Das Städel hat letzte Woche zum Social Media Walk durch die aktuelle Highlightausstellung Geschlechterkampf geladen. Dank des Socialmedia Club Frankfurt durfte artTEXTart dabei sein. Wer mir auf Instagram oder Facebook folgt, hat schon einige der besten Fotos gesehen. Blogger, Twitterer, Instagramer und Leute mit aktiven Kanälen auf anderen Plattformen waren geladen, um live (oder später) von der Führung durch die Ausstellung zu berichten. Immer mehr Kultureinrichtungen nutzen diese Art der Öffentlichkeitsarbeit, besonders im Norden von Deutschland gibt es häufig Walks (auch als Tweetup oder Instawalk bezeichnet).

staedelsmcffm_1Etwas grotesk wirken diese Walks sicher auf andere Besucher: Während ein Kunstvermittler durch die Ausstellung leitet und zu ausgewählten Werken Anekdoten, Hintergründe, Motive oder historische Zusammenhänge bespricht, ist der überwiegende Teil der Zuhörerschaft mit fotografieren, twittern oder posten von Fotos beschäftigt.

Unter den Hashtags #geschlechterkampf und #staedelsmcffm könnt ihr bei Twitter, Instagram, im Web, bei Facebook und Google+ alle Fotos und Beiträge sehen, welche die Teilnehmer des Walks fleißig aufbereitet haben.

Das Städel inszeniert die Geschlechterkampf-Ausstellung als Jahreshighlight. Zu Recht wie ich nach dem Walk bestätigen kann. Schon das Digitorial zum Geschlechterkampf ist unbedingt sehenswert. Vor dem Museumsbesuch leitet es gut in das Thema ein. Es hinterlässt bereits einige Fragestellungen im Kopf, denen in der Ausstellung nachgegangen werden kann. Aber auch nach der Ausstellung ist es zur Einordnung einzelner Werke oder als Erinnerung an einen tollen Museumsbesuch eine Bereicherung. Das Digitorial ist insbesondere für Tablets zu empehlen, die Anwendung und das besondere Layout macht da einfach Spaß.

#Hashtags und Zitate

Die Ausstellung Geschlechterkampf startet mit postulierten Fragen und Aussagen zum Verhältnis Mann Frau, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts stellten. Während August Bebel 1883 eine unbedingte Gleichstellung beider Geschlechter forderte, um die Menschheit zu befreien, erhoben sich (renommierte!) Stimmen, die ein anderes Rollenbild der Frau vertraten oder in der Gesellschaft bemerkten.

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Die Zitate klingen aus heutiger Sicht erschreckend. Allerdings müssen Sie vor dem Hintergrund der tatsächlichen Stellung der Frau zu dieser Zeit betrachtet werden: Diese war weder politisch, juristisch noch gesellschaftlich dem Mann gleichgestellt. Zwischen männlichen und weiblichen Attributen wurden unterschieden und nach diesen richtete sich das Rollenbild. Diese Attribute waren einerseits von der körperlichen Beschaffenheit beider Geschlechter abgeleitet aber zusätzlich durch Klischees geprägt. Männer sind stark und klar im Denken. Frauen sind körperlich schwach und von ihren Emotionen geleitet.

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Dieses Wissen im Hinterkopf beginnt die Ausstellung in der Säulenhalle des Städels. Diese wurde in Schwarz und Weiß mit Schlagzeilen aus Tageszeitungen der vergangenen zwei Jahre versehen.

staedelsmcffm_5So wie Schwarz und Weiß sich kontrastierend gegenüberstehen, so bilden die Zitate Gegensätze. Es finden sich Aussagen über Männer und über Frauen, die einen Rückschluss über das derzeitige Rollenverständnis zulassen oder zumindest einen Teil der gegenwärtigen Debatte illustrieren.

Dazwischen finden sich Hashtags, die diese Zitate übertiteln wie beispielsweise #mansplaining, #manterrupting, #pinkstinks, #neinheißtnein, #notokay, #Gleichberechtigung, #dieQuotegilt,#GenderMainstream und eben #Geschlechterkampf.

 

Adam und Eva

Dieser Gegenüberstellung von heutigen Themen und Debatten mit denen des 19. Jahrhunderts folgt der erste Teil der Ausstellung, der mit Adam und Eva Darstellungen beginnt.

staedelsmcffm_6Franz von Stuck stellt die Verführung Adams aus Sicht des Mannes dar. Adam gleicht in diesem Werk einem klassisch griechischen Porträt mit kräftigen, männlichen Gesichtszügen. Dominant ist vor allem die Nase und das Kinn. Den oft entschlossen und charismatischen Porträtdarstellungen der griechischen Antike widerspricht allerdings die Perspektive. Leicht seitlich, eher von hinten ist Adams Gesichtsausdruck entrückt – dem Betrachter entzogen aber auch der realen Welt mit seinen geltenden Gesetzen. Der Fokus liegt auf Adams Pose. Diese wirkt nicht stark, sondern zögerlich, bewegungsunfähig, geradezu ausgeliefert. Zwar entsprechen seine Muskeln dem klassischen Verständnis eines starken Mannes, dennoch wirkt die Drehung des Torsos traumhaft surreal. Evas Körper scheint zu schimmern, verführerisch und dynamisch steht sie vor ihm und reicht den Apfel, an dem die Schlange verbissen anhaftet. Adam hat keine Wahl, er greift zu. Allerdings nicht nach dem Apfel, sondern nach Eva.

Die Frau als unheilvolles Wesen wird ebenfalls in Adolf Gustav Mossas „Sie“ thematisiert. Dieses Werk ist das Ausstellungscover. Interessant ist, dass es für die Ausstellungsplakate zensiert wurde. Genau über den Brustwarzen verläuft der Ausstellungstitel. Etwas scheinheilig reiht sich dieses Ankündigungsplakat in die Reihe der gezeigten Werke ein. Bei den Adam und Eva Darstellungen finden sich Bilder, die zu ihrer Entstehungszeit zensiert werden mussten:

staedelsmcffm_9staedelsmcffm_8Suzanne Valadon porträtierte sich selbst als Eva. Ihre Darstellung wirkt weniger berohlich als die Franz von Stucks. Adam und Eva wirken harmonischer als Paar, die Szene insgesamt wirkt friedlich. Einzig Adams Gesichtsausdruck und seine weit weniger unbeschwerte, fast ängstliche Pose deutet auf kommendes Unheil hin. Adam war zunächst – wie Veladons Porträt als Eva – nackt. Auf Kritik musste die Malerin das 1909 entstandene Werk verändern, so dass Adam heute eine Blätterranke als Schamschutz trägt. Veladons Adam und Eva steht damit in der Bildtradition von Lukas Cranach dem Älteren (nicht in der Ausstellung im Städel zu sehen), bei dem ebenfalls nur Adams Geschlecht verhüllt ist. Eva hält ihm einen Apfelzweig schützend davor, während sie selbst nackt ist.

staedelsmcffm_10Mossas „Sie“ ist eine eiskalte Schönheit. Ihr symmetrisches Gesicht zeigt keine Regung und keinen Ausdruck. Es ist unheilvoll schön wie eine Sphynx und wirkt dem Hier und Jetzt entrückt. Der jugendliche Körper mit schmalen aber runden Schultern, einer zierlichen Taille aber sehr weiblichen Brüsten und Hüften türmt auf einem Berg aus blutigen, männlichen Leichen. Fingerabdrücke und blutige Handspuren zieren ihre Hüften und Beine. Die männermordende Femme fatale trägt einen unantastbaren Heiligenschein, der aber von Attributen des Totes – Raben und Totenschädeln – begleitet wird. Ihre Halskette trägt drei Anhänger, die ebenfalls Mord und Tot symbolisieren: Pistole, Dolch und Giftkapsel. Sie wirkt wie ein Todesengel. Mit den betont weiblichen Attributen und der Katze im Schoß, eine Metapher für weibliche Sexualität, ist „Sie“ eine Warnung des Malers vor den Tücken der bezierzenden Frau. Es kann als Neuinterpretation des „Sündenfalls“ gelesen werden.

Das endende 19. Jahrhundert und das beginnende 20. Jahrhundert markieren einen Wendepunkt in der Erkenntnis menschlicher Evolution. Darwin legte mit seinem Werk „Entstehung der Arten“ eine Alternative zur religiösen Schöpfungsgeschichte vor. Das Motiv Adam und Eva wandelte sich in Folge dessen und wurde zum Sinnbild des Verhältnisses von Mann und Frau. Zugleich entstanden neue Darstellungen der Entstehung des Menschen.

staedelsmcffm_12staedelsmcffm_13František Drtikol verweist mit „Mutter Erde“ auf den Ursprung der Welt im Schoß der Frau. Der Pigmentdruck wirkt ästhetisch. Adam und Eva sind zensierender Sichtschutz und zugleich wirken sie zerbrechlich, unsicher und kaum greifbar. Sie stehen vor dem Tor zur Welt oder sind ihm gerade entstiegen. Dieses Werk hatte mich an das etwas früher entstandene Gemälde Courbets „Ursprung“ der Welt erinnert (nicht in der Ausstellung im Städel zu sehen). Eine Darstellung einer Vagina in Nahaufname. Der Körper der Frau ist ein liegender Torso, der nur die Geschlechtsmerkmale sichtbar zeigt. Der Kopf ist mit einem Tuch verhüllt beziehungsweise aus dem Bild ausgeblendet. Diese zu ihrer Zeit schockierenden Darstellungen von Nacktheit – auf Courbets Werk trifft das unstrittig auch heute noch zu – zeigen ein völlig neues Weltbild, eine neue Menschheitsgeschichte, die nicht mehr mythen- oder bibelbasiert ist, sondern naturwissenschaftlichen Erkenntnissen folgt.

In den entstehenden Adam und Eva werken wird die Frau zunehmend als Schuldige inszeniert. Das Motiv des Sündenfalls wird herausgelöst und Frauendarstellungen als Femme fatale dominieren die Kunst. Frauen, die tatsächlich den Tod bringen, wie Salome oder Klytemnestra werden männlich inszeniert: stark, emotionslos, eiskalt.

Klischee und Ironie battlen um die Geschlechter

staedelsmcffm_14Vor allem die psychoanalytische Forschung und die Erforschung von Sexualität generell sind es, die eine Hinterfragung bestehender Geschlechterrollen forcieren. Während sich Wissenschaftler mit sexuellen Neigungen beschäftigen, reizen Künstler das damit verbundene Spektrum aus. Klischeehafte Bilder, die traditionelle Familienmodelle thematisieren entstehen.

Mein persönliches Lieblingswerk der Ausstellung ist Thomas Theodor Heines „Exekution“ von 1892. Ein Werk voller Ironie mit dem Heine seinem Ruf als Illustrator des Simplicissimus, einem politischen Satiremagazin, gerecht wird.

staedelsmcffm_15Ich schätze an diesem Werk die filigrane Handarbeit mit den zahlreichen Details. Das ausdrucksstarke Schwarz in Kombination mit feinen goldenen Linien steht in wunderbarer Arts an Crafts Tradition und spielt mit Motiven des Jugendstils.

Die schwarzen Schwäne symbolisieren das lebenslange Zusammenleben der Ehepartner, das in Trauer inszeniert wird. Die Zeichnungen des Passpartouts greifen das Motiv der Schwäne auf und ergänzen es um gekreuzte Schwerter, ein Symbol für Schlacht oder für die Gefallenen und Opfer einer solchen. Ergänzt wurde ein Ziegenkopf, der als Sinnbild der Teufelsfratze gilt.

Die zunehmende Forderung nach Gleichberechtigung dominiert insbesondere die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. In der Ausstellung finden sich ironische Darstellungen von Frauenbildern, die mit Klischees nur so um sich werfen.

staedelsmcffm_16Besonders witzig fande ich ein Aquarell von Karl Hubbuch „Hilde mit Föhn, Fahrrad und Breuerstuhl“. Der Maler zeigt darin ein Porträt seiner Frau. Sie trägt ein offenes Hemd, wirkt insgesamt recht männlich, spielt mit einer technischen Errungenschaft dieser Zeit – einem Fön, und scheint sich nicht um das ungemachte Bett neben hier, ein Symbol für den Haushalt, zu kümmern.
Sehenswerte Spiele mit Geschlechterklischees gibt es auch bei weiteren Werken der Ausstellung, insbesondere den Surrealisten. Fasziniert hat mich eine kleine Skizze Frida Kahlos. Auch sie weißt einer Frau männliche Attribute zu. Diese sind aber völlig andere als die der großen Monumentalgemälde von John Collier beispielsweise.

Den Geschlechterkampf gibt es noch bis zum 19. März im Städel Frankfurt. Wer bisher versäumt hat diese Ausstellung zu besuchen sollte das unbedingt nachholen. Empfehlenswert ist durchaus der Besuch allein, in einem ungestörten Rundgang in eigenem Tempo. Anschließend daran (oder zuvor) rate ich zu einer Führung, die inhaltlich unglaublich bereichernd sind. Ich selbst bin eigentlich nicht der Führungsfan, da ich gern mein eigenes Tempo bevorzuge und vor allem die Werke, die mich – warum auch immer – ansprechen. Nach der Führung im Rahmen des Socialmedia Walks, kann ich diese aber getrost empfehlen und sogar dazu raten.

Wer mehr Bilder vom Socialmediawalk sehen mag, der folgt entweder dem Hashtag #staedelsmcffm oder schaut im Videokanal von Daniel R. Schmidt rein, der ein tolles Video zum Walk gemacht hat.

 

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