Es müssen nicht immer spezielle (Kunst-)Bücher für Kinder angeschafft werden, um die Freude an der Bildenden Kunst zu wecken. In meinem Bücherregal habe ich eine große Auswahl an Ausstellungskatalogen, Museumsführern oder Monografien zu einzelnen Künstlern. Auch wenn diese Auswahl dank meines Berufs größer sein dürfte als in den meisten Haushalten, finden sich sicher in jedem elterlichen Schrank ein oder mehrere Bücher mit Abbildungen einiger Kunstwerke – Skulpturen, Bauwerke, Gemälde oder Fotografien.

Ich möchte in diesem Beitrag einige Anregungen liefern, wie sich diese mit wenig Aufwand nutzen lassen, um Kindern die aktive Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur und Geschichte zu ermöglichen.

Meine liebsten Bücher

Für meine Arbeit mit Kindern bevorzuge ich Monografien zu einzelnen Künstlern. Der Vorteil liegt im Fokus auf nur eine Person, aus deren Leben ich den Kindern berichten kann. Der Künstler wird damit zu einer bekannten Person, ähnlich dem Helden eines Buches. Zunehmend erfahren die Kinder mehr über sein Leben, seine Herkunft, seine Familie und seine Interessen. Das steigert das Interesse an den künstlerischen Zeugnissen der Person, denn daraus lassen sich Zusammenhänge zu eben diesen Informationen konstruieren. Außerdem lässt es Wahlmöglichkeiten: Monografien eines Künstlers zeigen oft große Teile des Oevres, so dass die Kinder nach ihrem Geschmack oder ich nach einem spezifischen Thema oder nach einer Technik Werke auswählen können.

Eines meiner liebsten Werke ist der Ausstellungskatalog „Picasso et les Femmes“. Auch, wenn dieser das Schaffen Picassos auf ein spezielles Thema fokussiert ist der Katalog weit genug gefasst, um viel Spielraum zu haben. Neben Ölgemälden gibt es Bleichstiftskizzen und Skulpturen. Aus ähnlichen Gründen mag ich „Leonardo da Vinci“ von Daniel Arasse.

Abgesehen von Monografien bevorzuge ich Publikationen, die Geschichten erzählen. Zwischen den einzelnen abgebildeten Werken lassen sich so, ohne große Zusatzarbeit, Zusammenhänge darstellen. Die Geschichte der Kunst: Kleine Ausgabe von Ernst Gombrich ist eines der Standardwerke, das dafür super geeignet ist. Aber auch thematisch zusammenhängende Werke, wie beispielsweise alle Geschichtenbücher von Umberto Eco, setze ich gern ein. Für ältere Kinder ist „Die Geschichte der Hässlichkeit“ von Eco interessant. Fabelwesen, maskenähnliche Porträts, Illustrationen von Krankheit oder Personifizierte Ängste brechen mit Sehgewohnheiten und unterhalten. (Für die Nutzung mit jüngeren Kindern kann ich hingegen eher abraten, einige der Gemälde sind aufgrund ihrer Bildgegenstände für kleine Kinder nicht oder nur stark bedingt geeignet! Die Motive von Hieronymus Bosch und anderen wirken zum Teil stark beängstigend und bebildern grausame Szenen der Bibel und Mythologie, die beispielsweise von Menschenopfern handeln). Die Geschichte der Schönheit von Umberto Eco ist hingegend spannend  und schön anzuschauen. Sie bietet einen reichen Querschnitt verschiedener Stile und Künstler und zeugt von einem sich wandelnden Zeitgeschmack.

Es lohnt sich bei Abverkäufen nach großformatigen Werken zu schauen. Diese bieten tolles Abbildungsmaterial und haben oft einen Überblickscharakter und sind deshalb super für den Einstieg geeignet.

Kunstaneignung durch Nachempfinden

Neben dem reinen Betrachten und Erzählen einzelner Episoden zu Bildinhalten oder einer verbindenden Geschichte, nutze ich die Ausstellungskataloge und reich bebilderten Werke vor allem als Ausgangspunkt zur Auseinandersetzung mit einzelnen Werken. Am Beispiel von Picasso werde ich einige Beispiele dafür skizzieren.

Beim Durchblättern des Picasso-Kataloges fielen den Kindern die einfachen Zeichnungen und Gemälde auf. Alles wirkte wie aus wenigen Strichen zusammengesetzt, scheinbar wahllos, als ergäbe sich das Ergebnis zufällig durch Striche, Punkte und andere geometrische Formen, die der Künstler auf dem Blatt hinterlassen hat. In einer Assoziationsrunde, die uns zu den vermeintlichen Gründen dafür führen sollte, gaben die Kinder an, dass der Künstler es wohl nicht besser könne. Augenscheinlich war ihnen der an Kinder erinnernde Ausdruck, der naiv und unschuldig und vor allem ungeschult wirkt. Es entstand der Eindruck, dass seine Handschrift schnell nachzuempfinden sei.

Ich ließ den Kindern freie Hand, sich eine Skizze des Katalogs auszuwählen, um diese nachzuzeichnen. Sie wählten verschiedene Porträts, unter anderem ein Selbstporträt Picassos. Beim Nachzeichnen entstanden sehr gute Ergebnisse. Dennoch blieben diese hinter den eigenen Erwartungshaltungen der Kinder zurück. Sie hatten vermutet, es genauso oder besser zeichnen zu können. Die Kinder haben durch diese Selbsterfahrung herausgefunden, dass

  • die Anordnung der Striche nicht zufällig ist
  • wenige Pinselstriche oder Bleistiftstriche genügen, um das Wesentliche eines Porträts darzustellen
  • Picasso die Fähigkeit hatte, charakteristische Erkennungsmerkmale auf ein Minimum zu reduzieren

Den Kindern ist es innerhalb kürzester Zeit gelungen, die besondere Qualität von Picassos Werken selbst herauszuarbeiten. Mit dem Prinzip der Reduktion auf das Wesentliche haben sie im Weiteren experimentiert.

Picassos „Badende“ war der Ausgangspunkt für eine Umsetzung dieses Gemäldes in ein dreidimensionales Kunstwerk.  Welche Materialien dafür genutzt werden, konnte jeder selbst entscheiden. Das Ergebnis waren Reliefs aus Lego, Lego-Skulpturen und ein Objekt aus dem REMEMBER Steckspiel Kallewupp, KL1.

Die genauen Ergebnisse zeige ich meinem nächsten Blogbeitrag „Kinder nähern sich Picasso“, in dem es um von Kindern gemachte Ausstellungskonzepte geht.