Einmal Mann sein, das wünschen sich viele Frauen. Einmal Frau sein, das wünschen sich viele Männer. Vermutlich steckt der Wunsch dahinter die anerzogenen Klischees zu überprüfen oder sogar klischeehaft auszuleben. Mit geschlechtsspezifischen Klischees wachsen wir alle von Kindesbeinen an auf. Nach einer Phase des Gegensteuerns in den 70ern, ist derzeit der Geschlechterkampf ab Geburt gestartet. Babyshirts, die keinen Zweifel daran lassen, dass dieses Kind ein Mädchen ist, und noch dazu die süßeste pinke Versuchung ist. Dies setzt sich in vorgegebenem Spielzeug für beide Geschlechter fort. Selbst Kinderbücher sind inzwischen schon geschlechtsspezifisch. Ein cleverer Marketingtrick: Immerhin kaufen damit Familien, die Kinder beider Geschlechter haben, doppelt so viele Bücher. Dieser Artikel der Zeit beschreibt den immensen Umfang der frühkindlichen Genderisierung sehr gut und ungeschönt.

Mädchen gegen Jungs

Die stark inszenierte Abgrenzung der Geschlechter illustriert auf eine witzige aber zugleich erschreckende Weise der Bibi&Tina Song „Mädchen gegen Jungs“. Der Liedtext pointiert gängige Geschlechterklischees und bricht diese auf eine jugendliche Ebene herunter. Der Text stammt von Peter Plate und Leo Sommer, die  bereits bei Rosenstolz erfolgreich zusammengearbeitet haben und gute Texte verfasst haben.

 

Das Video karikiert gängige Geschlechterklischees. Die Rolle der Frauen und Männer in der Gesellschaft bleibt weitgehend offen. Mehr als um gesellschaftlich relevante Klischees, handelt es sich hier um Floskeln, die unspezifisch verwendet werden. Allerdings ist unstrittig, dass sich darin insbesondere die Mädchen wiedererkennen. Ihr Bild ist zwar karikierend aber nicht verletztend gezeichnet. Dies spricht dafür, dass die Zielgruppe eher weiblich sein dürfte. In diesem Liedtext werden für Mädchen folgende Stereotype verwendet:

„Ihr [Mädchen] labert ohne Pause […] meistens Stuss. […] Mädchen […] lieben Pferde, keine Action […] Da, wo Mädchen sind, ist Wüste, alles lahm, gar nichts los. […] Aufs Klo rennen sie zusammen,
weil ein Mädchen nie allein sein kann […] wieder ‘n bisschen Schminkie-Schminkie machen […]“.

Die angeführten Stereotype der Jungen sind eher als zwingend notwendiger Gegenpart zu verstehen. Das gezeichnete Bild enthält weniger konkreten Inhalt als das der Mädchen. Die Jungs werden als vorlaut, aufbrausend und dümmlich beschrieben, konkrete Attribute (wie bei den Mädchen Interessensgebiete) werden nicht zugeteilt:

„Jungs sind wie Wasser, keine Farbe, kein Geschmack.[…] Auf ihren Schultern sitzt ein Kopf, keiner weiß wieso. Sie riskieren ‘ne große Lippe […] Für diese richtig dünnen Worte hast du richtig fett geübt, du bist ja völlig außer Atem, geh mal duschen, […] komm mal runter, ruh dich aus.“

Das Video hat in Kindergruppen oft sofort den Effekt, dass die Jungs Partei der rappenden Jugns im Video ergreifen und sich die Mädchen mit der rappenden Bibi oder Tina identifizieren. An diesem Punkt könnte leicht der Schluss gezogen werden, dass Jungs gern Jungs sind und Mädchen gern Mädchen. Dabei könnte es belassen werden. Doch so einfach ist es eben nicht.

Der Wunsch einmal in die Perspektive des anderen zu schlüpfen ist immer mit einer Sehnsucht nach den Privilegien des anderen Geschlechts verbunden. Gerade diese sind es, die durch Klischees als übermächtig dargestellt werden. Das, was scheinbar abstoßend wirkt, übt zugleich einen gewissen Reiz aus, ähnlich etwas verbotenem. Um beim Beispiel des Bibi und Tina Songs zu bleiben – welches Mädchen möchte nicht einmal breitspurig wie ein Junge die dicke Lippe riskieren. Und welcher Junge wünscht sich nicht insgeheim die Tuschelgespräche der Mädchen verfolgen zu können!

#letstalkaboutsexes

Das Städel hatte als Begleitaktion zur aktuellen Ausstellung Geschlechterkampf die Fragen aufgeworfen, wann ein Mann ein Mann ist, wann eine Frau eine Frau. Die Beschäftigung mit Stereotypen und Klischees steht dabei im Zentrum der Themenstellung, die sich in der Aufgabenstellung #letstalkaboutsexes verbirgt.

In dem hier gezeigten Video treten zwei Kinder gegeneinander an, die vom Alter (5 Jahre und 7 Jahre) genau in der Zielgruppe für geschlechtsspezifische Kleidung und Spielwaren sind, so wie es der oben genannte Zeitartikel darstellt. Sie tragen Gedichte vor, die in der Zeit entstanden sind, die in der #geschlechterkampf Ausstellung im Städel thematisiert wird (Mitte 19. Bis Mitte 20. Jahrhundert). Die originalen Gedichte wurden zur besseren Lesbarkeit zum einen auf ihre Kernabschnitte reduziert und zum anderen sprachlich etwas angepasst.

In beiden rezitierten Gedichten wird der Wunsch geäußert ein Mann zu sein, um freier mit dem Thema Liebe umgehen zu können. In beiden Texten spricht das lyrische Ich diesen Wunsch explizit aus, es handelt sich also in beiden Gedichten um die (vermeintliche) Perspektive einer Frau. Der Unterschied besteht darin, dass das eine Gedicht von einer Frau und das andere von einem Mann verfasst wurde.

Das Gedicht „Stille Liebe“ von Sophie Alberti entstand 1888. Die deutsche Dichterin beschreibt darin wie es ihr als Mann vergönnt wäre Ruhm und Reichtum zu erreichen und für ihre wahre Liebe zu kämpfen. Demgegenüber steht ihre Rolle als Frau, die ihr verbietet für die Liebe offensichtlich zu kämpfen und sie zum lieben im Stillen verbannt, in der Hoffnung der Held erobert sie.

Wär‘ ich ein Mann! – ich müßte sie erringen,
Sie, die mein Herz erwählt, sie würde mein,
Ich würde alles Hemmende bezwingen,
Ich würd‘ ein Held für meine Liebe sein.
Mit starkem Arm teilt‘ ich des Lebens Wogen,
Erwürbe Anseh’n, Ruhm und Reichtum mir,
Und hätt‘ ich dann das gold’ne Netz gezogen,
Legt‘ ich die Schätze all‘ zu Füßen ihr.
Ich wollte stets mit Liebe sie umgeben,
Ich schaffte ihr den schönsten eig’nen Herd,
Ich böte ihr solch volles, reiches Leben,
Wie’s wen’gen Sterblichen noch ward beschert.
Wär‘ ich ein Mann, da gäb’s kein Unterliegen,
Mit einer solchen Liebe muß man siegen.

Ich bin ein Weib! – und mit gebundnen Händen
Kann für mein Lieben ich nicht kämpfen, wagen,
Darf keinen Strahl aus meinem Herzen senden,
Ihm, was so lang dort lebt und glüht, zu sagen.
Und seh‘ ich ihn, so darf das Hochentzücken
Doch nimmermehr aus meinen Augen leuchten,
Oft will das Herz vor heißem Weh ersticken,
Doch keine Thräne darf die Wimper feuchten.
Wohl gilt ihm nichts mein Lieben und mein Leben,
Doch könnte das ihm Erdenglück erwerben:
Ich wollte tropfenweis mein Herzblut geben,
Mir wär‘ es Seligkeit, für ihn zu sterben.
Ich bin ein Weib! – was ist mir denn geblieben?
Nichts als ihn lieben, still, doch ewig lieben.

Otto Bancks Mädchenlust beschreibt dasselbe Thema: In der Person der Marie ist das lyrische Ich verdammt nicht auf Liebesbezeugungen, Küsse und Liebkosungen einzugehen wie sie es gern möchte. Deshalb wünscht sie sich ein Mann zu sein, um ungeniert Küssen zu können ohne sich damit fest zu binden.

Frei bin ich, frei bleib‘ ich
Und lieben thu‘ ich nie,
Sie nennen mich Alle
Die schöne Marie.
Schöne Marie! süße Marie!
Mariechen jung dort und hier,
Und bieten Blumen
Und Küsse mir.

Und dank‘ ich, und sprech‘ ich:
Küssen thu‘ ich nie!
Da seufzen die Bursche
„Du spröde Marie!“
Spröde Marie! stolze Marie!
Mariechen jung hier und dort,
Ich aber lache
Und laufe fort!

O wär‘ ich ein Knabe!
Ich fragte nicht: Wie?
Und wüßte zu kosen
Mit jeder Marie.
Braune Marie! blonde Marie!
Mariechen jung dort und hier,
Und kehrte niemals
Wieder zu ihr!

In beiden Gedichten wird der Wunsch geäußert das jeweils andere Geschlecht zu sein, um gängige Klischees ausleben und testen zu dürfen, in diesem Fall freie und unverbindliche Liebe. Der Geschlechterwechsel vollzieht sich bei beiden Gedichten gedanklich in den Versen, indem die Worte einen Ausblick auf die Zeit mit gewechselten Geschlechtern lassen. Das zweite Gedicht führt dieses Spielt ad absurdum, sobald der Leser erfährt, dass der Autor männlichen Geschlechts ist.

Der Videobeitrag versucht dieses Spiel mit männlicher und weiblicher Sichtweise weiterzuspielen. Die Kinder im Video tragen dieselbe Kleidung und dieselbe Frisur. Die gültigen Klischees (lange Haare) unserer Gesellschaft lassen vermutlich auf zwei Mädchen schließen. Ebenso wie beim Lesen der Gedichte muss von einer Erzählung aus Sicht zweier Frauen ausgegangen werden. Der ursprünglichen Erwartungshaltung des Gedichtlesers wird damit entsprochen. Den Text von Otto Banck liest tatsächlich ein Junge. Das lässt sich ganz eventuell anhand der Stimmfarbe erahnen.

Bewusst wurden als Rezitatoren Kinder gewählt. Zum einen soll damit auf die zunehmende Genderisierung im oder ab dem Kleinkindalter aufmerksam gemacht werden und zum anderen sollen bestehende Klischees der Geschlechterrollen auf eine „unschuldige“, noch nicht vorbelastete Weise vorgetragen werden.

Sich selbst erfüllende Klischees

Klischees schüren Erwartungshaltungen an das andere Geschlecht. Frauen erwarten die im Klischee versprochenen starken Männer in Krisen an ihrer Seite zu wissen. Männer erhoffen sich empathische Frauen, die sich ihrer bei Krankheit verständnisvoll annehmen. Aus den geltenden Klischees ergeben sich gewisse Verhaltensmuster: Männer und Frauen verhalten sich so wie es das Klischee fordert. Das Klischee entspricht in gewisser Weise einem gesellscahftlichen Verhaltenskodex, der vorgegeben scheint, ähnlich einem idealen Richtwert. Klischees sind damit selbsterfüllend. Dies gilt in jedem Fall für die als positiv konnotierten Klischees, die als Stärke des jeweiligen Klischees bezeichnet werden.

Klischees wirken häufig für das jeweilige Geschlecht einengend, gerade weil diese als gesellschaftlicher Richtwert empfunden werden. Der Wunsch in die Rolle des anderen Geschlechtes zu schlüpfen birgt den Wunsch nach Freiheit und der Befreiung von der eigenen Geschlechterrolle, die aus Klischees konstruiert wird. Doch genau das ist paradox, da diese Freiheit gesucht wird indem sich in andere Klischees (die des anderen Geschlechts) geflüchtet wird.

 

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