Für die Veranstaltung „Kunst in Licher Scheunen“ bekommen die Begriffe Form und Funktion eine völlig neue Ebene. Alte, zum Teil denkmalgeschützte Objekte werden entsprechend dem Usus zum Tag der Denkmalpflege für ein breites Publikum geöffnet. Darüber hinaus wird nicht nur der Bau an sich präsentiert, sondern vielmehr dient er als Hülle: Kunstwerke verschiedenster Techniken und Stilarten zeigen einen Querschnitt der aktuellen Kunstszene in Deutschland. Insbesondere mittelhessischen Galerien und Künstlern wird damit eine Plattform geboten. Der Kontrast der alten Bauwerke zur farbenfrohen Kunst erinnert an gut inszenierte Fotografien, die für entsprechende Touren werben. Zugleich wirft er die Frage auf, was das eigentliche Präsentationsobjekt ist: Bau oder Kunst. Beide bedingen einander und betonen den jeweils anderen durch ihren eigenen Repräsentationscharakter.

Das Format findet bereits seit 2013 statt. In den letzten vier Jahren wurde das Programm entsprechend der Nachfrage differenziert und vergrößert. Neben den bildenden Künsten hat zunehmend das Kunsthandwerk sich seinen Platz im Rahmen der KiLS erobert.

Lich begeistert vor allem mit seinem Charme als Fachwerkstatt und glänzt mit facettenreichem Einzelhandel und bietet ein buntes Rahmenprogramm. Der Kunst in „Scheunen“ begegnet der Besucher eher zufällig. Das diesjährige Booklet war leider nicht als Rundgang aufgebaut, auch die begrenzten Vorab-Informationen ließen es kaum zu sich einen interessensbasierten Rundgang selbst zusammenzustellen. Treiben-lassen heißt also das Thema des heißen Spätsommerwochenendes. Entlang der Unterstadt, Oberstadt und den benachbarten Gassen befinden sich die hauptsächlichen Räumen, die von der Veranstaltung bespielt werden. Tatsächlich im Gedächtnis geblieben sind mir drei Ausstellungsorte beziehungsweise Beiträge.

Das erste, was ich besuchen wollte war Edition noir, die für ihre Handpressendrucke und Künstlerbücher bekannt sind. Künstlerbücher sind ein Medium, das in der klassischen Kunstszene oftmals untergeht und wenig Beachtung erfährt. Sicherlich ist dies hauptsächlich der Präsentationsfrage geschuldet. Bei den Rundgängen der Kunsthochschule Kassel habe ich dieses Medium schätzen gelernt und insbesondere mein Interesse an Märchenillustrationen entdeckt. Zu betonen ist, dass diese keinesfalls Kinder als Zielpublikum anvisieren. Edition noir zeigt auf der KiLS2016 ebenfalls Illustrationen einiger Hans Christian Andersen Märchen. Beeindruckend sind die filigranen Grafiken aus der Handpresse, die im Rahmen des Projektes 5×5 entstanden sind.   Bei den Illustrationen zu Die Prinzessin auf der Erbse(Werbelink) von Bodo W. Klös hat mich vor allem der inhaltliche Kontrast der einzelnen Bilder überrascht: Die Illustrationsfolge beginnt mit einem unschuldigen Porträt der Prinzessin mit einer Erbsentapete im Hintergrund. Das Bild steht symbolisch für alle jungen Mädchen – das schöne Antlitz mit weichen Zügen und unschuldigem Blick wirkt lieblich. Trotz dass es sich um eine Druckgrafik handelt, wirkt die Linienführung weich und zart. Demgegenüber steht die Darstellung der Prinzessin beim Beschweren über die drückende Erbse. Härtere Konturen, die schon beinahe an die Kraft eines Holzschnittes erinnern, unterstützen die Stimmung des Bildes. Alles Kindliche, Niedliche ist verschwunden.  Verstörtheit, körperlicher Schmerz, Verwunderung und sogar Wut prägen die Darstellung der Prinzessin.

Gerade diese Serie an Radierungen zeigt welche Möglichkeiten das Medium bietet und wie facettenreich es Stimmungen wiedergibt. Ich fühle mich erinnert an Lithografien der Wiener Secession und an Motive Gustav Klimts. Besonders ein Motiv von Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern (Werbelink) arbeitet mit ähnlichen Schriftzügen und Bildelementen. Diese sind typisch für Frank Eißner und lassen sein Werk immer wieder mit histprischen Vorbildern vergleichen. Dennoch wirken seine Illustrationen nicht altertümlich, sondern erfrischend modern und unkonventionell.

Daniel Amadeus Michels Skulpturen waren für mich ein weiteres Highlight. Aus gesammeltem Strandgut – Bohlen und Steinen – schafft er einzigartige Skulpturen, die durch ihre ausgestrahlte Ruhe und Harmonie die Assoziation eines Zen-Gartens wecken. Seine Skulpturen ruhen in sich, vermutlich weil ihre Fertigung eben diese Ruhe und Ausdauer erfordert, die sie nun ihrem Betrachter abverlangt, um entdeckt zu werden. Die gefundenen Hölzer halten die sorgfältig gestapelten Steine, die in einigen Skulpturen farbig sortiert sind. Ähnlich einem Regenbogen fasziniert ihre gleiche Grundform – geschliffen vom Meer.

Im Bahnhof in Lich begeisterten mich die Arbeiten von Janos Schaab, einem ungarischen Künstler. Bekannte Porträts von Audrey Hepburn, Davincis Dame mit Hermelin oder die Städelvenus von Lucas Cranach begegnen einem auf völlig neue und unerwartete Weise.

Die Bilder sind in einer Rastertechnik gefertigt und setzen auf die Fernwirkung. Bei Annäherung an das Kunstwerk lösen sie sich auf. Interessant sind vor allem die Werke mit Hintergrund – Silber- oder Goldfolie schenkt dem Werk eine völlig andere Wirkung. Etwas verwirrend sind die zusätzlich aufgestellten Installationen. Das Goldnugget, eine zerknüllte Rettungsdecke, versteht sich als Skizze oder Formstudie für die Hintergründe der Rasterbilder. Der vergoldete Antik-Computer als symbolische Digitalhilfe zur Erstellung der Werke. Um das allerdings zu Entschlüsseln bedarf es eines kunstgeübten Auges, so dass die (wirklich gehörte) Frage „Wieso ist das Kunst?“ sicher berechtigt ist.

Kunst in Licher Scheunen findet zum Tag der Denkmalpflege statt. Die Ausstellungsräume sind zum Teil Orte, die der Öffentlichkeit sonst verborgen bleiben. Mein Lieblingsort in diesem Jahr war die Licher Brauerei. Interessante Motive, eine spannende Kulisse und ein Teil Kulturgeschichte fernab der Bildenen Künste.

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