Für die Blogparade #perlenfischen hatte ich ausführlich über meine ganz persönliche Museumsperle, das Museo del Volo geschrieben. Nahe Padua befindet es sich in der Villa Castello San Pelagio. uf mich hat es einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, eienrseits aufgrund des emotional aufgeladenen, historischen Gebäudes mit seinem schönen Garten und andererseits aufgrund der Ausstellungspräsentation. Sie richtet sich nach keinen konventionellen Präsentationsmethoden gängiger Museen, ist didaktisch wirr aber genau deshalb reizvoll und genauso geheimnisvoll wie etwas rätselhaft.

jesus mit heli_1Ein spannendes Rätsel ist das letzte Bild der Ausstellung. Großformatig auf Leinwand gezogen hängt eine schwarz-weiß Kopie, die ein Jesuskind mit einem Helikopter-Spielzeug in der Hand hält. Inmitten der anderen Fotos, die Astronauten der 70er Jahre zeigen, wirkt es unwirklich, geradezu grotesk. Es gibt nur einen kleinen Hinweis, dass es sich bei diesem Werk um ein niederländisches Werk um 1500 handelt. Eine noch kleinere Kopie zeigt Jesus im Arm von Maria und verdeutlicht mir, dass die auf Leinwand gezogene Schwarz-Weiß-Kopie noch dazu ein Detail ist.

Die Magie der Ikonen verstehen

Dennoch spannend. Ich mag Ikonen. Die meist auf Holz gemalten Darstellungen der Mutter Gottes mit dem Kind zeigen oftmals noch einen Heiligen, der darauf verweist welchem Stift oder welcher Kirche die Ikone zuzuordnen ist. Ich schätze das Handwerkliche, den feinen Umgang mit Blattgold, die Verzierungen und Inschriften. Der Begriff Ikone kommt aus dem Griechischen. Er leitet sich vom Wort eikon ab, das Bildnis bedeutet. Bezeichnet wird damit ein Verehrungsbild der orthodoxen Christen. Eine Annäherung an das Thema bietet das Ikonenmuseum Frankfurt am Main. Ein Besuch ist absolut zu empfehlen, da das Museum gute Hilfestellungen leistet, um sich den komplexen Themenbereichen der Ikonen zu nähern, um die historischen, kulturellen aber auch kultischen oder religiösen Motive verstehen zu können. Vor allem Gründe für die Einheitlichkeit von Darstellungen werden dem Museumsbesucher anhand von Malerhandbüchern, die nach dem 9. Jahrhundert strenge Regeln für das Anfertigen von Ikonen vorgaben, erläutert.

Auf der Suche nach dem Heiligen

Auf der winzigen Abbildung im Museum fehlt eines der wesentlichsten Details: Der Heilige. Ein so auffälliges Details wie ein Helikopter in den Händen von Jesus muss allerdings schon einmal jemandem ausgefallen sein. Mit einer Recherchemühe finde ich das Werk eines unbekannten französischen Künstlers: Maria mit dem Jesuskind und dem heiligen Benedikt. Ein Werk aus der Zeit um 1460, das für die französische Prioré St. Hippolytus in Vivoin gemalt wurde und sich heute im Musée de Tessé in Le Mans befindet.

Der Heilige Benedikt ist in Mönchskleidung dargestellt. In seiner rechten Hand hält er einen mittelalterlichen Bischofsstab. Dieser sogenannte Krummstab leitet sich in seiner Form vom Hirtenstab ab und weist ihn als religiösen Herrscher über sein Bistum aus. In der linken Hand trägt er ein Tuch. Seinen Blick richtet sich direkt auf den Bildbetrachter. Demgegenüber steht Marias Darstellung. Sie wirkt demütig, hat den Blick gesenkt. Alles an ihr wirkt zurückhaltend: Ihre helle Haut, das zarte Gesicht, ihr feines Haar und ihre Kleidung. Auf ihren ideellen Stand verweist nur die rote Umhüllung ihres Throns- ein Stuhl, der nur durch den Überwurf zu einem Thron erhöht wird. Jesus blickt Benedikt erwartend an. Sein Blick und seine Handhaltung wirken lebhaft, auch wenn seine Körperhaltung statisch ist. In seinen Händen hält er etwas, das die Assoziation an ein Spielzeug weckt. In der linken Hand hälter er einen rundlichen Körper mit Propeller, ähnlich dem Korpus eines Helikopters. In seiner rechten Hand hält er eine Kette, die mit diesem Korpus verbunden ist, ähnlich einer Zugkette. Das Konstrukt erinnert an ein mechanisches Spielzeug, das mittels Zahnrädern und Schwungfeder dank der Aufzugkordel in Betrieb kommt und den Propeller kreisen lässt.

Die Idee vom Fliegen

Die Darstellung ist ungewöhnlich. 1460 liegt lange vor dem auf 1907 datierten ersten Hubschrauber-Flug. Tatsächlich hat dieses Bild deshalb einige Verschwörungstheoretiker inspiriert. Unter anderem Jim Hendleman für seine ganz persönlichen Theorien, was Archäologen und Forscher entdeckt haben aber verheimlichen, über die er in dem bereits vielfach in der Kritik verrissenem Jaredites: The Missing Civilization X schreibt. In diesem Buch stellt er die Frage wie es sein kann, dass Jesus in dieser Darstellung einen Helikopter in der Hand hat, obwohl zu dieser Zeit keiner von der erst viel später entwickelten Technologie Kenntnis hatte.

perlenfischen_museovolo (1)Tatsächlich ist es allerdings so, dass etwa zur Entstehungszeit des Werkes Leonardo Davinci intensive technische Studien anstrebte, um Fluggeräte zu entwickeln. Die von ihm um 1480 entwickelte Flugspirale fand zumindest innerhalb der Künstlerwelt große Beachtung. Im Museo del Volo ist im Davinci-Raum diese Konstruktion als Nachbau zu sehen. Über das Stadium der Studie ging dieser Hubschrauber-Versuch nicht hinaus, dennoch zeigt er, dass zur Zeit der Entstehung des Jesusbildes die Beschäftigung damit und die theoretische Konzeption von Flugmodellen bereits weit fortgeschritten war. Eine Umsetzung scheiterte an den passenden (leichten) Materialien, die erst zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert verfügbar waren und den Durchbruch in der Entwicklung der Luftfahrt brachten. Das sich an den wesentlichen Erkenntnissen Davincis nicht viel geändert hatte, zeigt sich an den Ansätzen Otto Lilienthals, der mit sehr ähnlichen Fluggleitern wie Davincis Skizzen als erster fliegender Mensch in die Geschichte (zu Recht oder zu Unrecht) eingegangen ist.

Darstellung Jesus als Kind

Nicht nur das Corpus Delicti als Helikopter, der die Frage nach der Fliegerei und Erfindungen vor ihrer Zeit laut werden lässt, fasziniert mich an dieser Darstellung. Vielmehr ist es die Art wie Jesus widergegeben wird: Die Starre des Früh- und Hochmittelalters beginnt sich in dieser Malerei aufzulösen. Jesus wirkt wach und aufmerksam. Sein Blick ist nicht starr und unnahbar. Er hat etwas interessiertes, neugieriges, geradezu Kindliches. Auch seine Hände wie sei das Spielzeug umklammern wirken kindlich und lebhaft. Dass Jesus als Kind dargestellt wird, ist nicht üblich. In früheren Darstellungen ist Jesus ein Erwachsener im Miniaturformat. Oftmals wirkt sein Kopf nicht einmal kindlich, er trägt kaum weiche oder gar babyhafte Züge. Er wirkt ehrerbittend und stets unnahbar. Mit dem Attribut eines Spielzeuges wird er deutlich als Mensch und damit als ebenbürtiges Gegenüber dargestellt.

Zur Zeit des Gemäldes waren einfache Kinderspiele beliebt. Es gab aber auch echtes Spielzeug, vor allem Kreisel. In Peter Brueghels (der Ältere) Gemälde Kinderspiele, das etwa 100 Jahre später entstand, sind diese ebenfalls dargestellt. Kreisel gehören zu den ältesten Kinderspielzeugen, die bereits in archäologischen Fundstellen ausgegraben wurden. Per Handdrehung oder mit Seilen werden die Kreisel zum Tanzen gebracht. Das, was Jesus in der Hand hält, kann ebenso eine Form eines Kreisels sein. Die Rotorblätter erinnern an eine indianische Kreiselvariante, weil der an einen Stab seitlich Federn angeklebt werden, die dann wie ein Propeller rotieren, sobald der Stab zwischen beiden Händen gedreht/gewalzt wird. Kreisel wurden in einigen Gebieten auch zum Wahrsagen verwendet. Er kann aber auch religiöse Bedeutung haben. Eine Variante des Kreisels ist der Dreidel, der in der jüdischen Kultur als Kinderspielzeug eine Rolle spielt (auch er ist in Brueghels Bild dargestellt).

Aktiv Sehen

Ein kleines, feines Details wurde im Museo del Volo im Großformat präsentiert und hat mich angeregt zum aktiven Sehen. Ich habe genau hingeschaut und mich mit einem Gemälde, seiner Rezeption aber vor allem auch seinen Bildgegenständen auseinandergesetzt. Zu exakt diesem genauen Sehen möchte ich auch in meinen Workshops anregen. Lust einmal mit mir gemeinsam die feinen Details der Kunst zu entdecken? Die Kurse eignen sich auch als ganz besondere Feier für Firmen, Jubiläen oder sogar Kindergeburtstage. Themen gibt es vielfältige, ich schlage gern etwas Passendes – entsprechend der Altersklasse und dem Anlass vor. Hier geht’s zum Kontaktformular.

 

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