Heimat, laut Duden ist es das Herkunftsland, der Ort der Geburt oder der Ort, dem man sich durch seinen Wohnaufenthalt verbunden fühlt. Wikipedia definiert es als Begriff für den Kontext, „in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.“ Diese Einschätzung kommt dem Kern tatsächlich näher, wenn auch die Verbindung von Geburtsort und dem Gefühl Heimat nicht zwangsläufig gegeben sein muss: Heimat und Geburtsort sind voneinander autark – zum Glück! Wäre sonst nicht jede Suche nach einer neuen Heimat ausweglos und ohne Hoffnung auf einen Neuanfang?

Bereits vor über 10 Jahren war das Thema Heimat und wie es entsteht mein Thema. In Nationale Identität und Schweizer Heimeligkeit made by Peter Zumthor: Architektur und Identitätskontruktionen zwischen Klischees und Image (Werbelink) habe ich mich auf die Suche einer Abgrenzung von Identität und Klischee -also tatsächliches Selbstverständnis und auferlegtes Fremdbild begeben. Dabei spielte Heimat eine Schlüsselfunktio. Sie bezeichnet ein Stück des eigenen Ichs, weshalb es einerseits für die eigene Identität fundamental ist zum anderen aber auch ein Teil des gemeinsamen Nenners mit anderen Menschen ist, die zum Gesamtbild Heimat gehören. Nicht umsonst werden Familie, langjährige Freunde oder Nachbarn als unverzichtbares Stück Heimat empfunden. Erik Eriksons Definition der Identität als Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kollektiv und zugleich das Bewusstsein ein Individuum zu sein[1], umfasst genau diesen Aspekt.

Vor der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Situation der zahlreichen Flüchtlinge, die nach Deutschland und in andere europäische Länder kommen, um neue Heimat zu finden, stellt sich die Frage ob diese neu konstruiert werden kann und – als einer der Hauptfragen der Diskussion – wie konkret sieht die Neuerschaffung von Heimat aus?

Jürgen Habermas definierte die Identitätssuche als einen Prozess des „Entdeckens und Erschaffens“.[2]Diese Definition zeigt, dass es sich bei der Identitätssuche um etwas Prozesshaftes handelt. Identität ist demnach ein Prozess der ständigen Veränderung.

Es geht demnach um das Entdecken vorhandener Rahmenbedingungen und um das Erschaffen der eigenen Identität und Zugehörigkeit innerhalb dieser. Laut Habermas erfolgt das Erschaffen aus eigenem Antrieb des Menschen. Beate Mitscherlich hat in exakt diese Erkenntnis mit dem Begriff der Heimatentstehung zusammengebracht. In „Heimat ist das, was ich mache“ beschreibt sie nicht die einzig wahre Heimat, sondern die Möglichkeit vieler Heimaten. Sie sieht die Konstruktion von Heimat als Konstrukt, als Bezugssystem des Menschen zu Orten, Menschen Ereignissen, zu denen psychische und physische Verbindungen bestehen. Heimat ist demnach eine subjektive Kategorie, auf das mit Hilfe der „Heimatpsychologie“ reagiert werden kann: Zur Beheimatung bietet Mitscherlich konkrete Strategien an, um Menschen, beispielsweise nach traumatischen Heimatverlusten neu verorten zu können.

Diese Definition schenkt Hoffnung für alle Menschen, die auf der Suche nach Heimat sind. Es scheint, als ist die Reflexion des eigenes Heimatbegriffes der Schlüssel zur Konstruktion von Heimat der damit der eigenen Identität. Was Heimat für einen selbst bedeutet lässt sich anhand der bereits 1972 von Max Frisch ausgearbeiteten Fragen[3] gut ergründen. Viel Freude beim Grübeln und sich-Selbst-entdecken!

[1] Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main 1966. S. 49f.

[2] Ritter, Joachim; Gründer, Karlfried (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4. Darmstadt 1976. S. 138ff.

[3] Max Frisch: Die Tagebücher, Frankfurt am Main 1972. S. 767 ff (Neu erschienen: Tagebuch 1966-1971 (suhrkamp taschenbuch)) (Werbelink)

 

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