Kunst nicht anfassen zu können ist in der Kunstvermittlung eine wahre Herausforderung. Ich versuche derzeit einen ganzheitlichen Ansatz und probiere Kunst über die Sinneswahrnehmungen zu vermitteln. Unsere 5 Sinne bieten einen einfachen und uns vertrauten Zugang zu fremden und schwer ergründbaren Kunstwerken. Der Tastsinn gehört zwingend dazu. In zwei vorherigen Beiträgen hatte ich bereits gezeigt wie mit einfachen Methoden, einerseits durch Nachkneten von Skulpturen, und andererseits durch blindes Ertasten (wenn Anfassen möglich ist) oder verbale Beschreibung eines Tastenden, Kunst fassbar wird. Mir kam die Idee beide Methoden zu kombinieren, mit ganz überraschenden Ergebnissen.

Beschriebene Kunstwerke nachkneten

braune KnetmasseDie Kombination beider Methoden kombiniert die Sinneswahrnehmungen Hören, Sehen, Tasten – in unserem Fall aufgrund der mit Kakao gefärbten Knetmasse auch Riechen. In der Lerntheorie ist das Erleben mit den eigenen Sinnen und möglichst kombinierter Sinne eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches und eben selbstgesteuertes Lernen. Auch aus diesem didaktischen Grund ist eine Kombination der Methoden sinnvoll.

Ein Kind bekommt ein Kunstwerk, am besten sind Skulpturen oder dreidimensionale Werke geeignet, gezeigt – als Abbildung oder im Museum vor dem entsprechenden Kunstwerk. Es beschreibt was es sieht und versucht nachzufühlen wie es sich anfassen würde. Welche Struktur hat die Oberfläche? Welche herausragenden Formen gibt es? Usw. Die Beschreibung des Kunstwerkes kann als Tondokument aufgezeichnet werden. Das ermöglicht, dass die Beschreibung direkt vor dem Kunstwerk erfolgen kann. Die Aufzeichnung kann angehalten werden, um kurz zu Unterbrechen, um Nachzudenken oder nochmals Hinweise zur Beschreibung einzustreuen. Sie sollte im Wesentlichen den klassischen Aufbau einer Kunstbeschreibung wiedergeben. Sind die Kinder noch zu klein, kann dieses Tondokument auch vom Vermittler für die Arbeit in der Gruppe vorbereitet werden. Bei älteren Kindern, die bereits erfahren in der Bildbeschreibung sind, kann die Beschreibung auch live vor der Gruppe erfolgen, so dass die übrigen Teilnehmer das Kunstwerk allerdings nicht sehen.

IMG_0395Das vorbereitete Tondokument wird den Kindern vorgespielt. Sie erhalten als Material Knete, um das beschriebene Kunstwerk nachzukneten. Die Kinder sollten dafür ermutigt werden nur in ihrem eigenen Kopf zu bleiben und das Bild, das sich während der Beschreibung in ihrem Kopf ergeben hat, versuchen nachzukneten.

Abschließend werden die Knetwerke mit dem beschriebenem Werk im Originalen (im Museum) oder in einem Buch oä. verglichen. Auch untereinander können Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgezeigt werden.

 

Praktische Erfahrungen

Ich habe die beschriebene Methodenkombination in einer Kindergruppe der Altersklasse 6-8 Jahre probiert. Aufgrund der jungen Altersgruppe hatte ich die Kunstbeschreibung selbst gemacht. Inspiriert von der vorausgegangenen Knet-Stunde zu Giacomettis Diego-Büste, hatte ich mich auch diesmal für ein Giacometti Werk entschieden: Der Hund erschien mir ein gut vorstellbares Objekt. Die spezielle Formensprache Giacomettis ist dennoch eine Herausforderung, so dass es dem genauen Beschreiben (meine Herausforderung!) und dem genauen Zuhören und Vorstellen (Herausforderung für die Kinder) bedarf, um zu einem guten Ergebnis zu gelangen.

IMG_0396Ich hatte beschrieben, dass die Skulptur auf einer Basis steht. Das hatte ich direkt zu Anfang meiner Beschreibung getan, weil ich dachte, dass es für die Kinder leichter sein wird darauf zu kneten, da so ihre Figur von Beginn an Standfestigkeit bekommt. Das hatte auch super funktioniert, nur für die anschließenden Fotos bedeutet das, dass man genau Hinschauen muss, um die Skulpturen gut zu erkennen.

IMG_0397Die Konfrontation mit der Skulptur selbst war weit weniger überraschend als beim blinden Tasten einer Skulptur. Immerhin gab es bei der Beschreibung den konkreten Hinweis, dass es sich um einen Hund handelt. Dennoch waren die Kinder durch ihre Knetannäherung so neugierig auf feine Details des Hundes, dass sie sehr genau schauten. Sie suchten nach Elementen, die ich in meiner Beschreibung vernachlässigt hatte und sie suchten nach Details, die ihnen ins Auge sprangen. Auf diese Weise begannen Sie sich zu überlegen wie sie eine Beschreibung aufgebaut hätten und welche Aspekte darin betont worden wären.

Von dem Hören der Beschreibung zur eigenen Beschreibung

Diese Methode hat sehr gut funktioniert, um die Kinder zum genauen Sehen zu motivieren. Exakt das war meine Intension. Mehr als beim blinden Tasten fragten sich die Kinder bei dieser Variante wie genau eine Beschreibung sein muss, um anderen ein gutes Knetergebnis zu ermöglichen. Durch diese Überlegungen in Bezug auf die konkrete Figur des Hundes haben sie erste Erfahrungen hinsichtlich des Aufbaus und nötiger Elemente einer Beschreibung gesammelt. Ausgehend von diesen Ideen können nun erste eigene Bildbeschreibungen oder Beschreibungen von Kunstobjekten versucht werden.

 

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