Anfassen verboten gilt in den meisten Ausstellungen. Dennoch betrachte ich Kunst in der Vermittlungsarbeit gern ganzheitlich. Um Kunst tasten zu lassen bedarf es deshalb spezieller Methoden. Im letzten Blogbeitrag, dem ersten Teil zu Kunst tasten, hatte ich Kneten als sehr einfache Variante vorgestellt sich Kunst zu nähern. Eine Giacometti Skulptur konnte auf diese Weise ertastet werden ohne sie direkt zu berühren. Die Kinder haben sich spielerisch an die Details des Werkes herangetastet – sprichwörtlich und tatsächlich, und sich auf diese Weise ganz nebenbei auch den Werkaufbau erarbeitet.

Mit einer zweiten Methode habe ich versucht das Tasten und Ertasten noch mehr zu fokussieren. Die übrigen Sinne sollten dafür konsequent ausgeblendet werden. Kunst ertasten und nur durch dieses mit Händen begreifen ein inneres Bild entstehen lassen, war das Ziel dieser Methode, die ich hier vorstellen möchte.

Tasten und visualisieren

Für diese Methode bedarf es einer Skulptur, die angefasst werden darf. Behelfsweise, falls Anfassverbot besteht, kann auch eine Gipsfigur aus dem Souvenirshop des Museums oder etwas Ähnliches dienen. Es ist einfacher, wenn es sich um eine figürliche Arbeit handelt, das ist aber kein Muss. Eine Person wird von der Gruppe isoliert und bekommt die Augen verbunden. Unsichtbar vor der Gruppe bekommt sie die Skulptur zu tasten. Alle übrigen Gruppenmitglieder bekommen einen Bleistift und ein Blatt. Der Beschreibende versucht jedes kleinste Detail des Ertasteten zu beschreiben. Leitwörter für die Beschreibung können vorher abgeklärt sein, beispielsweise Größe, Form, Wärme/Kälte, Material, Vergleiche zu bekannten Formen/Gegenständen. Wenn der Beschreibende von sich aus „fertig“ signalisiert, wird gewechselt. Er bekommt nun ebenfalls Blatt und Stift und ist aufgefordert zu visualisieren was er ertastet hat. Diese Zeit kann man nutzen, um die anderen Gruppenmitglieder mit verbundenen Augen tasten zu lassen. Sie haben auf diese Weise die Möglichkeit ihre zuvor angefertigte Zeichnung zu überprüfen. Ihr Bild wird genauer. Nach dem Tasten können sie ihr Bild verändern oder (so ist es im Sinne eines Vergleiches fast noch besser) ihre zweite Variante – nach der gehörten Beschreibung und dem selbst Ertasten – auf die Rückseite des Blattes skizzieren. Haben alle getastet und visualisiert wird aufgelöst, die Skulptur wird gemeinsam betrachtet und mit den angefertigten Zeichnungen verglichen.

Erfahrungen aus dem Kunst-Sehen-Workshop

Diese Methode funktioniert sehr gut in kleinen Gruppen mit ca 10-12 Personen und ließ sich auch toll mit Kindern umsetzen. Sie funktioniert am besten, wenn keiner aus der Gruppe die Skulptur kennt. Wichtig ist jeden Teilnehmer zu ermutigen allein in seinem Kopf und auf seinem Blatt zu bleiben. Gerade unterschiedliche Vorstellungen sind spannend. Ich habe festgestellt, dass es kein Falsch gibt. Jeder ertastet etwas, das natürlich auch dem Original entspricht. Speziell bei Objekten die schwer nach unten oder oben einzuordnen sind, ist das Ergebnis interessant und zeigt oftmals verschiedene Ansichten: Aufsicht, Seitenansicht oder Details.

Ich hatte mich im letzten Kunst-Sehen-Workshop für die Holzskulptur eines auf die Knie gebeugt sitzenden Mannes entscheiden. Die Form ist nicht sofort als Mensch zu ertasten, dennoch ist es möglich aufgrund der einzeln ausgearbeiteten Finger und Fußzehen darauf zu schließen. Es erfordert allerdings einiges an Fingerspitzengefühl und lässt auch genügend Spielraum offen für andere Vorstellungen.

Kunst Tasten IIDie Beschreibung, nach der die Kinder im ersten Durchgang ihre Zeichnungen anfertigten, sprach von einer mittleren Größe und stellte vor allem die Rundungen als auffällig heraus. Der Beschreibende ertastete recht deutlich, dass es kaum möglich ist ein oben und unten zu definieren, weil die Skulptur ringsum vollplastisch gearbeitet ist. Erst gegen Ende dieser Beschreibung viel der Vergleich zu einer Rose, allerdings mit der Einschränkung, dass dies voraus setze das längliche, das flach endet (Füße) als Unten zu werten.

Die entstandenen Zeichnungen derer, die der Beschreibung zuhörten, zeigen ganz unterschiedliche Vorstellungen. Das ist insofern spannend, da alle Kinder exakt dasselbe hörten. Dies verdeutlicht wie subjektiv Vorstellungen sind, ganz entsprechend eigener Werte, Vorerfahrungen oder auch der Persönlichkeit.

Kunst Tasten II2Das Kind, das zunächst für alle beschrieben hat, was es fühlte, zeichnete anschließend seine Skizze zum Ertasteten. Diese ist sehr detailliert. Sie erinnert an eine Strukturskizze. Beeindruckend ist, dass zwar nicht die Form als Ganzes bewusst erkannt und verbalisiert wurde, dennoch aber die Skizze sehr fein wirkt und sofort die Skulptur wiedererkennen lässt.

Interessant finde ich auch die Annäherung. Die kleinen Skizzen neben der Hauptdarstellung zeigen wie sich das Kind versucht an jedes ertastete Detail zu erinnern und aus dem Groben (Grundform, einzelne Vertiefungen) zur immer detailreicheren Abbildung übergeht.Kunst Tasten II9

Spannend ist, dass dieses Kind Zehen und Finger nicht ertastet hat oder zumindest nicht bewusst als Form wahrgenommen hat. Deshalb kam diese Form in seiner Beschreibung für die anderen nicht vor. Die ersten Zeichnungen, die nach dem reinen Hören entstanden sind, konnten deshalb dieses Detail nicht enthalten. Umso interessanter ist, dass die meisten genau dieses aber selbst ertastet haben. Es wurde als etwas Strahlenförmiges wahrgenommen und in den überarbeiteten Bildvarianten auch visualisiert.

Kunst Tasten II3Tatsächlich hat nur ein Kind der Gruppe diese Form als Finger und Fußzehen wahrgenommen und geschlussfolgert, dass es sich um einen Menschen handeln muss, der in gebeugter Haltung dargestellt ist. Es hat das Original so gut getroffen, dass ich nachfragte, ob er die Skulptur kennt, was allerdings verneint wurde.

 

Gruppendynamisch Kunst erfassen

Für den intensiven Zugang zu seinem Kunstwerk ist Kunst Tasten ein unverzichtbares Mittel. Nicht nur Kinder lernen begreifend, also beim Anfassen. Durch die Hand in den Kopf ist eine alte didaktische Weisheit, die tatsächlich stimmt. Das Tasten stimuliert das Gehirn und erzeugt ein immanentes Bild, das später mit dem Sehsinn überprüft wird. Auf diese Weise werden zwei Sinne unmittelbar und direkt beansprucht. Das beschreibende Sprechen thematisiert den Aufbau einer Werkbeschreibung, schult die Wortwahl und fördert nochmal die Auseinandersetzung mit dem Objekt. Innerhalb einer Gruppe fördert es das interne Zusammenspiel und die Gruppendynamik. Einander Zuhören spielt eine wesentliche Rolle, es ist die Voraussetzung um selbst eine Vorstellung und Skizze des Objekts anfertigen zu können. Aber auch die Idee eines anderen für sich selbst zu durchdenken spielt eine Rolle – genau das wird erst beim Selbstertasten und später beim Anschauen des Objektes überprüft. Fragen wie „Wie hätte ich das beschrieben?“ und Erklärungen „Ach, das hat er damit gemeint.“ tauchen auf und führen dazu spielend andere Sichtweisen anzunehmen und zu akzeptieren.

 

Übrigens: Eine Mischtechnik beider Methoden ist ebenfalls möglich. Auch das habe ich schon probiert. Wie das funktioniert und welche Ergebnisse das bringt, verrate ich ganz bald hier im Blog.

 

Gefällt dir mein Blog? Erfahre noch mehr Hintergründe zu den einzelnen Themen, bekomme zusätzliche Fotos und verpasse keinen weiteren Tipp! Folge mir auf Facebook und Instagram und bleib am Thema „Kunst für Kinder“ und anderen spannenden Aspekten zu Kunst ganz dicht dran. Unterstütze mich, indem du meiner Seite folgst und gern auch meinen Beiträgen ein „Like“ oder einen Kommentar schenkst.