„Du studierst Kunstgeschichte. Und was macht man damit?“ Diesen Satz konnte ich schon zu Ende des ersten Semesters nicht mehr hören. Auch die Frage nach meinem zweiten Fach, deren Antwort „Germanistik“ zu noch abschätzenderen Kommentaren führte nicht. Mein Studienleben begann mit einer Vorlesung in Kinder- und Jugendliteratur (ein Schwerpunkt im Germanistikstudium) bei Hans Heino Ewers, der darauf verwies, dass exakt diese Frage unser gesamtes Studium begleiten wird. Die größte Herausforderung des Studium sei es demnach damit umzugehen zu lernen. Ich war irritiert, an meinem ersten Tag an der Uni konnte ich mir solche seltsamen Fragen aus dem Bekannten- oder gar Familienkreis schlicht nicht vorstellen. Gegen Ende des Semesters wusste ich, dass er Recht hat.

In den letzten Tagen habe ich wieder Artikel gelesen, die genau in diese Kerbe schlagen: Blogger berichten über die böse Frage „Kunstgeschichte – Was wird man damit“. Und schon fühle ich mich zurückversetzt in meine Studienzeit, in die Ungewissheit was man als Geisteswissenschaftler letztlich tun wird. „Alles was ich will“ war stets meine Antwort und genau die ist es noch heute und sie beschreibt exakt das was ich tue. Doch das, was so selbstsicher klingt ist harte Arbeit – eine, die als Weg bereits hinter mir liegt und eine, die als weiterer Weg noch folgen wird.

Gegen das „Richtige“, für das Interesse

Während des Studiums hatte ich zunächst einen sehr gut bezahlten Nebenjob bei Price Waterhouse Coopers. Im Kreise von Wirtschaftsanwälten verdiente ich in wenigen Wochenstunden mehr als die meisten meiner Freunde, die zu diesem Zeitpunkt ihre Banklehre bereits abgeschlossen hatten und ihrem geregelten und für alle Außenstehenden auch nachvollziehbaren Gelderwerb nachgingen. Ich bekam das Angebot fest bei PWC anzufangen, sollte dafür lediglich den Studiengang wechseln – Jura, BWL – irgendetwas „Richtiges“. Kunst könne ich doch in meiner Freizeit machen, Museen besuchen zum Beispiel. So der Rat der gefühlt einzigen weiblichen Anwältin in dieser Etage. Ich tat das Gegenteil: Ich kündigte bei PWC. Warum? Weil es gutes Geld war ich mich aber mit Dingen beschäftigen musste, die mir keine Freude bereitet haben. Freude machte mir mein Studium, die Welt der Kunst und Literatur. Das Resultat war einer der schlecht bezahltesten Nebenjobs: Studentische Hilfskraft. Ich habe mir meine Stunden aufgeteilt und zum einen in der Kunst- und Musikbibliothek und zum anderen als Hiwi für einen Professor gearbeitet. Beide Jobs habe ich sehr gemocht. Die Aufgaben entsprachen exakt meinem persönliche Interesse und meinen Fähigkeiten und waren dennoch Herausforderung genug, um bis zum Studienende spannend zu bleiben.

Freiberufliche Freiheit ohne Risiko

Nach meinem Magister in Kunstgeschichte und Germanistik wählte ich den klassischen Werdegang des Geisteswissenschaftlers für den akademischen Bereich: Wissenschaftliche Mitarbeit an einer Uni und parallel die Erstellung der Doktorarbeit.

Die Frage Kunstgeschichte und dann? begleitete mich übrigens weiter. Bis zu diesem Lebensabschnitt war für mich klar, dass ich danach ein Volontariat in der Denkmalpflege absolvieren möchte, um später in diesem Bereich zu arbeiten. Das klingt handfest – Denkmalpflegeamt, öffentlicher Dienst, eventuell beamtet. Das überzeugt alle Zweifler und lässt jede weitere Frage verstummen. Endlich ist die kritische Kopfstimme besänftigt, mein Weg scheint klar. Es gibt nur dieses eine Ziel, Plan B habe ich nicht.

Wirklich? Aus reinem Interesse besuche ich eine mehrjährige Weiterbildung in (Hochschul-)Didaktik und arbeite zunehmend zusätzlich freiberuflich. Ich veröffentliche erste eigene Publikationen, halte Vorträge und veranstalte Workshops. Rückblickend klingt das nach einem Plan B, den ich zur damaligen Zeit aber nicht gesehen habe. Meine freiberuflichen Tätigkeiten sind ergänzend, ein netter Zusatzverdienst aber dank meiner Festanstellung völlig ohne unternehmerisches Risiko, denn die wichtigsten Aspekte wie Kranken- und Rentenversicherung sind abgedeckt.

Nach meiner Disputation ging ich in Elternzeit mit meinem ersten Kind. Ein Volontariat in der Denkmalpflege war plötzlich unvereinbar mit meinem neuen Lebensstil und meiner eigenen Vorstellung davon wie ich (mit einer Familie hinter mir) arbeiten möchte und kann. 60 Wochenstunden Einsatzbereitschaft, ein eigenes Fahrzeug als Dienstfahrzeug um quer im Bundesland Denkmäler zu kartieren, Wochenendarbeit und das alles in Form eines Volontariats. Das bedeutet – um es konkret zu formulieren – zu einem Praktikantengehalt, das deutlich unter dem meiner halben Unistelle liegt und dank Fahrtkosten mit erheblichen Unkosten verbunden ist. Es klingt für mich auch heute noch undenkbar, schier unfassbar. Dem war ich seit Beginn meines Studium nachgelaufen, hatte Themenschwerpunkte entsprechend gesetzt, meine Abschlussarbeit zu einem adäquaten Thema verfasst, meine Dissertation in diese Richtung gelegt und erste fachlich passende Publikationen veröffentlicht. Und plötzlich war das Ziel oder vielmehr der Wille dieses zu erreichen verschwunden, einfach ausgelöscht. Allerdings ohne eine Leere zu hinterlassen.

Meine freiberufliche Tätigkeit, die ich bereits seit meinem Abschluss ausübte, setzte ich nahezu nahtlos fort. Dies ergab sich durch die Veröffentlichung meiner Doktorarbeit, aus der Einladungen zu Vorträgen, Tagungen und Veröffentlichungen resultierten. Ich arbeitete an den Dingen weiter, die mich vor der Elternzeit inhaltlich beschäftigten. Etwa drei Jahre hielt der Boom der Dissertation an und zog Folgeprojekte nach sich. Irgendwann kam keine neue Anfrage für einen Vortrag, die letzte Veröffentlichung war abgeschlossen und kein neuer Kongress in Sicht. Erstmals stellte ich mir allein für mich die Frage – Kunstgeschichte und was tue ich nun damit? War bisher alles von allein auf mich zugekommen, musste ich nun überlegen welchen Weg ich aktiv wählen würde. Eine Festanstellung an der Uni kam aus ähnlichen Gründen wie ein Volontariat in der Denkmalpflege oder anderswo nicht in Frage. Ich entschied mich im Interesse meiner, auch 5 Personen wachsenden Familie, für dein freiberuflichen Weg – und zwar ausschließlich.

Freiberuflichkeit ohne Netz

Also auf die eigenen Kompetenzen besinnen und neuen Job starten! Etwas, das näher an der Wirtschaft ist als die reine akademische Auseinandersetzung mit Kunst. Im Bereich Kunstgeschichte erschien mir plötzlich alles fern vom wirtschaftlichen Leben. Kunstgeschichte und was tut man damit? – traf mich tief und lieferte mir sogleich die Begründung es gar nicht erst zu versuchen. Ich brauchte einen Job, in dem ich gut Geld verdienen würde und vor allem regelmäßig. Ein Wunsch, der für einen Freiberufler zwar legitim ist, sich aber oft kaum mit dem Arbeitsalltag deckt.

Mein zweites Hauptfach Germanistik zeichnete mir in diesem Moment leichter einen Weg zum Geld verdienen: Zuerst versuchte ich es als Lektorin. Ich korrigierte wissenschaftliche Arbeiten von Bachelorstudenten oder Masterstudierenden in Wirtschaftswissenschaften, Maschinenbau und anderen fremden Fächern. Anfangs war es spannend diese gedanklichen Ausflüge zu wagen, nach der ersten Euphorie war ich genervt von den oft schlecht geschriebenen Arbeiten, den mir völlig gleichgültigen Themen und noch mehr vom unregelmäßigen Einkommen. Durch Zufall las ich von einer Agentur, die auf einer monatlichen Fixbasis einen Texter suchte. Vom Lektorat zum Texten ist es nur ein kleiner Schritt, etwas mehr Aktivität und Kreativität erschien der Ausweg aus meiner Situation. Der monatliche Sockelbetrag lockte ebenfalls, denn er würde zumindest meine fixen Kosten decken. Auch dieser Job war fachfremd – Gesundheitswesen. So gar nicht meins aber ich arbeite mich in vieles ein und schlimmer als Maschinenbau konnte es auch nicht kommen. Glücklicherweise hat es mit diesem Job nicht geklappt. Dankbar bin ich diesem Stellenangebot dennoch, denn es öffnete mir eine neue Perspektive: Ich suchte nach anderen Agenturen und begann als Werbetexter für große Versandhäuser, Möbelhäuser, Supermarktketten und kleine Unternehmen zu schreiben. Ein abwechslungsreicher Job mit begeisternder Themenvielfalt. Meine liebsten Jobs waren Blogs für Kunden oder Unternehmenswebsiten für spannende Firmen. Relativ selbstbestimmt konnte ich Projekte annehmen oder ausschlagen ohne meinen schwarzen Kontobetrag ins Rot zu verfärben. Auch innerhalb der Projekte hatte ich viel Spielraum, denn dank der Agenturen arbeiten viele Texter in einem Pool an einem Projekt gemeinsam. Nach 3 Jahren Texten im Akkord stellte sich eine gewisse Müdigkeit bei mir ein: Abends – ich teile mir einen Teil meiner Arbeit aus familiären Gründen immer für abends ein – ließ meine Motivation über lange Unterhosen zu texten langsam nach. Ich nahm weniger Aufträge an und suchte nur noch nach den Variablen „Stammkunde“ und „Interesse“ aus. Ich begann vermehrt zu recherchieren über aktuelle Entwicklungen des Städtebaus, über geplante Rekonstruktionen, über zeitgenössische Ausstellungen … Trotz guter Auftragslage zog ich 2015 den Schlussstrich: Keine Texte über lange Unterhosen in XXL mehr!

Reset und Neustart mit Besinnung auf Kernkompetenz und Interesse

Reset. Und angestrengtes Nachdenken über meinen Weg. Was ich keinesfalls aufgeben wollte war mein frei strukturierbarer Tagesablauf, der es mir erlaubt Job und Familie flexibel in Einklang zu halten. Meine Interessen waren mir zwar bewusst, jedoch schwer in Worte zu fassen. Letztlich formulierte ich für mich folgende Schlagworte:

  • Kunst – vor allem zeitgenössische (und moderne) Kunst aber vermehrt auch klassische Kunstgeschichte
  • formulieren und passende Worte finden – also schreiben
  • Vorträge halten
  • Inhalte vermitteln – Lehre

Exakt diese Interessen und Kompetenzen deckten sich mit denen, die mich nach dem Abitur zum Studium von Kunstgeschichte und Germanistik bewogen hatten. Es dauerte bis etwas aus dieser Erkenntnis reifen konnte. Erst ein halbes Jahr später nahm mein Weg wieder Form an. Diese Auszeit war wichtig, um für mich selbst zu erkennen was mir wichtig ist und was für mich mit allen inneren und äußeren Vorgaben (Wohnortbindung, Kinderbetreuung, Vorstellung über Work-Life-Balance…) möglich ist ohne mich selbst zu verlieren.

Das Ergebnis: Unter meinem bereits genutzten Texter-Pseudonym „ArtTextArt“ schreibe ich heute Kunsttexte. Ich arbeite nicht mehr wie bisher für Agenturen, sondern bearbeite nur noch eigene Aufträge für Künstler, Galerien, Museen oder andere Veranstalter von Kunst. Ich verfasse Imagebroschüren, Eventankündigungen, Pressemitteilungen, Werkberichte oder Emailings und Newsletter. Durch die Konzentration auf mein ureigenes Know-How im Bereich der Kunstgeschichte habe ich wieder mehr Freude am Texten und meine Kunden profitieren von dieser Motivation , meinem fachlichen Wissen und der Erfahrung als Werbetexter in anderen thematischen Bereichen.

Kunstvermittlung ist zu meinem zweiten Standbein geworden. In Form von Kunst-Sehen-Workshops oder thematischen Kunst-Spaziergängen biete ich Erwachsenen und Kindern die Möglichkeit sich ganz unaufgeregt Kunst zu nähern, sich mit historischen und aktuellen Fragestellungen zu beschäftigen und ganz allgemein einen Zugang zur Kunst zu finden. Meine Didaktikausbildung hilft mir dabei ungemein. Wie bereits in der Weiterbildung habe ich Freude daran neue Methoden zu entwickeln und zu erproben. Insbesondere die Arbeit mit Kindern habe ich für mich entdeckt.

Motivation und Zielstellung

Die Motivation für meine Arbeit liefert unsere Kunst und Kultur. Unser Heute und zukünftige Tendenzen sind untrennbar mit unserer Vergangenheit verbunden. Das gilt kulturell, gesellschaftlich, politisch … kurz: es erstreckt sich auf alle unsere Lebensbereiche. Aus diesem Grund ist es wichtig die Achtung vor unserer Vergangenheit samt ihren historischen Zeugnissen zu wahren. Kunstvermittlung ist mir exakt aus diesem Grund ein wichtiges Anliegen. Mit meinen Texten trage ich dazu bei Kunst in Worte zu fassen, lesbar zu machen. Außerdem liefere ich einen Beitrag, um unser kulturelles Gedächtnis zu tradieren und künftigen Generationen zu bewahren.

Einer ähnlichen Motivation folge ich mit Kunstvermittlung, insbesondere bei der Arbeit mit Kindern. Kinder lieben Farben und sich kreativ auszudrücken. Was sonst als die Kunstgeschichte der Welt eignet sich besser, um dafür als Medium genutzt zu werden? Durch eine didaktisch geschickte und altersgemäße Kunstvermittlung lernen Kinder sich ideal in der den verschiedenen Kulturen der Welt zu orientieren. Es eröffnet ihnen Horizonte und vermittelt Wissen, das zu einer umfassenden Allgemeinbildung zwingend gehört. Zudem liefert es Kenntnisse in verschiedenen Kunsttechniken, Stilen und Herangehensweisen, die auch bei alltäglichen Lebensanforderungen hilfreich sind.

Mein Ziel ist es auch die Scheu vor Kunst, insbesondere vor modernen und zeitgenössischen Exponaten, zu nehmen. Kunst ist für uns alle da und kein Privileg einer bestimmten Schicht oder Gesellschaftsgruppe.

Mein Weg

Meine Arbeit heute ist ArtTextArt – Kunsttexte und Kunstvermittlung by Katja Marek. Es ist die Synthese und Quintessenz dessen, was ich schon immer getan habe. Ich texte und lehre (ich bevorzuge den Begriff vermittle, da er meiner didaktischen Konzeption näher ist). Ich habe für mich als Kunsthistorikerin meinen Weg neu gefunden. Ich musste lernen, dass es abseits von Hochschule, Museumsbetrieb und der Denkmalpflege gute Betätigungsfelder gibt, die ebenso erfüllend sind. Bereits mit Wahl des Studienfachs Kunstgeschichte habe ich mich für mein ureigenes Interesse entschieden. An diesem Interesse festzuhalten ist mein Weg. Auf die Frage „Kunstgeschichte – und was macht man damit?“ antworte ich heute „Ich bin Kunsthistorikerin.“

Dieser sehr persönliche Text erschien im Herbst 2016 als Beitrag für #deinweg 2016 von ERGO. Dieser Tage las ich bei Kultur Museum Talk ein wirklich spannendes Montagsinterview mit Anke Gröner, die einen interessanten Berufswechsel vollzogen hat: Von der Texterin zur Kunsthistorikerin. Nach meiner Geschichte – von der Kunstgeschcihte zum Texten und doch lieber wieder zurück – ein wirklich passender Text. Ich plädieredafür seinem eigenen Interesse zu folgen. Es geht nicht darum Ratschlägen von außen keinem Glauben zu schenken, sondern darum dem Ich zu folgen, um den eigenen Weg finden zu können, denn nur der kann erfüllend sein. Und was kann es Besseres geben als einen erfüllenden Job!

 

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