantasiereisen. Sie funktionieren auf eine einfache Art: Das Kind bekommt eine Rahmenhandlung geliefert, die es selbst entsprechend den eigenen Fähigkeiten anfülle, erweitern und ausschmücken kann.

Fantasiereisen sind tolle Methoden, die ich oft zur Konzentrationsförderung einsetze. Dabei wird – manchmal sogar begleitet von Musik – eine Geschichte erzählt, die nur aus wenigen Sätzen besteht und in die bewusst viele Pausen eingebaut werden, um zwischen diesen der Vorstellungskraft der Kinder Raum zu geben. Ich nutze dafür sehr gern die Vorlagen aus Bleib bei mir, wenn ich wütend bin. In diesem Buch werden die Fantasiereisen als Traumreisen bezeichnet. Diese Methode lässt das Kind passiv, es fordert das Kind nicht dazu auf sich mitzuteilen, so dass diese Art der Durchführung von Fantasiereisen besonders gut geeignet ist, um zur Ruhe zu kommen.  Bei kleinen Kindern kann eine dieser Reisen den Mittagsschlaf ersetzen und dafür eine gemeinsame Mittags-Ruhe-Zeit einläuten. Größere Kinder profitieren von solchen Auszeiten in stressigen Phasen, bei langen Aktionstagen, in mehrstündigen Kursen oder in lauter Umgebung, immer dann, wenn es nötig ist kurz zu sich zu kommen, bewusst zu atmen und für einen Moment Kraft zu tanken.

Durchführung einer Fantasiereise

Schottenloher empfiehlt diese Fantasiereisen auf eine andere Art, die aktivierender ist. Dafür werden kreative Auseinandersetzungen mit der Fantasiereise verbunden, um die Wirksamkeit der Übung zu verstärken. Alle Fantasiereisen sind für Gruppen und für Einzelpersonen geeignet. Als Vorarbeit empfiehlt sie alle Kreativ-Materialien vor der Fantasiereise griffbereit hinzuräumen. Damit wird verhindert, dass nach der Übung Energie für Suchen, Räumen und Organisieren verlorengeht. Für die Fantasiereise selbst ist eine ruhige Umgebung, die gemütlich ist förderlich. Das kann auf einer Couch sein, einem Floorbed, eine Kuschelecke, der Teppich oder andere Orte zum Wohlfühlen. Eine kleine Abdunkelung des Raumes ist empfehlenswert, Kerzen oder leise Instrumentalstücke können als Ergänzung getestet werden. Die Kinder können sich legen oder in einer ihnen bequemen Haltung sitzen, sie können die Augen schließen, wenn ihnen das angenehm ist. Schottenloher plädiert sehr für das Augen schließen. Das ist vielen Kindern unangenehm, die Autorin zeigt einige Wege auf wie Kinder nach und nach daran gewöhnt werden können und dabei sogar selbst die Vorteile von Fantasiereisen mit geschlossenen Augen entdecken lernen. Im Buch liefert die Autorin viele Ansätze für Fantasiereisen, die so vorgelesen oder nach eigenen Ideen noch variiert werden kann. Sie alle enden mit Fragen, die dann in der Beantwortung gemalt oder in Ton modelliert werden können.

Die im Buch vorgestellten Fantasiereisen sind als Impulse zu verstehen. Sie sind sortiert nach Themen, so dass für verschiedene Anlässe einfach etwas gefunden werden kann. Ihre Anleitungen sind dabei so klar, dass es nach einiger Übung jedem gelingt Fantasiereisen nach den Interessen der Kinder zu gestalten. Toll ist, dass mit jeder neuen Fantasiereise das gegenwärtige Interesse der Kinder oder ein spezielles Thema, das gerade ein Problem oder aber eine Begeisterung ausdrückt, bedient werden kann. Das Internet bietet auch einige Anregungen zum Thema Fantasiereisen/Traumreisen und sogar kurze und lange Texte.

Schottenloher empfiehlt in die Traumreisen die Lieblingskuscheltiere oder die Puppe des Kindes einzubauen, um diese einer speziellen Situation auszusetzen, die in einer speziellen frage gipfelt und die durch die kreative Auseinandersetzung gelöst werden soll. Nach Schottenloher ist es einfacher für Kinder sich der kreativen Herausforderung zu stellen und einen Lösungsansatz zu erarbeiten, wenn ein emotionaler Gegenstand (die liebste Puppe, der liebste Teddy) darin verwoben ist.

Fantasievolle Anregungen für die kreative Arbeit mit Kindern

Fantasiereisen_KunsttherapieDas Buch von Gertraud Schottenloher entstammt ihrer Arbeit als Kunstpsychotherapeutin. Aus diesem Grund sind alle vorgestellten Methoden und Ansätze an Beispiele aus ihrer therapeutischen Arbeit gebunden. Nichtsdestotrotz liefert das  Buche viele Ideen der kreativen Beschäftigung mit Kindern. Viele Methoden sind rein ästhetisch basiert, was dem Ansatz der art therapy geschuldet ist, und können deshalb für die Kunstpädagogik und zur Kunstvermittlung ideal verwendet werden. Schottenlohers Buch ist empfehlenswert für Pädagogen, Kusnttherapeuten aber eben speziell auch für alle Eltern und Bezugspersonen von Kindern, die gern mit diesen kreativ werden und einmal neue Ansätze und Ideen dafür suchen.

Ich habe im Rahmen einer Sommer-Veranstaltung eine Fantasiereise für die linke und rechte Hand unternommen. Lies mehr dazu in meinem Beitrag Fantasiereise im Sommer.

 

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