Bei dem Versuch Heimat begrifflich zu terminieren stößt man zwangsläufig auf Max Frisch. Für ihn stand die Undefinierbarkeit des Topos fest. Dennoch gibt es seit seiner Festlegung in den 70er Jahren immer neue Definitionen beziehungsweise Abgrenzungen des Begriffs. Die letzte umfassenste Abhandlung stammt von Beate Mitzscherlich:*Heimat ist etwas, was ich mache: Eine psychologische Untersuchung zum individuellen Prozess von Beheimatung.Wie aktuell das Thema ist, zeigt der Beitrag des DAM Frankfurt am Main für die 15. internationale Architektur Biennale in Venedig: „Making Heimat“. Im Katalog zur Ausstellung *Making Heimat: Germany, Arrival Country (Mostra Internazionale Di Architecttura) beschreibt die aktuelle Flüchtlingssituation als Ausgangspunkt der Ausstellung im Deutschen Pavillon: Überfüllte Erstaufnahmelager, stetig neue Unterkunfts-Planungen, die Hals-über-Kopf umgesetzt und neuen Anforderungen angepasst werden müssen, sind das zentrale Thema. Das Buch von Doug Saunders Die neue Völkerwanderung – Arrival City beantwortet Fragen, die die Ausstellung aufwirft. Sein Buch zeigt aber auch, dass eine Lösung nicht einfach ist. Provozierende Fragen lösen einen Selbstreflexionsprozess aus, der zum Kern der Thematik führt.

In meinem letzten Blogpost hatte ich die Frage aufgeworfen, ob es mehrere Heimaten geben kann oder ob dieses Hin- und Hergerissen sein zwischen verschiedenen Orten nicht vielmehr ein Ausdruck von Heimatlosigkeit ist. Pendler, Emigranten, Flüchtlinge – sie alle eint der Verlust von Heimat und die Suche nach einer neuen Heimat. Dass es sich dabei nicht um ein neues Phänomen handelt, sondern der Mensch seit Anbeginn der Zeit als rastloser Nomade nach Heimat sucht, skizziert Dr. Roland Wagner in diesem Artikel.

Heimatlose Nomaden: Unsere Vergangenheit, unsere Zukunft? ˗ Dr. Roland Wagner

Im Ursprung der drei monotheistischen Weltreligionen steht die Geschichte des Verlassens der Heimat und die Existenz des Nomadenhaften: Abra(ha)m, der mit seiner Großfamilieaus aus Ur in Chaldäa. aufbricht (1. Mose 11, 31): ein Aufbruch ins Unbekannte, in eine neue Welt. Die jüdisch-christliche Geschichtsschreibung greift dieses Motiv des Aufbruchs, das nomadenhafte ˗ und diesmal 40jährige ˗ Wandern im Exodus des hebräischen Volkes aus Ägypten, erneut auf.

Aber nicht nur die Bibel resp. die jüdische Tora (Verschriftlichung vor dem 5. Jahrhundert v.u.Z.) prägen diese Motivik, auch die andere kulturelle Wurzel des modernen Europas kennt eine Erzählung vom Verlassen der Heimat und vom langen Reisen:

„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,

Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,

Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,

Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,

Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.“

So beginnt Homers Odyssee, die erstmals wohl im 8./7. Jahrhundert v.u.Z. verschriftlicht wurde, eine der ersten geschriebenen Großepen ist und (neben z.B. der Ilias) den Beginn der archaisch-griechischen Geistesgeschichte markiert.

Wandern, Reisen, Irrungen, Wirrungen, Scheitern und Versagen stehen so an den Ursprüngen des europäischen Geistes, der geradezu festgefahren scheint, wenn er ˗ und mit ihm die europäische Identität ˗ sich auf einen festen Verbund der Nationalstaaten, die nationale Heimat geben, bezieht. Dabei ist das Nomadenhafte, Heimatlose und Wandernde nicht nur ein Motiv des Geistes und seiner Geschichte, sondern auch auf der ganz konkreten materiellen Ebene ist die Ethnogenese der europäischen Völker in ihrer Abstammung von verschiedenen germanischen und mediterranen Gruppen eine der steten Bewegung, von der spätantiken Zeit der sog. „Völkerwanderung“ bis zu den heutigen migrantischen Prozessen.

Caspar David Friedrich, Der Wanderer über dem Nebelmeer, 1818

Schon mit Beginn der europäische Moderne um 1800 wurde das Wandern und die nomadenhafte Existenz als Gegenbewegung zur trockenen ‘Aufklärung’ neu entdeckt: Georg Wilhelm Friedrich Hegel beschreibt in seiner Phänomenologie des Geistes (1807) die Wendungen und die schlussendliche Selbsterkenntnis des menschlichen Geistes wie die epische Geschichte einer Wanderung, Caspar David Friedrich malt beispielsweise ˗ gleichsam erhoben wie erhaben ˗ den Wanderer über dem Nebelmeer (1818), Joseph von Eichendorff schildert das Wanderleben seines Taugenichts’ (1822/23) oder Johann Wolfgang von Goethe lässt in einem seiner Gedichte das lyrische Ich ausrufen:

„Ich hab‘ mein Sach´ auf Nichts gestellt,
Juchhe!
Drum ist’s so wohl mir in der Welt;
Juchhe!“

Henri-Edmond Cross, Der Umherziehende, 1896

Jahrzehnte später gehen solche libertäre Momente der Romantik ein in das Denken der ersten anarchistischen Theoretiker. Die Neoimpressionisten wiederum verbildlichen dies. So wird u.a. der neue, befreite und losgelöste  Mensch dargestellt. Henri-Edmond Cross’ Der Umherziehende von 1896 zeigt einen Wanderer vertieft sitzend, während eine hinter ihm dargestellte, ausgelassene Feier tobt. Die Feier zeigt die Vision des Wanderers: Die Revolution war siegreich und die vormals Unterdrückten werfen die Insignien der kapitalistischen Unterdrückung in ein flammendes  Freudenfeuer. Dieses Ereignis findet statt in einer schönen Landschaft: Harmonie & Freiheit. Dennoch haftet der Gestalt etwas Melancholisches an: Das Neue will erst erwandert werden, noch aber ist der Wanderer ein vom Kapital Ausgestoßener.

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bricht vor allem die deutsche Wanderlust aus, springt auf Volk und Volkskunst über und gerät dabei nicht selten auch in ideologische Verstrickungen. Zwar werden auch gewichtige Beiträge zur Ideengeschichte gegeben, vor allem mit Nietzsches Also sprach Zarathustra (1883-85), dessen Protagonist heimatlos durch die verschiedensten Gefilde wandert; das dauerhafte Aufschlagen eines Zeltes würde nicht nur einen Stillstand markieren, sondern auch das Ende jener sich bewegenden und dynamischen Philosophie bedeuten, deren Träger Zarathustra ist. Auch Hermann Hesse ist mit seinen wandernden Helden in Siddhartha (1919/1922) oder Narziss und Goldmund (1927-1929) als gewichtig zu nennen.

Vor allem aber dominiert die Banalität in jenen Jahrzehnten: Die sog. ‘Reiseerzählungen’ Karl Mays suchen die Freiheit erzählerisch in fernen Weiten und verstricken sich dabei im wirren ˗ beispielsweise deutschtümelnden ˗ Geist des Autors, die Ikonographie Caspar David Friedrichs wird platt und völkisch umgedeutet, verschiedenste Gruppierungen, Vereine und vor allem die Wandervögel bewegen sich auf ideologisch nicht immer einwandfreiem Terrain und Himmlers SS (Abteilung Ahnenerbe) schließlich wird mit ihren Bergsteigern auf der Suche nach einer vermeintlichen arischen Ur-Rasse den Himalaya erkunden.

Doch auch wenn Geist wie Mensch sich auf ihren Wanderungen auf die schlimmsten Irrwege begeben können, gehört das Verlassen von Heimat, das Bewegen und Suchen zur conditio humana und in besonderem Maße (im Guten wie im Schlechten) auch zu den Erfahrungen des späteren 20. wie des 21. Jahrhunderts.

Der Existentialismus thematisiert die Heimatlosigkeit des modernen Menschen: Er ist seiner Umwelt entfremdet, seine Existenz (und deren Ort/Verortung) ist zufällig, er ist einer metaphysischen Obdachlosigkeit ausgeliefert, er ist regelrecht zur heimatlosen Freiheit verurteilt, diese Freiheit ist die Grundlage der menschlichen Existenz, wie Jean Paul Sartre ausführt. In Sartres Das Sein und das Nichts (1943) heißt es so:

„Allein und in der Angst tauche ich gegenüber dem einzigen und ersten Entwurf auf, der mein Sein konstituiert, alle Barrieren, alle Geländer zerbrechen, genichtet durch das Bewußtsein von meiner Freiheit […].“

Die künstlerischen Avantgarden der Surrealisten (20er/30er Jahre) und der Situationisten (60er Jahre) prägen das Flanieren wie Durchstreifen von Stadt und Land und versuchen damit starre Gesellschafts- und Denksysteme aufzubrechen und mit der philosophischen Postmoderne gewinnt die Bedeutung des Nomadenhaften eine immense Bedeutung, vor allem in ihren postmarxistischen oder postkolonialen Ausprägungen.

Deleuze/Guattaris Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie (1980) sind so ein unsystematisches ‘Wurzelbüschel’, entsprechend einer Weltsicht, die keine festen Grenzen und Grundsätze kennt, sondern sich ständig wandelt, abwechselt oder neu-orientiert. In Kapitel 12 Nomadologie wird zudem das Überschreiten von Grenzen thematisiert, welches im globalisierten Kapitalismus in der Nord-Süd-Asymmetrie durch ein neues Nomadentum geschieht. Die paradoxen Grunddynamiken sind nach Derrida/Guattari dabei 1) der ordnungsstiftende und damit begrenzende Staat versus 2) eine kreativ-chaotisch-dynamische ‘Kriegsmaschinerie’ wider Begrenzung, Ordnungswahn und Unterdrückung. Deleuze/Guattari präferieren dabei freilich letzteren Mechanismus, auch wenn der ‘Kriegs-‘Terminus unglücklich gewählt ist. Ihre ‘Kriegsmaschinerie’ arbeitet in der Peripherie des Südens, sie zieht nomadisch an den Rändern der Nationalstaaten umher, bricht aus der aktuellen Ordnung aus und besetzt Orte des Werdens an den nomadischen Rändern, Orte der widerständigen Praxis. Operant_Innen des Nomadentums sind dabei, die, die noch werden. Jene (postkolonialen) Anderen präfiguieren keine neue Repräsentation, sondern sind metaphorisch zu verstehen als Dynamik des Werdens, des nicht Kontrollierbaren. Ebenso stehen die Nomad_Innen in keinem festen Kontext.

Unter Anbetracht der Aspekte des Interdisziplinären, des Dekonstruktiven, des Grenzenlosen, des Nomadenhaften, der fließenden Kontexte, des Fragmentarischen lässt sich konstatieren: Gerade jene Philosophen, die universalistische Wissenschaft und Philosophie kritisieren, bieten Ansatzpunkte für eine nomadenhafte Philosophie: Marx, Nietzsche, Freud, Gramsci, Althusser, Derrida oder Foucault.

1994 plädiert die Philosophin und Feministin Rosi Braidotti (*1954) mit ihrem Nomadic Subject. Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Theory (1994) für postmoderne Subjektivierungsformen und betont Mobilitätsprozesse (metaphorisch wie als tatsächliche Grenzüberschreitungen). Der Braidotti’sche spezifische Ansatz des Nomadismus’ als heterotope Denkweise beinhaltet den Gedanken, dass das Nomadische eine neue Subjektivität generiere. Die Nomadin ist dabei kein Idealtypus, hat aber utopischen Gehalt, ist Heterotopie, die keine sog. ‘Selbstverwirklichung’ darstellt, sondern ihre eigenen Widersprüche, Fragmentierung, Verflüssigung und Risse trägt. Jede Ontologie ist jener Nomadin suspekt, dennoch verortet sie sich stets und interveniert kritisch (strategischer Essentialismus), ist leibgewordenes kritisches Bewusstsein. Problempunkt dabei dürfte sein, dass die Nomadin sich leicht vom neoliberalen und globalen Unternehmertum vereinnahmen lassen kann.

Nomadentum praktizieren in den Zeiten des Neoliberalismus’ aber nicht nur die Global Players, sondern auch die ‘neuen Wanderarbeiter’, die gezwungenermaßen in ganz Europa in landwirtschaftlichen Großbetrieben arbeiten, Arbeitsmigranten und -nomaden, die in ihrer Heimat keine Beschäftigungsverhältnisse mehr finden und zeitweise oder dauerhaft in andern Regionen Europas arbeiten und letztlich freilich jene, die ihrer Heimat durch Krieg, Diktatur oder wirtschaftlichem Zerfall ihres Landes endgültig verlieren, wobei viele der Ursachen wiederum in der euroamerikanischen Kriegs-, Waffen- und Wirtschaftspolitik zu finden sind.

Slavoj Žižek verweist in seinem Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror (2015) ebenfalls auf die Fluchtursachen und gibt zudem für die globale Menschheit eine düstere Prognose, die das erzwungene Nomadensein als Normalität des 21. Jahrhunderts voraussieht:

„Man muss die Perspektive erweitern: Flüchtlinge sind der Preis der globalen Wirtschaft.[…] Vor der Kolonialisierung bestanden die Länder der Dritten Welt meist aus autonomen, relativ isolierten lokalen Gemeinschaften. Erst die kolonialen Besatzer brachten diese traditionellen Ordnungen und Lebensweisen völlig aus der Bahn und führten zu den großen Wanderungsbewegungen (nicht zuletzt durch den Sklavenhandel). Die anhaltende Migrationswelle in Europa bildet also keine Ausnahme. […] Es wird weitere solcher Wellen geben, etwa aufgrund bewaffneter Konflikte, durch neue »Schurkenstaaten«, Wirtschaftskrisen, klimatische Veränderungen. […] Die wichtigste Lektion, die es jetzt zu lernen gilt, lautet deshalb, dass die Menschheit sich darauf vorbereiten sollte, »plastischer« und nomadischer zu leben: Lokale oder globale Umweltveränderungen können uns vor die Notwendigkeit eines unerhört großflächigen sozialen Wandels und erneuter Völkerwanderungen stellen.[…] Eins ist klar: In Zeiten solcher Unruhen wird es darauf ankommen, die nationale Souveränität radikal neu zu definieren und neue Ebenen der globalen Kooperation zu erfinden. […] Migrationen im großen Stil sind unsere Zukunft, und die einzige Alternative zu einer solchen Verpflichtung ist eine neue Barbarei […].“

Auch wenn der Žižek’sche Pessimismus sich nicht in vollem Umfang realisieren sollte, gilt es sich mit dem Nomadischen anzufreunden, denn zum Einen stellt er für viele bereits heute die Realität dar, zum Anderen vermag das Dynamische des Nomadischen, als Eigenschaft des menschlichen Geistes, starre Strukturen oder Grenzen aufzubrechen. Diese Zeilen konnten nun keinen Nomadism Survival Guide bieten, doch mögen sie die Fülle der Ansätze und Impulse skizzieren, die die Geistesgeschichte ˗ künstlerisch, literarisch, philosophisch und gesellschaftspolitisch ˗ in Sachen Nomadismus zu bieten hat.

 

Dr. Roland Wagner (*1978 in Gelnhausen)

Er studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Frankfurt am Main und promovierte mit einer interdisziplinären Schrift zum Phänomen des „Übermenschen“ um 1900.

Derzeit arbeitet er über postkoloniale Themen und ist ehrenamtlich in dem Verein academic experience Worldwide e.V. engagiert, der ˗ dito mit postkolonialer Grundlage ˗ für und mit geflüchteten Akademiker_Innen aus Afrika und dem Mittleren Osten einen freien Raum des akademischen Austauschs und der fachlichen Perspektivierung eröffnet.

Dr. Roland Wagner, Annette Etges Photography

 

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