Bei diesem Titel denke ich zwangsläufig an Kandinsky. Seine poetisch anmutenden Werke sind Kompositionen, ein Begriff, der der Musik näher scheint denn der bildnerischen Kunst. Die Frage wie Farbe klingt ist allerdings nicht allein etwas, das nur Kandinsky beschäftigt hat. Allein Begriffe wie Farbklang, Tonfarbe oder Farbton verdeutlicht welche Rolle das Hören für Farben spielt. Es ist kein Zufall, dass die sieben Farben des Regenbogens ihre Entsprechung in sieben Tönen der Tonleiter finden. Aristoteles führte musikalische Konsonanten auf Zahlenzusammenhänge zurück, die auch die Basis für seine Zahlenzusammenstellungen bildeten. Vitruv empfahl Architekturen nach eben diesen Zahlenverhältnissen, also letztlich auf musikalischer Basis, zu planen. Die diastematische Notenschrift des Mittelalters basiert auf den Farben Rot, Gelb und Grün, die verschiedene Tonhöhen darstellen und in farbige Notenlinien eingezeichnet werden.

Farbmusikalische Kunsthappenings hatten einen ersten Höhepunkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Insbesondere in Russland war dies ein weit verbreitetes Experimentierfeld. Das Farblichtklavier Alexander Skriabins erzeugte Farben auf Basis von Tönen und visualisierte auf diese Weise eine ganz eigene Farbkomposition zur Prometheus Dichtung.

Farben zum Klingen bringen mit Kindern

In der Kunstvermittlung, speziell der Arbeit mit Kindern, ist die Frage nach dem Klang der Farben besonders spannend. Im Themenfeld des Farbkreises, beispielsweise von Goethe, lässt sich die Frage „Wie klingt Rot?“ oder „Wie klingt Gelb?“ oder ähnliches besonders gut anbringen. Die Vorstellung der Kinder ist spannend, die Ergebnisse sind weitgehend denkungsgleich mit den Beobachtungen der Farbpsychologie. So wird Rot ein lauter Ton zugeordnet, während Grün und Gelb im direkten Vergleich sehr ruhig abschneiden.

Farbklang_Farbordnung nach TonDas Bild zeigt eine Farbanordnung von leise (links) nach laut (rechts) wie sie von einem Kind im Workshop vorgenommen wurde. Es gibt Unterschiede in der Beurteilung, insbesondere bei Blau und Grün. Generell lässt sich feststellen, dass selbe Farbtöne dann lauter eingestuft werden, wenn die Farbe intensiver oder dunkler ist.

Es lohnt sich Kinder mit der Frage nach dem Klang von Farben zu konfrontieren – ohne jegliches Vorwissen. Spannend ist auch dieser rein theoretischen Frage einen kleinen Versuch nachzustellen. In Kleingruppe soll versucht werden einen Wohlklang zu konstruieren, rein aus Farben. Dafür werden verschiedene Farben – zunächst immer in derselben Form und Größe, am besten eine gleichmäßige wie das Quadrat – aus Pappe zur Verfügung gestellt. Spannend ist hierbei, dass im Farbkreis benachbarte Farben oft gepaart werden, einfach weil die Töne harmonisch sind – sowohl optisch als auch akustisch. Einige Kinder paaren aber auch Gegensätze (schriller und dumpfer Ton aus beispielsweise Rot und Gelb oder aus Gelb und Blau), die ebenfalls spannungsreiche und passende Kombinationen hervorrufen.

Farbklang_2_800In einem zweiten Anlauf dieser Aufgabe werden die einzelnen Farben in ihrer Größe und Form variiert. Es ist spannend zu sehen, wie die Komposition, die auf Klangvorstellungen basiert, sich wandelt durch die Veränderung von Form und Größe. Nun werden auch gleiche Farben und damit Klänge kombiniert, die durch veränderte Form als kürzer, länger, lauter oder leiser gedeutet werden.

Wichtig ist, dass bei dieser Aufgabe nicht alle Farbplättchen verwendet werden müssen. Es dürfen so viele Farben/Töne genutzt werden wie jeder möchte. Auch die Aufbauform wird nicht vorgegeben, am besten gar nicht thematisiert.

Farbklang_Blogbild_800600Von streng geometrischen Werken, die sich der Form der Töne unterordnen, bis hin zu wilden, unsortierten Kompositionen ist alles dabei.

Interessant sind vor allem die Werke, die streng geometrisch beginnen, linear gelesen werden, um später sich selbst aufzulösen, indem die strenge Form aufgegeben wird und auch die Reihenfolge der Töne entweder dem Zufall überlassen wird oder zumindest zufällig wirkt. Es gibt Dreiklänge, die aus drei verschiedenen Tönen bestehen, es gibt Doppelklänge aus gleichen Tönen und ganze Konzerte, die tatsächlich alle möglichen Tonkarten verwenden.

Es ist unbedingt empfehlenswert sich die Klangkomposition nicht nur anzuschauen, sondern anzuhören – denn es geht ja um den Farbklang. Ein bißchen Mut bedarf es die eigenen Klangkomposition vorzustellen aber es macht auch wahnsinnig Spaß.

 

Kunstapp Living Paintings zur Unterstützung bei der Vermittlungsarbeit

Nach dieser Aufgabe ist die App Living Paintings eine geniale Erweiterung zur Vermittlungsarbeit im Bereich Farbklang. Diese recht überschaubare App zu sechs Werken des Thyssen-Bornemisza Museums in Madrid bietet die Möglichkeit die Komposition XX von Theo Doesburg klingen zu lassen. Das Werk ist reduziert auf wenige Farben plus Schwarz. Die Farben kommen mehrmals vor, allerdings in unterschiedlichen Größen und Formen, die aber immer viereckig sind. Durch Antippen lassen sich die einzelnen Farben in ihrem Klang starten. Einige geben nur einen Einzelton, andere wiederum starten eine rhythmische Melodie. Der Gesamtklang variiert immer aufs Neue. Während die Farben tönen, verändern sie ihre Form – sie dehnen sich aus. Dieses Minispiel ist eine tolle Überleitung zu angrenzenden Themen wie etwa Farbmusik, (andere) Klangkompositionen oder das Hörbarmachen von Kunstwerken (die an sich keine Klangkunstwerke sind, sondern konventionelle Gemälde).

 

Farbkompositionen

Das Experimentieren mit der App und Theo Doesburgs Komposition hilft die Idee der Künstler zu verstehen. Es handelt sich um Experimente, um Farben gemeinsam klingen zu lassen. Es geht weniger um das visuelle Zusammenspiel als um die Idee der Klangharmonie. Das was bei Doesburg in einzelnen Flächen umgesetzt ist, wirkt bei Kandinsky fragiler und bekommt damit einen grafischen Charakter. Sich auf diese Kompositionen einzulassen mag schwierig erscheinen, denn zunächst sucht der Betrachter einen Anhaltspunkt was es zu erkennen gibt, etwas Gegenständliches zum Festklammern. Dass es gerade darum nicht geht, verdeutlicht das Spiel mit dem Klang der Farbe.

Dieses Spiel wird weiter auf die Spitze getrieben, wenn mit Hilfe der Living Paintings App das Werk „Zarte Spannung“ von Wassily Kandinsky von 1923 zum Klingen gebracht wird. Es ist schwieriger, feinfühliger, es bedarf mehr Einlassen und Hinhören: Innerhalb des Werkes können die Bezüge der einzelnen Elemente neu sortiert werden. Durch Ziehen entsteht Spannung, die sich im untermalenden Ton äußert. Dies alles ist weniger laut und auffällig als bei Doesburg und geht damit mit der Bildkomposition einher. Das Werk zieht jedoch in seinen Bann. In der App ist es möglich einzelne Farbflächen zu verändern, so ändert sich der gesamte Klang und die gesamte Bildwirkung – eben auf einer visuellen und akustischen Ebene. Das Appspiel verdeutlicht, das in diesen Werken Klang und Optik unweigerlich zusammengehören. Es sind diese zwei Sinne, die angesprochen werden und damit das klassische Verständnis eines bildnerischen Kunstwerkes erweitern und vor allem dessen Reichweite vergrößern: Es wird nicht nur der Mensch als Betrachter angesprochen, sondern auch als Zuhörer.

 

Klang und Farbe in der Kunstvermittlungsarbeit für Kinder

Farbe, Farbkreis und Farbklang sind tolle Grundlagen, um in die Kunstvermittlungsarbeit für Kinder einzusteigen. Sie bietet einen idealen Zugang zu einem Basisthema, das nicht nur bei konzeptionellen Werken relevant ist, sondern auch für die Bildbetrachtung generell fundamental ist. Jedes Bild besteht aus Farbe und diese Farbwirkung hat immer ihren ganz eigenen Charakter, der den Betrachter emotional anspricht. Eine Konzentration auf die Farbwirkung ist deshalb immer eine Möglichkeit sich einem Werk zu näher, es aktiv zu sehen und sich auf dieses Bild, seine Bildgegenstände und seinen Aufbau einzulassen.

Für meinen Kunst-Sehen-Workshop für Kinder wähle ich dieses Thema deshalb besonders gern als Einstieg in einen mehrwöchigen Kurs.

 

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