„Wer interessieren will, muss provozieren“, das wusste schon Dali. Vom Monument Dresden von Manaf Halbouni fühlten sich verschiedene Lager provoziert, aus unterschiedlichen Gründen. Bereits die Einweihung des temporären Kunstwerkes war von Schande-Rufen begleitet. Die Instagram-Beiträge Halbounis sind hingegen mit Danksagungen für dieses Mahnmal versehen. Austausch und Kommunikation hat die Installation in jedem Fall befördert. Doch warum scheiden sich die Geister hier nicht nur in Pro und Contra? Weil es um das Erinnern der eigenen Geschichte geht und vor allem um den Mythos Dresden. An diesem Punkt wird es emotional.

Manaf Halbouni Monument

Am 7. Februar 2017 wurde die temporäre Installation „Monument“ von Manaf Halbouni vor der Frauenkirche installiert. Der Deutsch-Syrer (in Damaskus geboren, syrischer Vater, deutsche Mutter) lies drei leere, von ihren Sitzreihen und damit ihrer ursprünglichen Funktion befreite Busse senkrecht vor der Frauenkirche installieren. Der Künstler wollte damit auf Momente des Krieges und der damit verbundenen Leiden für die zivile Bevölkerung aufmerksam machen; sowohl aktuelle wie in Syrien derzeit als auch vergangene, wie beispielsweise am Aufstellungsort Dresden. Die Busse symbolisieren eine Barrikade als Schutz vor Kämpfen, die dahinter stattfinden, um in einer bereits zerstörten Lebenswelt der zivilen Bevölkerung ein Mindestmaß an Schutz zu ermöglichen.

Bereits kurz nach der Einweihung des Monuments tauchte das Foto auf, das Hanaf Malbouni die Vorlage für seine Installation lieferte. Eine Aufnahme aus dem Jahr 2015 zeigt eben diese Busblockade, die in den Straßen Aleppos aufgenommen wurde. Das entscheidende Detail ist die Flagge einer Terrororganisation, die diese Blockade als rechtswidrigen Wall gegen die syrische Regierung ausweist.

Malbounis Aussage, dass diese – für ihn – neue Erkenntnis nichts an seiner ursprünglichen Intension des Monuments und dessen Aussage ändere, wurde ihm zum Vorwurf gemacht.

„Ich muss das Kunstwerk nicht neu bewerten, denn es steht für das, was ich meine: Für den Frieden.“

Das Monument sei aufgrund dieses feinen Details, das unterschlagen wurde – bewusst oder unbewusst, beides wurde Malbouni unterstellt – kein Mahnmal für den Frieden und nicht mit der Symbolkraft der Frauenkirche vergleichbar.

Die Installation hatte bereits bei ihrem Aufstellungstermin für Unruhe gesorgt, so dass das Eröffnungszeremoniell stark beeinträchtigt wurde. „Schande“-Rufe verdeutlichen welchen Stellenwert das Kunstwerk in weiten Teilen der Bevölkerung hat und mit wie viel Missmut es von Beginn an abgelehnt wurde. Ein bürgerlicher Eilantrag auf einstweilige Verfügung wurde abgelehnt. Die Stadt Dresden hat sich deutlich positioniert und hinter den Künstler gestellt.

Ein Dafür und zwei Dagegen

Das Monument hat wieder einmal bewiesen, dass es kein Schwarz und Weiß gibt. Man kann dagegen sein oder anders dagegen sein. Interessant! Unter dem Hashtag #monumentdresden (auch #dresdenmonument ist gebräuchlich) bin ich auf Twitter den geäußerten Meinungen gefolgt und konnte die Einschätzung der Installation in drei Hauptlager unterteilen. Es ließen sich die Befürworter und zwei konträre Gegner ausmachen.

Zu den klaren Befürwortern der Skulptur gehören vor allem die Initiatoren und der Künstler. Sie sahen in der Installation zum Jahrestag der Kriegszerstörung Dresdens die Möglichkeit den Dialog über Krieg und seine verheerende Zerstörungskraft anzufachen. Im Bürgerforum, das im Lichthof des Verkehrsmuseums stattfand, wurde Raum für diesen Dialog offeriert. Das Monument funktioniere nur an diesem Ort, nämlich vor dem ehemals kriegszerstörten Gotteshaus der Frauenkirche am Neumarkt. Die Frauenkirche war lange Symbol der Kriegsleiden, vor allem der zivilen Opfer der Stadt Dresden. In den 60er Jahren war es als offizielles Denkmal ausgewiesen worden und fungierte mit seinen überwucherten Ruinen als Mahnmal. Die Frauenkirche ist innerstädtisch (und weit über die Grenzen der Stadt hinaus) zu einem Symbol für die Überwindung des Krieges geworden, sie steht für die Kraft der zivilen Bevölkerung, die neu erwachsen konnte auch dank der Rückbesinnung auf die eigene Historie. Kombiniert wird diese Aussage mit einem anderen Mahnmal, dem Monument. Dieses steht symbolisch für die gegenwärtige Bedrohung von Leben, Alltag, von Menschen, die in vielen Teilen der Welt – nicht nur in Aleppo – real ist und das tagtäglich. Die ideelle Verbindung von erinnertem Kriegsleiden und aktueller Bedrohung von Menschen an anderen Orten durch den Krieg ist eine gelungene Antithese, die zum Nachdenken auffordert. Genau diese Chance sehen die Befürworter des Monuments. Zahlreiche positive Posts in den Sozialen Medien, viele Fotografien auf Instagram und Danksagungen an den Künstler Manaf Halbouni bezeugen, dass diese Vorstellung Realität geworden ist.

Kein Kunstwerk kann den Anspruch erheben alle Menschen zu erreichen und bei allem Zuspruch zu erfahren. Aber Kunst muss nicht schön sein, sie muss nicht gefallen. Sie soll zum Austausch anregen und exakt das tut sie auch dann, wenn sie negative Kritiken einstecken muss.

Eine herbe Kritik bekommt allerdings einen schalen Beigeschmack, da sie deutlich rechts orientiert zu sein scheint. Schon zur Einweihung wurde erste Stimmen wach, die forderten der einzig passende Ort für diesen „Schrott“ wäre Syrien. Mehr als eine ernsthafte Kritik ist das wohl eher der Verweis auf die Herkunft des Künstlers, an die dieser zurückverwiesen wird. Eine Fortsetzung fand diese Form der Kritik während der kurzen, gerade einmal 8-wöchigen Installationsdauer: Das Monument wurde von Anhängern der rechten Partei instrumentalisiert und politisch umgedeutet. Selbst nach Entfernung widerrechtlich angebrachter Banner wurde das Werk anders als vom Künstler intendiert umgedeutet: In Malbounis Portfolio fanden Kritiker des Monuments passend Auszüge des Projekts „What if“, in dem der Künstler ein Gedankenspiel exerziert: Was wäre wenn, die industrielle Revolution im osmanischen Reich und in Arabien stattgefunden hätte, wie wäre der Gang der Welt heute. Als Yusef Hadid inszeniert sich der Künstler selbst in eine Rolle des Generals, dem Zitate wie „Yes we can“ oder „I have a dream“ in den Mund gelegt werden. Zum Projekt gehören Landkarten, die Kampfzüge für Schlachten um Berlin, Warschau oder Rostock zeigen. Eingenommene Städte werden kulturell unterworfen und bekommen arabische Namen, bis auf wenige Großstädte.

Insbesondere nach Bekanntwerden des Zusammenhangs der Bussperre in Aleppo und der Terroreinheit Ahrar al Sham musste sich Halbouni dem Vorwurf stellen, er sei Terrorsympathisant, der sich die Islamisierung der westlichen Welt wünsche, sein Monument sei eine Huldigung für Ahrar al Sham und dies vor der Frauenkirche zu installieren sei ein Schlag ins Gesicht für eine europäische oder deutsche Kultur und ein geheimes ins-Fäustchen-lachen des Künstlers.

Auf einer völlig anderen Ebene kritisiert das andere Lager: Eine künstlerische Auseinandersetzung mit aktuellen Kriegsgeschehen und auch diese Installation sei absolut wichtig und wünschenswert, allerdings nicht vor der Frauenkirche. Es ging bei diesem Gegenstimmen vorrangig um den Ort der Installation. Die Hauptargumente waren, dass die Frauenkirche als Touristenmagnet fungiert und es kein gutes Licht auf Dresden als Gastgeberstadt werfe, wenn dieses Motiv, wenn auch zeitweise, nicht entsprechend den touristischen Vorstellungen zur Verfügung stehe. Zur touristischen Ebene kam eine zweite; besonders der älteren Dresdner Bevölkerung sei es nicht zuzumuten die Frauenkirchen ein zweites Mal zu nehmen, indem sie verstellt würde.

Ein erinnernder Blick zurück: Autos und Busse vor der Frauenkirche

In den 70er und 80er Jahren wurde der Neumarkt als Parkplatz genutzt. Busse vor der Frauenkirche gehörte zum Alltagsbild. Trümmer und parkende Autos und Busse, das passte damals zusammen. Zumindest war an einen Wiederaufbau nicht zu denken.

Manaf Halbounis Monument erinnert nicht nur an Kriegsleiden weltweit. Auch an diese spezielle Geschichte der Frauenkirche lässt sie denken. Zumindest bei allen, die diese Bilder kennen. Aus dem kollektiven Gedächtnis scheinen sie gelöscht, zumindest ist es wohl das, was viele sich wünschen. Tatsächlich ist es aber so, dass die Generation, die diese Situation so noch erlebt hat, heute um die 30 ist. Jung genug, um eben diese Erinnerung ebenfalls in sich zu tragen. Auch das ist ein Teil gelebte Identität und sollte bei der Bewertung des Monuments keinesfalls vergessen werden.

Erinnerungskultur

Das Monument Dresden war ua. Thema eines Interviews, das ich dem ZDF im April 2017 gegeben habe. Hier in kleiner Teaser des Interviews.

Mehr zum Thema Erinnerungskultur gibt es in meiner neuen Publikation, die gerade als Taschenbuch unter folgendem Titel Dresden: Erinnerungskultur und Geschichtsbild der Barockperle: Dresdner Mythos vs. Manaf Halbouni Monument erschienen ist.

 

 

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