Heimat – ein großes Wort mit einer schlichten Definition: Herkunft oder Ort, an ein Individuum geboren und/oder aufgewachsen ist oder sich durch einen längeren Aufenthalt zuhause fühlt. Dass diese Definition kaum das emotionale Gefühl „Heimat“ zureichend definieren kann, ist unumstritten. Max Frisch konstatierte bereits in seinem Tagebuch 1966-1971 (Werbelink) die Undefinierbarkeit des Begriffes und versuchte sich diesem mit 25 Fragen anzunähern. Im 1. Teil der Heimat-Serie in meinem Blog gibt es diese Fragen zum Download, zur individuellen Annäherung an den eigenen Heimatbegriff.

Ich empfinde tatsächlich jedes Mal ein Gefühl der Zugehörigkeit, Sehnsucht und Wehmut, wenn ich auf der A5 nach Frankfurt oder an Frankfurt vorbei fahre. Die Skyline Mainhattans war lange Symbol für „nach Hause kommen“. Noch heute, obwohl ich bereits seit 10 Jahren nicht mehr in Frankfurt lebe, durchströmt mich ein Gefühlsgemisch aus Wehmut, Erinnerungen und Emotionen; ich empfinde Heimat. Dasselbe passiert,  wenn ich Wetzlar aus südlicher Richtung anfahre. Der Leitzpark und das weite Feld gegenüber, die Sicht auf das Krankenhaus lösen in mir exakt dasselbe Gefühl aus.

Ist das eigene Verständnis von Heimat veränderlich? Ist es subjektiv und deshalb nicht zu definieren? Für mich ist Heimat weder der Ort, an dem ich geboren bin noch der, an dem ich aufgewachsen bin. Vielmehr sind es die Orte, die ich bewusst – aus verschiedenen aber immer emotionalen Gründen – als Wohnorte und Lebensmittelpunkte gewählt habe. Orte – Plural. Geht das? Gibt es mehrere Heimaten? Tatsächlich hat das Wort Heimat einen Plural, auch wenn er gefühlt ein Singularbegriff ist und sich bereits viele die Frage stellten, ob es nicht mehr ein Indiz ist heimatlos zu sein denn mehrere Heimaten zu besitzen. Beispielsweise die Regisseurin und Schauspielering Adriana Altaras, die in Zagreb geboren wurde, in Italien aufwuchs und mittlerweile in Berlin lebt, in ihrem Freitext „Gibt es einen Plural von Heimat?“

Dies verleitet zu der Frage, wie Zwangsumsiedlungen oder erzwungene Emigrationen den Heimatbegriff prägen. Auch da sind es emotionale Gründe, die für die Suche einer neuen Heimat verantwortlich sind. Ist das Verlassen des Herkunftsortes – und hierbei verwende ich bewusst nicht den Begriff Heimat – durch äußere Zwänge (Krieg; politische, religiöse, kulturelle, soziale oder wirtschaftliche Gründe) bedingt, so ist doch das Ziel der neuen Heimat eine bewusste Entscheidung (unter Abwägung aller zur Verfügung stehenden Orte). Der Begriff „Heimat“ offeriert in diesem Zusammenhang eine Chance auf einen Neubeginn. Mit Fragen dieser Art setzt sich auf künstlerische Weise das Performance-Projekt Reflexion|Noixfelder von 3Steps auseinander, über das ich für AE – academic experience worldwide geschrieben habe.

Ein erzwungenes Verlassen der Heimat liegt auch dann vor, wenn die Ausbildungsstätte oder der Arbeitsplatz an einem anderen Ort lokalisiert sind. In diesem Fall wird oftmals nicht nur das Herkunftsland verlassen, sondern ebenfalls Familie und Freunde, die – wie ich in Heimat I beschrieben hatte – untrennbar mit dem Empfinden der Heimat verbunden sind.

Betrachtet man am Wochenende und –anfang die deutschen Autobahnen zeigt sich das schier rastlose Leben der Pendel-Nomaden. Gelebte Heimat mit Freunden und Familie findet am Wochenende statt. Doch was ist der Aufenthaltsort der Woche? Ist es ein reiner Arbeitsort, mit dem keine Identifikation als Lebensmittelpunkt und eventuell zweite Heimat stattfindet? Immerhin ist es der Ort, an dem zeitlich gesehen das hauptsächliche Leben stattfindet. Interessant ist, dass Pendler sich dennoch an diesen Orten als Gäste empfinden. Hingegen in ihrer „Heimat“ als ebensolche empfunden werden. Rastlosigkeit und das Gefühl nirgends dazuzugehören ist nicht selten unter Pendlern.

Dass die Suche nach einer neuen Heimat nicht nur eine gegenwärtige Tendenz ist, die scheinbar ein wachsenden Phänomen ist, sondern tatsächlich Teil unser aller Vergangenheit beschreibt Dr. Roland Wagner in dem eindrucksvollen Text „Heimatlose Nomaden“, den hier im Blog zu lesen gibt.

 

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