Ein alle Sinne umfassender Ansatz der Kunstvermittlung schließt auch den kulinarischen Genuss ein. Kunst schmecken! Geht das? Von Art Dinner oder Performance Dinner oder auch Art Brunch haben sicher einige schon gehört. Meine Kunstkinder, und ich selbst auch, waren neugierig wie so etwas genau abläuft. Die Kunstkinder haben ihre, zum Teil sehr amüsanten Fragen und Vorstellungen gesammelt. Wer könnte da ein besserer Ansprechpartner sein als Rolf Baltromejus. Hier in Mittelhessen ist sein Name bereits bekannt als der Eat-Art-Performer schlechthin. Ob Elvira Bach oder James Rizzi – Rolf Baltromejus fallen die kreativsten Kreationen ein, um Kunst auch auf der Zunge erfahrbar werden zu lassen. Auf Instagram und in seinem Blog Rolf cooks zeigt er die verlockenden Ergebnisse und lässt so immer einen kleinen Blick über die Schulter zu, wie Kunst kulinarisch interpretierbar wird.

Im Interview hat er uns viele Kinderfragen beantwortet und den ein oder anderen Hinweis gegeben wie die Lieblingswerke der Kunstkinder kulinarisch umgesetzt werden können. In diesem und dem nächsten Blogbeitrag lest ihr spannende Antworten auf die interessierten und manchmal witzigen Fragen der Kunstkinder aus dem Kurs.

 

Kunstkinder: Kunst kann man anschauen, vielleicht anfassen. Aber essen? Nein. Äh, sind ja Ölfarben. […] Wie kommen Sie auf die Idee Kunst zu kochen?

Rolf Baltromejus: Als ich in London Bildhauerei und Performance studierte, arbeite ich gerne mit Materialien wie Leder, Salzteig oder Nutella. Daraus entwickelte ich Arbeiten, die teilweise von Dauer waren oder aber nur für die Dauer der Eröffnung bzw. der Ausstellung hielten. In meiner eigenen Kunst spricht mich gerade das Flüchtige an: Dass etwas nur für einen Moment da ist und dann verschwindet bzw. lediglich als Fotodokumentation erhalten bleibt.

Als ich meinen Master in Berlin machte, recherchierte ich die Eat Art und verfasste zu diesem Thema auch meine Abschlussarbeit. Aus dieser Beschäftigung gingen meine Performance Dinner hervor!

Zwei Künstler beeinflussten die Weiterentwicklung der Performance Dinner in den folgenden Jahren: der Amerikaner Gordon Matta-Clark und der Taiwanese Rirkrit Tiravanija. Der Architekt und Künstler Matta-Clark betrieb mit seiner Partnerin und weiteren Helfern Anfang der 1970er Jahre ein Restaurant in New York. Dieses war darauf ausgelegt, dass Freunde und Bekannte beim Kochen mithalfen oder gar für eine gewisse Zeit die Chefposition einnahmen (und dafür die Erlöse des Restaurants erhielten).

Tiravanija auf der anderen Seite ist ein Peformancekünstler par excellence, der in den 1990er Jahren mit seinen Thai Green Curry-Performances bekannt wurde. Hierbei erhielt er von Galerien Zugang zu Ausstellungsräumen, aber statt Gemälden, Skulpturen oder anderen Arbeiten stellte er Tische, Kochzutaten und Rezepte aus. Er bereitete mit den Gästen ein Curry zu, das sie gemeinsam verzehrten und dabei über Gott und die Welt – inklusive Kochen und Kunst – sprachen.

Auch bei meinen Performance Dinners steht der Kontakt zwischen den Menschen, die gemeinsam kochen und essen, im Vordergrund. Dabei werden Speisen serviert, deren Kreation von Künstlern und ihren Werken beeinflusst wurde, die aber auch Elemente aus den Biographien dieser Künstler mit einbeziehen. Da wären zum Beispiel die Radieschen, die man öfters als Bildelement in Elvira Bachs Gemälden findet und die ich als Dessert mit Rührkuchen und Marzipan nachstelle, oder ein Schokoladendessert mit Avocado und Limette, welches optisch und farblich ein Otto-Piene-Rauchbild widerspiegelt.

Die Performance Dinner finden an „essfremden“ Orten statt, nämlich in Museen und Galerien. Dort gibt es meist keine Küchen – wenn man Glück hat, steht aber immerhin ein Kühlschrank vor Ort, und es gibt ein Spülbecken. Ich koche also auf kleinen Flächen, rücke mit Koch- und Warmhalteplatten an, habe zwei Tische, die zum Anrichten herhalten müssen, und viele Bananenkisten zum Verstauen. Seit sechs Jahren veranstalte ich nun eigene Performance Dinner – vom ersten als museumspädagogischem Begleitprogramm zur Ausstellung Manna von Rosa Loy bis zum letzten über Pop Art, Lori Hersberger, David Lynch, Picasso u. v. a.

Ausgehend von den eigenen ländlichen Wurzeln habe ich mich in den vergangenen Jahren mit vielen Foodtrends beschäftigt und mir immer wieder neue Kochrichtungen angeeignet. Von der Molekularküche bis hin zu den nordisch-skandinavischen Trends habe ich vieles ausprobiert und mit Elementen aus der Kunst zu neuen Gerichten kombiniert, die eine eigene Geschichte erzählen. Ich bin kein ausgebildeter Koch – vielmehr entstamme ich der Kunst.

 

Kunstkinder: Ok, es geht also um richtiges Essen in Kombination mit Kunst erleben. Schnitzen Sie aus Lebensmitteln Kunstwerke 1:1 nach oder wie geht das? [Einwurf Kind: Haben Sie auch schon einmal Käse verwendet? Was passiert dann mit den Löchern, außer Spongebob lässt sich daraus doch nichts machen?]

Rolf Baltromejus: 1:1-Kopien mache ich nicht. Meine Performance Dinner sind eher als Hommage an den Künstler oder die Kunstwerke zu verstehen. Ich will die Kunstwerke ja nicht nachstellen, sondern meinen Gästen einen ergänzenden, neuen Zugang zu dem Bild oder der Skulptur geben.

Ganz oft beschäftigt man sich als Besucher einer Ausstellung nur sehr kurz mit den Kunstwerken. Man läuft durch die Räume, schaut nach links und rechts, nur bei wenigen Werken, die einem gefallen, bleibt man länger stehen. Meistens ist es dabei so, dass man ein schnelles Urteil fällt: „Mag ich/ mag ich nicht.“ Bei dem Performance Dinner dagegen sitzt man zum einen schon mal für die Dauer des Abendessens in ein und derselben Ausstellung und kann sich vom Sitzen aus einige Werke genauer anschauen. Und jeder Gang wird dann noch mal genauer vorgestellt – auch in Bezug zum Kunstwerk, für welches der jeweilige Gang steht.

Die Käseloch-Frage kann ich also leider nicht beantworten. Aber meistens verarbeite ich auch jedes Lebensmittel weiter und bringe es nicht einfach so auf den Tisch: Da wird gekocht, gebacken, geschmolzen, geeist, püriert, geliert und neu in Form gebracht! 😉

 

Kunstkinder: Wonach wählen Sie die Kunstwerke (oder Künstler) für die Kochevents aus?

Rolf Baltromejus: Ich arbeite hauptberuflich in einer Galerie. Hier habe ich die Möglichkeit zu den Sonderausstellungen Performance Dinner anzubieten. Das ist insofern toll, als ich in der Vorbereitungszeit zur Ausstellung schon Gelegenheit hatte, über die Künstler und deren Biografie zu recherchieren und mich mit ihren Bildern oder Skulpturen vertraut zu machen.

Ab und zu kommen auch Aufträge von außen herein. Da muss ich aufpassen, dass ich mit den vorgegebenen Themen auch etwas anfangen kann, ansonsten wird es schwierig, schöne Ideen für ein Kunstessen zu entwickeln…

 

Kunstkinder: Haben Sie zuerst die Menüfolge im Kopf und wählen passend die Werke (innerhalb einer Ausstellung z.B.) dazu aus – oder andersherum?

Rolf Baltromejus: Generell schaue ich mir erst die Arbeiten an – und wenn es nur im Internet ist. Dann lese ich etwas über den Künstler nach und schreibe die Rohfassung einer Menüfolge auf. Meistens notiere ich dann in den nächsten Tagen stichpunktartig Ideen dazu, d. h. einzelne Lebensmittel, die ich mir gut zu den Kunstwerken vorstellen könnte (sei es wegen der Farbe, der Form, des Geschmacks oder, oder, oder). Hierbei versuche ich auch darauf zu achten, dass die Zutaten der Saison entsprechen (also keine Erdbeeren oder Spargel im Winter etc.).

 

Kunstkinder: Wie konkret lässt sich Kunst schmecken, wie gehen Sie an die Aufgabe Schritt für Schritt heran?

Rolf Baltromejus: Nach der Rohfassung für das Menü kommt die Kochbuch-Recherche. Mittlerweile habe ich fast 1000 Referenzbücher. Diese benutze ich, um neue Inspiration für Kochtechniken zu bekommen. Das heißt, dass ich das Rezept nicht nachkoche, sondern schaue, was man vielleicht noch so alles mit einer Kartoffel anstellen kann (außer Kochen, Braten, zu Brei Verarbeiten etc.). Außerdem versuche ich, Irritationen in ein Menü einzubauen. Das heißt, besagte Kartoffel könnte z. B. im Dessert vorkommen (Zartbitterschokolade und Kartoffel funktionieren sehr gut zusammen). Oder ich stelle mit Hilfe von Zutaten und Methoden der Molekularküche Texturen her, die man nicht erwartet.

Im Prinzip soll ein Performance Dinner ein Essen sein, welches man sich nicht so einfach zu Hause nachmachen kann. Häufig kennt man zwar alle Zutaten, aber die Darbietung ist eine besondere.

 

Ich baue in meinen Performance Dinners immer einen vegetarischen Gang, einen mit Fisch und einen mit Fleisch ein. Dazu kommen noch ein Dessert und zwei/drei kleine Überraschungen aus der Küche. Hier arbeite ich schon konkreter mit den einzelnen Kunstwerken und überlege mir, welches die Vorspeise werden könnte und welches z.B. eher als Dessert geeignet wäre. Da schaue ich nach den Farben und Formen und gucke auch erneut nach der Biographie des Künstlers.

Meistens probiere ich dann mehrere Wochen lang abends einzelne Komponenten des Menüs zu Hause aus, um zu sehen, wie es schmeckt und ob ich mir das zum Kunstwerk so vorstellen kann.

Etwa eine Woche vor dem Performance Dinner Termin lade ich die Freunde zum Essen ein, die mir an dem Abend im Service helfen. Dann koche ich das komplette Menü, und es gibt auch schon eine Auswahl an Getränken dazu, die ich mit einem befreundeten Weinhändler ausgesucht habe.

Ich sitze dann mit Notizblock am Tisch und schreibe alles auf, was uns zum Menü einfällt. Da besprechen wir solche Sachen wie die Größe eines Gangs, ob nicht doch der Fisch zum Hauptgang werden sollte, und ob der Fleischgang zum Zwischengang mutiert, ob es gar nicht schmeckt, oder ob man eine  einzelne Zutat ändern sollte…

Da kommt es also auch schon mal vor, dass große Teile komplett geändert wurden.

 

Kunstkinder: Hängen der Preis für das Essen und die Bilderpreise zusammen? (Ist das Essen teurer, je teurer die Kunstwerke sind? Ändert sich die „Wertigkeit“ der Speisen, je wertvoller die Kunstwerke?)

Rolf Baltromejus: Nein, der Preis ist immer gleich – es sei denn, es gibt ein Essen mit mehr Gängen als üblich. Dann wird der Preis etwas angehoben.

Aber ich suche die Kunst nicht nach dem Preis aus, sondern ob sie mir gefällt! Das ist das Wichtigste: Für eine Ausstellung, die ich nicht so spannend finde, mache ich lieber kein Performance Dinner als nur etwas Halbherziges. Das würde man, glaube ich, schmecken…

 

Kunstkinder: Wer sind die typischen Gäste beim Kunstessen?

Rolf Baltromejus: Die Gäste entstammen meistens dem Mittelstand – viele Lehrer, Ärzte, Anwälte etc.; Leute die auch in einer Galerie einkaufen und so etwas von dem Dinner erfahren.

 

Lest im nächsten Teil Yummi – Kunst schmecken II, welche Künstler Rolf Baltromejus gern einmal in einem Performance-Dinner umsetzen würde und erfahrt, welche konkreten Ideen er für die Lieblingsbilder der Kunstkinder hatte.

 

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