Ich liebe, wenn Produkte für Kinder und insbesondere für Kleinkinder Anreize bieten, um sich mit unserer Kultur und Kunst zu beschäftigen. Jüngst hatte ich die Hörspiel-CD Erdmännchen Gustav – Kunstraub im Museum vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Eine super CD für ganz Kleine, schon ab 3 Jahren können Kinder der Geschichte gut folgen. In meinem Artikel Kunstraub im Museum. Impulse zur Kunstvermittlung hatte ich dieses tolle Audiobook schon näher beschrieben. Für Ältere wird das Hörspiel nochmals spannend, denn sie beschäftigen sich dann mit der Frage welches Bild gestohlen wurde, warum Bilder gestohlen werden und wie sich der Wert von Kunst ergibt. All das sind Fragen, die Kinder von sich aus stellen und die mir Anknüpfungspunkte liefern, denen ich in meinen Kunst-Sehen-Workshops für Kindern nachgehe.

Der Zerbrochene Schlüssel von Paul Klee

Im Hörspiel wird ein Bild aus dem Museum gestohlen. Dieses Bild ist vorn auf der CD zu sehen, etwas verdeckt von einem der tierischen Protagonisten, aber eindeutig zu erkennen. Die Kinder, mit denen ich die CD hörte, waren zwischen 3 und 8 Jahren. Die Größeren Kinder fragten direkt, ob es das Bild in Echt gäbe. Die Frage, ob etwas Realität ist, ist für Kinder zwischen 6 und 10 Jahren besonders relevant. Doch wie erklärte es bereits Erich Kästner in Pünktchen und Anton: Eine Geschichte ist dann wahr, wenn sie so erzählt wird, als ob sie sich genauso zugetragen haben könnte.

In diesem speziellen Fall bedeutet das, dass die Informationen zum geraubten Bild, die das Nilpferd Max gibt besonders relevant sind. Er erzählt von dem Bild „Zerbrochener Schlüssel“, das ein Labyrinth darstellt, dessen Schlüssel zerbrochen ist. Er beschreibt die Entstehungszeit als wilde Zeit, die ähnlich wirr und undurchsichtig einem Labyrinth war und die auch den Maler Paul Klee schwer beeinflusste.

Ausgehend von diesen Informationen habe ich begonnen mich dem Zerbrochenen Schlüssel mit den Kindern gemeinsam anzunähern. Eine assoziative Methode erschien mir sinnvoll. Die Kinder waren überrascht ob meiner Aufforderung ein Gedicht zu dem Bild zu verfassen.

Erstmals habe ich hier tatsächlich schon 3jährige teilnehmen lassen. Das ergab sich aus dem empfohlenen Alter der CD. Ich war selbst skeptisch, ob und wie das funktionieren wird.

Lyrische Annäherung

Ich habe mich der traditionellen Methode der Elfchen bedient. Die entstandenen Gedichte sind einzigartig, jedes für sich und wahnsinnig poetisch. Oftmals sind Elfchen deskriptiv, vor allem bei gegenständlichen Bildwerken. Aus diesem Grund verwende ich sie lieber bei expressionistischen bzw. abstrakten Kunstwerken. Ich schätze insbesondere den lyrischen Charakter, der die Kinder selbst immer wieder überrascht. „Wie spielend ich ein Gedicht schreiben kann, nur dank eines einfachen Kunstwerkes“ – Sätze dieser Art höre ich dann oft, muss schmunzeln, denn letztlich ist es nicht nur das Kunstwerk, sondern insbesondere die Methode, die das aus den Kinder herauskitzelt. Dennoch beeindrucken mich die Reaktionen immer wieder und sind der Grund diese Methode wirklich gern einzusetzen.

Zwei sehr gegensätzliche Gedichte möchte ich hier gern zeigen. Das erste enthält ebenfalls deskriptive Momente, wirkt dennoch lyrisch und spielerisch in der Wortwahl. Vorgetragen mit den passenden Pausen entsprechend der Satzzeichen staune ich endlos. Es passt einfach perfekt zu dem poetischen Klee-Werk.

 

Grün.
Bunt, schön.
Im bunten Schlüssellabyrinth.
Nase, Schlüssel, verdrehtes L.
Punkt.

Ebenso wortstark aber gänzlich unbeeindruckt von dem in eine spezifische DEutungsrichtung lenkenden Titel ist das zweite Gedicht, das ich zeigen mag. Nicht minder poetisch aber weniger beschreibend, mehr fühlend würde ich dieses Stück beschreiben.

 

Rosa.
Eckig, rund.
Am vollen Strand.
Kinder toben, Erwachsene rennen.
Freude.

 

Gerade der komplette Unterschied der Gedichte ist spannend für die Kinder. Sie versuchen das, was bruchstückhaft im Gedicht beschrieben wird zu sehen, um es nachvollziehen zu können und es mit der eigenen Wahrnehmung zu vergleichen.

Positiv überrascht war ich von den Ergebnissen der 3-jährigen. Für diese bedarf es etwas mehr Hilfestellungen, da sie mit Begriffen wie „beschreibende Wörter“ nichts anfangen können. Mit etwas Einfühlungsvermögen klappt das aber auch.

Sieh genau

In einem nächsten Schritt nutze ich dieses genaue Hinschauen der Kinder. Ich verteile Drucke der Bilder, die in ihrer Größe dem Originalbild entsprechen. Allerdings habe ich in dieses Bild Fehler eingebaut, die es zu finden gilt. Nochmals sind die Kinder also angehalten genau zu schauen. Die Fehlerbilder bearbeite ich immer selber im Photoshop. Ich kopiere dafür Bildelemente oder schneide welche auf und fülle die dann entstehende leere Fläche im Stil des Bildes, manchmal indem ich Motive kopiert einfüge. Ich passe dabei sowohl die Fehleranzahl (zwischen 5 und 25) als auch den Schwierigkeitsgrad dem Alter an. Für ganz kleine Kinder wie in diesem Fall die 3-Jährigen breche ich bewusst den Stil und füge leicht erkennbare Elemente ein, variiere Farben oder lasse größere Bildteile weg. In diesem Fall bekamen die kleineren ein anderes Fehlerblatt. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, um zu erreichen, dass alle Kinder etwa zur selben Zeit fertig sein können.

Klee und seine Zeit

Ich muss vorab sagen, dass ich diesen Abschnitt für die Kinder ab 6 Jahren im Workshop konzipiert hatte. Die 6-jährigen sind hier jedoch in der Minderzahl, der Großteil der Kinder ist bereits 9-10 Jahren. Für die 3-jährigen ist diese Methode nicht geeignet, die bekamen hier eine andere Aufgabe – da es um Labyrinthe ging, bekamen sie Labyrinthe, durch die sie Wege suchen mussten, um zu den Tieren zu gelangen, die in der eingangs gehörten CD mitgespielt hatten.

Den größeren Kindern stellte ich die Aufgabe was das Labyrinth für eine unruhige und chaotische Zeit symbolisieren könnte. In Brainstorming- Manier kamen verschiedene Ideen, die sich zu Themenkomplexen clustern liesen: Familienprobleme, Geldmangel, Krankheit und Krieg waren die Ideen der Kinder. Ausgehend davon konnten wir einen wirklich kurzen Ausflug in die Themen Berufsverbot (Klee wurde mit der Machtergreifung der Nazis aus seiner Position als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie entlassen), Entartete Kunst (die 1937 eröffnete Ausstellung zeigte 16 Werke Paul Klees; seine Arbeit wurde denen von Schizophrenen gegenübergestellt, um seine Entartung zu beweisen) unternehmen, vor allem untermauert von eindrucksvollen Fotos.

Das Sprengel Museum, in dem Klees Zerbrochener Schlüssel aktuell hängt,  hatte am 12. März zu einer Lesung Worte und Bild III geladen. Es handelt sich dabei um eine Serie von Veranstaltungen, die den Diskurs zum Thema Migration suchen. Vor ausgewählten Werken der Sammlung werden Texte rund um dieses Thema gelesen. Inszeniert werden dabei Schriften von Volker Bürger. Für die Inszenierung sind Stefan Wiefel, Professor im Fachbereich Schauspiel der HMTM Hannover, und Isabelle Barth verantwortlich. Ein ähnliches Format lässt sich in einen Kunstworkshop für Kinder bestens integrieren. Gut geeignet sind dafür Kinderbücher, in denen das Leben im Dritten Reich thematisiert wird wie beispielsweise in den Bänden Wir Kinder aus Nr. 67 von Lisa Tetzner.

Den Kreis schlossen wir mit der abermaligen Betrachtung des Zerbrochenen Schlüssels. Ein Bild, das in seiner Farbigkeit als bunt und freudig empfunden wurde und damit gänzlich entgegen dieser Thematik steht. Dennoch entdeckten die Kinder den Zusammenhang und stießen auf fragile, unterbrochene, irgendwie wirre Linien.

Und schnell zog es die Frage nach sich, was Paul Klee sonst gemalt hat. Ideal, um tiefer ins Klees umfangreiches Werk einzusteigen.

 

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