Heimat – ein Thema, das mich länger in meinem Blog vor etwa einem Jahr beschäftigt hat. Es war ein großer Themenblog, der mehrere Beiträge, darunter einen Gastbeitrag von Dr. Roland Wagner,  hervorgebracht hat. Charnette von wiraufreise.de ruft zur Blogparade zum Thema Heimatliebe. Anlass für mich die verschiedenen Beiträge nochmals zu überarbeiten und hier in neue Gedanken zusammenzuführen.

Heimat, eine theoretische Begriffsdefinition

Heimat, laut Duden ist es das Herkunftsland, der Ort der Geburt oder der Ort, dem man sich durch seinen Wohnaufenthalt verbunden fühlt. Wikipedia definiert es als Begriff für den Kontext, „in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.“ Diese Einschätzung kommt dem Kern tatsächlich näher, wenn auch die Verbindung von Geburtsort und dem Gefühl Heimat nicht zwangsläufig gegeben sein muss: Heimat und Geburtsort sind voneinander autark – zum Glück! Wäre sonst nicht jede Suche nach einer neuen Heimat ausweglos und ohne Hoffnung auf einen Neuanfang?

Bereits vor über 10 Jahren war das Thema Heimat und wie es entsteht mein Thema. In Nationale Identität und Schweizer Heimeligkeit made by Peter Zumthor: Architektur und Identitätskontruktionen zwischen Klischees und Image habe ich mich auf die Suche einer Abgrenzung von Identität und Klischee -also tatsächliches Selbstverständnis und auferlegtes Fremdbild begeben. Dabei spielte Heimat eine Schlüsselfunktion. Sie bezeichnet ein Stück des eigenen Ichs, weshalb es einerseits für die eigene Identität fundamental ist zum anderen aber auch ein Teil des gemeinsamen Nenners mit anderen Menschen ist, die zum Gesamtbild Heimat gehören. Nicht umsonst werden Familie, langjährige Freunde oder Nachbarn als unverzichtbares Stück Heimat empfunden. Erik Eriksons Definition der Identität als Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kollektiv und zugleich das Bewusstsein ein Individuum zu sein[1], umfasst genau diesen Aspekt.

Jürgen Habermas definierte die Identitätssuche als einen Prozess des „Entdeckens und Erschaffens“.[2]Diese Definition zeigt, dass es sich bei der Identitätssuche um etwas Prozesshaftes handelt. Identität ist demnach ein Prozess der ständigen Veränderung.

Es geht demnach um das Entdecken vorhandener Rahmenbedingungen und um das Erschaffen der eigenen Identität und Zugehörigkeit innerhalb dieser. Laut Habermas erfolgt das Erschaffen aus eigenem Antrieb des Menschen. Beate Mitscherlich hat in exakt diese Erkenntnis mit dem Begriff der Heimatentstehung zusammengebracht. In „Heimat ist das, was ich mache“ beschreibt sie nicht die einzig wahre Heimat, sondern die Möglichkeit vieler Heimaten. Sie sieht die Konstruktion von Heimat als Konstrukt, als Bezugssystem des Menschen zu Orten, Menschen Ereignissen, zu denen psychische und physische Verbindungen bestehen. Heimat ist demnach eine subjektive Kategorie, auf das mit Hilfe der „Heimatpsychologie“ reagiert werden kann: Zur Beheimatung bietet Mitscherlich konkrete Strategien an, um Menschen, beispielsweise nach traumatischen Heimatverlusten neu verorten zu können.

Was bedeutet Heimat für dich? Mach den Test!

Diese Definition schenkt Hoffnung für alle Menschen, die auf der Suche nach Heimat sind. Es scheint, als ist die Reflexion des eigenes Heimatbegriffes der Schlüssel zur Konstruktion von Heimat der damit der eigenen Identität. Was Heimat für einen selbst bedeutet lässt sich anhand der bereits 1972 von Max Frisch ausgearbeiteten Fragen[3] gut ergründen. Viel Freude beim Grübeln und sich-Selbst-entdecken!

Mein subjektives Heimatgefühl Wetzlar

Mitten in Deutschland gelegen, ist ein Besuch meiner gefühlten Heimat Wetzlar auch als Trip einfach umzusetzen. Kaum eine Gegend bietet so viel verschiedene kulturelle Interessenspunkte wie das mittelhessische Wetzlar; vereint werden hier unter anderem Natur, Heimatgeschichte, Literaturgeschichte, Zeitgenössische Kunst, Streetart aber auch Architektur aus Mittelalter, Neuem Bauen und Gegenwart.

Alle hier vorgestellten Aspekte Wetzlar sind sehr gut für Familien mit Kindern geeignet und geben einen Anhaltspunkt, was man in dieser Stadt einen Tag mit Kindern erleben kann. An einigen Stellen sind Links gesetzt, die zu Downloads von Aufgaben oder kindgerecht aufbereiteten Informationen führen, die für Kinder ab etwa 5 Jahren passen. Mir ist es ein persönliches Anliegen immer wieder zu zeigen, dass sich kulturelle Unternehmungen gerade auch mit Kindern gut realisieren lassen. Nur, wenn Kinder bereits in jungen Jahren mit den kulturellen Zeugnissen unserer Vergangenheit und Gegenwart vertraut gemacht werden, können sie einen Bezug dazu entwickeln und diese Form des kulturellen Gedächtnisses bewahren und tradieren.

Von außen Herantasten

Als typisch mittelalterliche Stadt bietet der Altstadtkern Wetzlars keine größeren Grün- oder innerstädtische Parkflächen. Er ist geprägt von einem engen Häuserkern, Kopfsteinpflaster und kleinen aber idyllischen Plätzen. Um diesen Kern legt sich ein nahezu geschlossener Grüngürtel, der entlang der alten Stadtmauer auf einen knapp 2 Kilometer langen Spaziergang einlädt. Einen Plan zur Route gibt es auf der Seite der Touristeninformation der Stadt Wetzlar.

Faszinierend ist der Mix von historischer Stadtgeschichte und modern gestalteten Grünanlagen, die zu fast allen Jahreszeiten sehenswert sind. Einen besonderen Reiz bietet der Weg natürlich im späten Frühling, wenn bereits alles blüht und der Rundgang einfach einen Farbenpracht bietet. Der dadurch entstehende Kontrast von rauem Mittelalter und behaglicher Gegenwart zieht sich durch den gesamten Rundgang ist zugleich charakteristisch für Wetzlar.

Der Weg ist dank der Grüngürtel-Piktogramme nicht zu verfehlen. Toll sind die immer wieder kehrenden Spielplätze entlang der Route sowie Elemente, die zur interaktiven Beteiligung auffordern und speziell Kindern den Spaziergang versüßt.

Als idealer Startpunkt empfiehlt sich die Avignon-Anlage, an der auch geparkt werden kann. Der zunächst steile Aufstieg führt zum Säuturm, dem letzten erhaltenen Turm der alten Stadtmauer. Seinen Namen hat der Turm von einem Gatter, durch das die Schweine zum Weiden vor die Stadtmauern getrieben wurden. Die Uni Gießen hat zu diesem Turm ein Kurzquiz verfasst, das weitere Informationen zum lustigen Namen und der historischen Bedeutung gibt.

Der Aufstieg führt weiter zum Goldfischteich vor dem Stadttheater und weiter durch die Siena-Anlage, vorbei am alten Gericht hin zum historischen Friedhof am Wöllbacher Tor. Die Steine sind mehr als Gedenksteine denn als Grabsteine zu werten, dennoch ist dieser Platz interessant: Karl Kellner, der Begründer der optischen Industrie in Wetzlar, und Karl Wilhelm Jerusalem, der Goethe zum Romantod seines Werthers inspirierte, können hier gesucht werden.

Zum historischen Friedhof gehörte früher auch der, auf diesen Abschnitt folgende Teil des Rosengärtchens, das heute mit seiner Freileichtbühne als Veranstaltungsort genutzt wird. Die Lage ist idyllisch eingebettet in die Natur und die Konzerte sind besonders empfehlenswert. Es lohnt sich deshalb vor dem Besuch nach freien Tickets zu schauen. Im Rahmen der Wetzlarer Festspiele finden in den Sommermonaten regelmäßige Veranstaltungen statt, die zu den empfehlenswertesten des gesamten Jahres gehören.

Der Weg führt ab der Freilichtbühne wieder hinab in die Altstadt und gewährt links vom Weg tolle Einblicke auf den Dom und die Wetzlarer Gassen. Unten angekommen führt eine kleine Brücke über die Lahn, die zur Hauser Mühle gehört. Die historische Mühle, die einst dem Deutschen Ritterorden gehörte, war ursprünglich eine Getreide- und Ölmühle. Im 19. Jahrhundert wurde sie als Getreidemühle neu erbaut und wird seither bewirtschaftet. Im Mühlenladen, der Dienstag bis Samstag geöffnet ist, werden neben Mehl auch Müsli und Getreidemischungen verkauft.

Der Grüngürtelweg führt entlang des Lahnufers durch die Colchesteranlage mit dem Labyrinthgarten. Wer im Sommer diesen Trip unternimmt, informiert sich am besten vorher über Veranstaltungen wie beispielsweise die Labyrinthwochen, die immer Anfang Juli stattfinden. Zu allen übrigen Zeiten ist das Labyrinth ein fast meditatives Element, das spielerisch von Jung und Alt abgeschritten werden kann. Direkt im Anschluss befindet sich ein Spielplatz mit vielen Sitzmöglichkeiten. Diese setzen sich am Lahnufer in den Biergärten und im Lahngarten fort. Zum Verweilen lädt der Springbrunnen in der Lahn ein, der zu bestimmten Uhrzeiten zu klassischer Musik sprudelt. Auf beiden Uferseiten befinden sich Elemente des Optikparcours, die spielerisch Grundzüge des Sehens vermitteln. Interessant sind vor allem die Optikröhre und der rote Stuhl.

Entlang der Stadtmauer mit noch erhaltenen Resten führt der Weg vorbei am Leitz-Fabrikgebäude zurück zum Ausgangspunkt. Mit einem Abstecher durch die Altstadt kann der Rundgang abgekürzt werden. Über den Schillplatz lohnt der Weg zum Ludwig-Erk-Platz, einer der schönsten und ruhigsten Plätze der Wetzlarer Innenstadt, dessen hinterer Ausgang zum Parkplatz des Startpunktes führt.

Verschiedene Interessen bedienen

Durch Wetzlar mit diesem Rundgang zu starten ist deshalb sinnvoll, weil so das eigene Interesse ausgelotet werden kann. Eine der letzten Etappen führte entlang eines Teils des Optikparcours. Wer die Lust am Sehen und den Kernfragen der Optik für sich entdeckt hat, findet viele spannende Aspekte im Viseum. Die Ausstellung bietet viel Raum zum selbst erproben und interagieren: von der Wirkung des Lichts, über die Funktion eines Mikroskops bis hin zu Videogames.

Wer Gefallen an der historischen Stadt und der speziellen Einbettung in der Natur gefunden hat, für den ist die 4 Türmewanderung die ideale Fortsetzung. In den idyllischen Taunusauslegern werden historische Wachtürme der Stadt erlaufen, um immer wieder einen faszinierenden Blick auf die Stadt und ihr Umland werfen zu können. Die Tour lässt sich auch abkürzen beziehungsweise sind besonders der Kalsmunt und der Turm auf dem Stoppelberg als Aussichtspunkte interessant. Während der Stoppelberg als erloschener Vulkan der höchste Berg Wetzlars ist, ist der Kalsmunt die Ruine einer Reichsburg aus dem 8. Jahrhundert. Im 12. Jahrhundert wurde sie von Barbarossa ausgebaut, um die Stadt und das Umland der Wetterau vor Angreifern zu schützen.

Graffiti machen graue Wände lebendig

Wer nach so viel mittelalterlicher Geschichte und Natur Lust auf farbenfrohe Abwechslung bekommen hat, sollte sich auf die Spuren der Graffiti-Künstler in Wetzlar begeben. An 3Steps kommt in der Region Gießen/Wetzlar keiner vorbei. Das Künstlerkollektiv prägt seit über 8 Jahren das urbane Bild. Die Enwag und die Stadt Wetzlar nutzen die handwerklich raffinierten Arbeiten der Künstler, um Unorte attraktiv und zu einem Stück ansehnliches Wetzlar zu verwandeln: Brückenpfeiler, Trafohäuschen und durch Abbruch offengelegte Brandschutzwände werden dank der farbenfrohen Murals zu Hinguckern.  Die seit Ende der 90er in Wetzlar entstanden Bilder lassen die Entwicklung des Kollektivs nacherlebbar werden. Eines der frühen Murals befindet sich in der Unterführung am Leitzplatz. Der Comic im Roy Lichtenstein Stil zeigt die Einflüsse der Pop Art, die sich auch in späteren Werken der Künstler noch deutlich zeigen.

Poppige Farben, sich wiederholende Muster und Motive gehören ebenso zur unverkennbaren Handschrift 3Steps wie die diffizile inhaltliche Auseinandersetzung mit der dargestellten Thematik. Diese ist besonders bei dem erst letzten Sommer entstanden Mural am Stadtmuseum und Lottehaus zu bestaunen: Das Werthermural zeigt Sequenzen aus Goethes Roman „Die Leiden des jungen W.“ und setzt diese in Beziehung zu realen historischen Fakten aus dem Leben Goethes und der Wetzlarerin Charlotte Buff.

3Steps sind nicht die einzigen Graffiti-Artists der Stadt. Es lohnt sich, sich auf Abwege zu begeben, etwa am Lahnufer im Bereich des Freibades, um andere Highlights der Fassadengestaltung zu entdecken, die so garantiert kein Reiseführer empfehlen wird.

Wetzl(ar)eica

Wetzlar ist seit jeher Firmensitz von Leitz, die später als Leica mit ihren optischen Geräten und vor allem Kameras weltweit publik wurden. Zu besonderen Anlässen ist die Jugendstilvilla, das Haus Friedwart, zu besichtigen. Es diente als Wohnhaus der Familie Leitz und befindet sich am Fuße des Kalsmunt. Mit seiner außergewöhnlichen Innenausstattung von Bruno Paul gehörte es zu einer Perle der Jugendstilvillen in Deutschland. Die heutigen Innenräume sind nur in Teilen originalgetreu erhalten, ein Teil der Möbel wurde durch Biedermeiermöbel aus dem Besitz der Familie Leitz ersetzt.

Eine sehenswerte Perle der 50er Jahre ist das Leitz-Firmengebäude. Die ehemalige Empfangshalle des Unternehmens wird heute als Rathaus der Stadt genutzt und ist öffentlich zugänglich. Der Bau von Friedrich Groß und Otto Keune spricht eine klare Formensprache und zeugt von den handwerklichen Möglichkeiten des neuen Baustoffs: Zierlich, filigrane Elemente mit klaren Linien und geschwungenen Formen begründen die Denkmalposition des Gebäudes. Im Inneren ist, neben der einmaligen Raumwirkung der Empfangshalle, besonders die freischwingende Treppe sehenswert.

Architektonisch ebenso ansprechend ist der neue Firmensitz von Leica. Als Leitz-Park inszeniert befindet sich die Kombination aus Ausstellungshalle und Produktionssitz am Ortseingang Wetzlars. Die weitläufige Außenanlage lädt zum Verweilen ein. Für mich ein absoluter Lieblingsort in Wetzlar, den ich besonders gern im Sommer besuche. Denn, der Springbrunnen ist toll zum Durchrennen an heißen Tagen und prägt die Atmosphäre des Ortes als Kontrast zum Gebäude. Aufgestellte Sichtschutzwände, die von einer Seite mit Fotos gestaltet sind, unterteilen den Platz in viele kleine Treffpunkte, die in der Weite des Platzes Intimität schaffen. Einen Besuch wert ist die Leica Galerie. Wechselnde Fotografie-Ausstellungen zeigen die besten Leica Bilder der letzten Jahrzehnte namhafter Fotografen oder berühmter Persönlichkeiten, wie jüngst Till Brönner oder Lenny Kravitz.

Heimat subjektiv

Wetzlar ist meine gefühlte Heimat, meine Wahlheimat wie man es auch sagen könnte. Ich wohne hier, weil es mir hier gefällt. So einfach ist es manchmal. Keine beruflichen Gründe, keine familiären oder sonstigen Zwänge – einfach, weil ich die Lage von Natur und Urbanität mag, den Charme der Stadt und vor allem die Menschen.

 

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