Frankfurt, am Mainufer, ein stürmischer Novemberabend, kalt, windig, verregnet. Das waren meine ersten Asoziation zum Imagoras Teaser. Ab ins Museum an solch einem Tag? Oder lieber auf die Couch kuscheln? Beides reizvoll? Dann Imagoras installieren und beides genießen!

Imagoras – eine Vorstellung

Imagoras ist die, inzwischen nicht mehr ganz so neue App des Städels. Entwickelt wurde sie primär für Kinder. Der Untertitel „Die Rückkehr der Bilder“ verrät die Storyline des Spiels: In einer dunkel gewordenen Welt ohne Bilder ohne Farben und vor allem ohne Fantasie gilt es mit Kreativität einzelne Bilder, Geschichten und Details im Bild zu entdecken und damit lebendig zu machen. Dabei sind mehrere Bilder thematisch miteinander verknüpft, ungeachtet deren Epoche, Bildthematik oder Stilrichtung. In jedem Bild gibt es viel zu entdecken. Großformatige Bilder beziehungsweise „Wimmelbilder“ werden erst schrittweise freigespielt, so dass sich der Blick beim Betrachten nicht verliert. Der Spieler wird auf diese Weise auf Details aufmerksam gemacht und geschickt von Bildausschnitt zu Bildausschnitt gelenkt. Dabei gilt es Aufgaben zu bewältigen, die rätselartig sind.

Die Spielfigur ist Flux, durch die der Spieler handlungsfähig wird. Er ist der farbenfrohe Klecks in der düster gewordenen Welt und bewegt sich beobachtend, provozierend, abwartend, aktiv und passiv durch die einzelnen Bilder des Spieles. Im Wesentlichen sind es seine Sprüche, die Hilfestellungen geben oder Handlungen der Bildpersonen provozieren, um das Spiel weiterzubringen. Flux wird zusätzlich als lebendiges Gefäß genutzt, er transportiert Emotionen und Gegenstände zwischen den einzelnen Bilder hin- und her, um zur Lösung einzelner Aufgaben beizutragen.

Die Bilder der App sind alle Werke des Städels, sie bilden den statischen Hintergrund des Games. Sie erhalten ihren zweidimensionalen Charakter sind aber dennoch mehr als ein Bühnenbild im Theater, vor dem die Handlung stattfindet. Ihr statischer Charakter ist durchaus positiv. Dank des intelligent aufgebauten Spieles scheint sich Flux samt dem Spieler dennoch durch das Bild zu bewegen. Der Erzähler trägt dazu bei, dass jedes Werk wie ein animiertes Bilderbuch erfahrbar wird. Und doch ist es weit mehr, da der Spieler durch die Aufgaben ins Bild gezogen wird, aktiv sehen muss und sich zwischen den Bildwelten selbstständig bewegt.

Impressionen, Imagination und Ideen

Das, was eigentlich für Kinder gedacht ist, hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Mein Frankfurter Herz reagierte direkt darauf: Die düstere Novemberstimmung am Main, die vertraute Bebauung des Museumsufers, geheimnisvolle Bildwelten. Ein bisschen fühle ich mich an Dick Tracey Comics erinnert. Die deutsche Synchronstimme von Edward Norton|John Cusack (Andreas Fröhlich), die durch das Spiel als Erzählstimme leitet, ist ebenfalls sehr angenehm ansprechend.

ScreenshotDie Spielidee basiert auf einem bekannten Motiv: Das Nichts, das alles um sich verschlingt und nur eine graue, trübe Welt zurücklässt und nur durch die Kraft der Fantasie und der entstehenden Bilder (so erklärt sich dem Sprachkundigen der eindeutige Titel „Imagoras“) zu überwinden ist. Es ist eben dieses Nichts, das vor 30 Jahren Kinder weltweit in der Unendlichen Geschichte geängstigt hat und gegen das Bastian Balthasar Bux an der Seite von Atreju und Fuchur erfolgreich gekämpft hat bis er sich schließlich selbst in der Fantasiewelt fast verlor. Was für Bücher klappt, kann für Bilder nicht verkehrt sein: Lesen fördert die Fantasie; Kunst sehen fördert die Fantasie!

Da zwei meiner Kinder im perfekten Imagoras Alter (fast 6 und fast 8) sind, nutze ich die App nicht allein. Sie ist jedoch jedem Erwachsenem zu empfehlen. Es gibt andere Kulturvermittlungsapps mit kindlichem Zielpublikum, die für die Großen schnell langweilig (und nervig) werden. Auf Imagoras trifft das in keinem Fall zu. Ich erwische mich dabei abends gern weiterspielen zu wollen, zu wissen welche Bilder noch kommen und wie diese in das Spiel eingebunden sind. Aber in Rücksicht auf die Kinder habe ich Tempo herausgenommen und die App in Kindertempo erkundet. Kulturtussi Anke von Heil hatte in ihrem Bericht über Imagoras als Ferienspaß geschrieben sie habe eine Stunde zum Spielen von zwei Runden benötigt. Das deckt sich in etwa mit unserem Tempo, für uns war die App ein Begleiter über mehrere Wochen.

ScreenshotIm Game werden um die 20 Werke des Städels thematisiert. Sie sind meist als Terzett angeordnet. Das heißt innerhalb eines „Levels“ sind drei Bilder miteinander verbunden. Das Hauptwerk der drei ist jeweils das, von dem aus begonnen wird und die Portale zu den anderen zwei Bildern erst freigespielt werden müssen. Durch diese Unterteilung ergeben sich insgesamt sechs Level oder Spielabschnitte. Die App ist für Kinder ab 8 Jahren freigegeben. Für Kinder, die im Grenzbereich zu diesem Alter sind,  sind diese Spielabschnitte ideal, um immer wieder Spielpausen einzulegen. Meinen Kindern habe ich diese Spielabschnitte entsprechend vorgegeben, so ergab sich eine Spieldauer über mehrere Wochen.

Rückblickend finde ich es sinnvoll das Spiel bewusst mit Pausen zu spielen. Dies festigt besser die Inhalte und aus den einzelnen Werken bleibt mehr hängen als wenn das Spiel am Stück hastig durchgespielt wird. Generell ist diese App nicht für das Füllen kurzer Wartepausen geeignet, ich empfehle bewusst dafür Zeit zu nehmen und sie an einem ruhigen Ort zu nutzen. Entsprechend dieser Empfehlung finde ich super, dass es die Imagoras App nur für das Tablet gibt und nicht für Handys. Die Displaygröße eines Tablets wird zudem den Bildern eher gerecht und ermöglicht das Spielen zu zweit (oder zu dritt).

App zum Flux

Flux ist die Fantasiefigur, die durch das Bild führt. Für kleinere Kinder ist es oftmals schwierig seinen längeren Monologen zu folgen und daraus die zu erfüllende Aufgabe herauszuhören. Sehr schnell haben sie aber das Menü entdeckt. In diesem ist gelistet, was die interessanten Gegenstände des Bildes sind (die Flux im Rahmen der zu lösenden Aufgaben einsammeln muss) und die aktuelle Aufgabe ist dort noch einmal kurz erklärt. Die klare Schrift ist auch für kleinere Kinder gut zu lesen, das Menü insgesamt sehr übersichtlich und bedienerfreundlich.

ScreenshotFlux wirkt auf mich immer befremdlich, ein Farbklecks auf Papierschnipsel. Er ist damit in jedem Bild als Fremdkörper zu erkennen, vermutlich war das die Intuition. Ich habe mich häufiger gefragt ob nicht eine Figur, die mehr Identifikationsmomente birgt, die bessere Wahl gewesen wäre. Aber die Kinder finden ihn klasse. Das Spiel enthält ein Gimmick, dass alle von Flux gesammelten Gegenstände für ihn als Verkleidung genutzt werden können. Im Laufe des Spiels kann sein Aussehen entsprechend verändert werden. Dies kann als Screenshot fotografiert werden und/oder direkt an das Städel geschickt werden, um Teil der Flux-Onlinegalerie zu werden  (Auf der Imagoras Seite ganz unten).

Nach dem Vorspann startet Flux in der Winterlandschaft von Valckenborch. Das Bild der kleinen Eiszeit muss erst nach und nach im Schneesturm freigespielt werden. Sehr reizvoll ist das, wenn das tatsächliche Wetter in der Realität entsprechend ist. Verknüpft ist das Werk übrigens mit Henri-Edmund Cross´ Nachmittag im Garten. Gerade der Kontrast der Malstile und Farbgebung unterstreicht die antithetische Gegenüberstellung von Sommer und Winter. Ein Ausflug in den sommerlichen Garten ist wie ein Kurzurlaub. Bei der Rückkehr in Valckenborchs Winter fröstelt es einen beim Spielen, die Kälte ist förmlich spürbar.

Insgesamt sind alle Bilder so aufbereitet, dass nur zu Staunen ist. Der fühlbare kalte Winter ist ein faszinierender Einstieg in das Spiel. Achenbachs Seesturm an der Norwegischen Küste ist nicht minder beeindruckend. Die Wellen und die Gischt mit ihrer beeindruckenden Transparenz wirken real. Untermalt sind die Werke mit naturalistischen Hintergrundgeräuschen – Möwenkreischen, Wellenrauschen und das Brechen der Wellen am Felsen. Nicht nur die Naturszenen sind mit einer hervorragenden Geräuschkulisse versehen. boilly-grimassenBesonders witzig ist beispielsweise die Vertonung der Gesichtsstudien von Louis Leopold Boilly. Seine 35 Köpfe zeigen das breite Spektrum menschlicher Mimik in all seiner Komik, Hässlichkeit und Gemeinheit. Die, den Köpfen zugeordneten Sprüche, passen nicht nur perfekt, sondern lenken die Aufmerksamkeit entlang bestimmter Punkte durch das gesamte Bild, das auf den ersten Blick schier nicht zu überblicken ist. Grimassen, Fratzen und komische Schnuten erheitern sicher jedes Kind, gepaart mit den Sprüchen von Flux ist dieses Werk sicher der komischste Moment in der Imagoras App.

Die Auswahl der Bilder ist hervorragend getroffen. Die jeweils innerhalb eines Spielabschnitts verbunden Werke sind nicht aus kunsthistorischen Aspekten zusammengruppiert. Ihre Verbindung ist rein spielerischen Aspekten geschuldet, um eine gute Storyline herzustellen. Dennoch ist gerade diese wild wirkende Zusammenstellung interessant, da so jedes Bild für sich betrachtet und verstanden wird und nur entlang der Geschichte in Bezug zu den anderen Werken gesetzt wird. Die gewählten Bilder geben einen guten Querschnitt der Städel-Sammlung wieder. Im Sinne der Kunstvermittlung sind sie super ausgesucht, da auf diese Weise zu nahezu allen Themen, Epochen und Stilen der Kunstgeschichte (natürlich der Malerei) Anknüpfungspunkte gegeben werden. Innerhalb der einzelnen Bilder gibt es zusätzliche Minigames. Dafür wurden Skizzenblätter oder kleine Zeichnungen, beispielsweise aus El Lissitzkys Proun Mappe verwendet.

ScreenshotWerden die Rätsel in den Bilder gelöst und ist eine Spieletappe gemeistert, so wandelt sich die graue Szenerie in eine freundliche, farbige Umgebung. Geheimnisvoll wirkt sie allerdings weiterhin, die Lichtquellen bleiben unklar und die Farben entsprechen etwas dem Sonnenuntergang aber sind wiederum doch gar nicht natürlich. Das Hauptbild des jeweiligen Spielabschnitts ist irgendwo im Bild versteckt, beispielsweise an der Litfaßsäule vor dem Städel bei der, eingangs beschriebenem Mainufer-Szenerie.

Das Nichts und das Dunkle endgültig zu vertreiben ist Ziel des Spiels, dem der Spieler Bild für Bild näher kommt. Das Schöne ist jedoch, dass dies nicht die ganze Zeit im Kopf präsent ist: Es geht vielmehr um den fantasievollen Umgang mit den Bildern, die Verknüpfung ihrer so unterschiedlichen Geschichten zu einem großen Ganzen und das Entdecken immer neuer Details.

Die Kunst zu sehen

Es geht bei der App nicht darum Meister kennenzulernen, Bildtitel zu merken oder Epochen korrekt benennen oder einzuordnen. Es geht um Kunst sehen. Und exakt das ist fabelhaft umgesetzt.

In meinen Kunstworkshops geht es mir darum zum Sehen anzuleiten. Aktives Sehen, überlegen, Geschichten im Bild entdecken, feine Details aufspüren oder Absonderlichkeiten. In jedem Kunstwerk, ungeachtet des Stils, der Epoche, des Bildgegenstandes, gibt es zahlreiche Dinge zu entdecken. Sich darauf einzulassen, das bezeichne ich als aktives Sehen.

imagoras04Diese App ist ideal geeignet, um genau das zu tun: ein Bildwerk wird betrachtet und sich durch aktives Sehen nach und nach angeeignet. Es geht nicht darum das Bildwerk sofort in seiner Gänze zu erfassen, sondern darum sich über Bildsequenzen, einzelne Ausschnitte und Details an das Große anzunähern. Die Entdeckung vieler kleiner Geschichten ermöglicht eine Identifikation mit dem Werk: Die Geschichte spricht emotional an und setzt damit einen Identifikationspunkt. Bilder und ihre Gegenstände werden auf diese Weise sehr eindrücklich erfahren. In vielen Lebensbereichen, nicht nur beim Museumsbesuch, erinnert sich der Spieler an die App Bildwelten.

Diese App leitet zum aktiven Kunst sehen an und wirkt nachhaltig, weil ihre einzelnen Werke zum Teil der individuellen Erinnerung werden. Dies kann nur geschehen, weil der Spielverlauf mit seinen ineinander verflochtenen Geschichten auf einer intensiven emotional Ebene anspricht und bewegt.

Diese App ist absolut empfehlenswert, für Kinder und Erwachsene, die Kunst gern mit anderen Augen betrachten wollen. Es sind absolut keine Grundkenntnisse erforderlich. Sind diese allerdings vorhanden, so wird die App dennoch nicht langweilig, sondern bietet einen Mehrwert.

Imagoras war die erste App, die ich zur Kunstvermittlung für Kinder gesucht und getestet habe. Ich habe sie entdeckt als ich gerade meinen Artikel App ins Museum für Pausanio geschrieben hatte. Es ging darum um die ideale Museumsapp. Imagoras ist exakt das, was ich in diesem Text als Ideal beschrieben habe.

In den letzten Monaten habe ich viele weitere Apps anderer Museen und Kultureinrichtungen getestet und auf ihre Tauglichkeit hinsichtlich der Kunstvermittlung für Kinder untersucht. In App geht’s zur Kunst hatte ich bereits angekündigt, dass ich einige dieser Apps hier vorstellen werde. Dieser Text zu Imagoras ist der erste dieser Serie und ich kann vorab sagen, dass es schwierig war andere Apps zu finden, die auf einem ähnlich hohen Niveau funktionieren. Dass diese App kostenfrei ist hat mich überrascht, besonders nach dem direkten Vergleich zu anderen Kulturvermittlungsapps anderer großer Museen, die zum Teil kostenpflichtig sind. Einige andere Empfehlungen gibt es dennoch, die ich in den nächsten Teilen der Serie verrate.

 

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