Als der Social Media Club Frankfurt seinen Social Media Walk im Museum Judengasse angekündigt hat, war ich direkt interessiert. Frankfurt ist das älteste Zentrum Jüdischer Kultur in Frankfurt. Tatsächlich war die Judengasse das erste Ghetto Europas und ist damit so etwas wie die europäische Wiege des Judentums. Der Socialwalk ging durch das Museum am Börneplatz, das die Geschichte der Judengasse bis zu deren Auflösung und Rückbau  thematisiert. Das derzeit in Bau befindliche Jüdische Museum im Rothschildpalais wird zeitlich daran anschließend die Ausstellung thematisch erweitern.

Stadtgeschichte, Heimatkunde oder Ausflug in eine fremde Welt?

Ein bisschen von allem ist das Museum Judengasse. Die jüdische Kultur ist Teil der Frankfurter Stadtgeschichte und dennoch so autark, dass der Eindruck einer Parallelgesellschaft nicht täuscht. Wie viel wissen Nicht-Juden von diesen Bewohnern ihrer Stadt und von ihren Lebensgewohnheiten? Diese Kultur, die der eigenen so fremd ist und doch räumlich so nah stattfand fasziniert nicht nur, sondern fordert zu Recht eine Auseinandersetzung, die im Sinne der lebendigen Stadtgeschichte jedem zu empfehlen ist. Übrigens auch dem Nicht-Frankfurter.

Pro Normalo: Kein Museum für vorgebildete Kunstliebhaber

Das Museum Judengasse sieht sich selbst als Familienmuseum. Dieses Label drücken sich viele Museen auf, fraglich ist allerdings häufig was hinter dieser Plakette an konkreten Angeboten steckt. Im Falle des Museums in Frankfurt sind das ein Kinderkatalog, konkrete interaktive Angebote für Kinder in der Museumsapp und 10 Hands On Stationen im Museum. Klingt einladend und lohnt den zweiten Blick.

IMG_0198Mirjam Wenzel, die Direktorin des Museum Judengasse, führte den Socialmediaclub Frankfurt durch die Ausstellung. Ich muss gestehen, ich hatte so meine Bedenken ob das Museum von der Thematik her ein Familienmuseum für die Durchschnittsfamilie sein kann. Immerhin ist das Thema Jüdische Kultur etwas, zu dem Kinder aus nicht-jüdischen Familien kaum bis keine Berührungspunkte haben. Zugang zu dieser fremden Lebenswelt zu finden erschien mir deshalb schwierig. Allerdings ist es so, dass das Jüdische Museum kein Kunstmuseum, bei dem sich der Besucher von vornherein oft unvorbereitet, ungebildet und den Bilder unterlegen fühlt. Ausgestellt sind Alltagsgegenstände, viele Dinge mit denen jeder etwas anfangen kann und einige Dinge, die nur im jüdischen Alltag eine Rolle spielen aber aufgrund ihrer Gestaltung reizvoll sind oder Motive zeigen, die auch Nicht-Juden vertraut sind.

Hands on!

Anfassen ausdrücklich erlaubt. Das gilt an allen 10 Hands on Stationen, die extra für Kinder eingerichtet wurden und garantiert nicht nur für Kinder interessant sind. Der Ausstellungsrundgang beginnt mit der Geschichte Judengasse. Bewusst wurde auf Abbildungen der historischen Judengasse verzichtet, da sämtliches fotografisches Material erst den Zustand der späten Judengasse, nicht aber der ursprünglichen dokumentiert. Umso eindrucksvoller sind die Spruchtransparente und Fotos der Demonstranten als die Fundamente der Judengasse beseitigt werden sollten.

IMG_0211An der ersten Hands on Station wird auf den historischen Stadtgrundriss Frankfurts, der die Judengasse zeigt, der heutige Grundriss aufgepuzzelt. Stück für Stück wird so nachvollzogen, immer orientiert am Main, wie sich die einzelnen Quartiere der Altstadt wandelten und was das Verschwinden der Judengasse für die übrige Stadt bedeutete.

Es verdeutlicht, dass dieses vermeintlich autarke Gebiet immer Teil der Altstadt war und die Stadtentwicklung maßgeblich geprägt hat. Die Judengasse spielt damit nicht nur eine Rolle als erstes jüdischen Zentrum Europas, sondern als Teil realer Frankfurter Stadtgeschichte.

IMG_0219Der Rundgang führt vorbei an einer Spirale aus zwei miteinander verbundenen aber dennoch parallel laufenden Kalendern, dem jüdischen und gregorianischen. Aktuell schreiben wir in 2017 das jüdische Jahr 5777. Die Spirale markiert die wichtigsten Daten des Kalenders, immer „zweisprachig“. In der Ausstellung gibt es für jedes Jahr ein Buch, in dem nachgelesen werden kann, warum dieses Jahr eine wichtige Rolle spielt.

IMG_02181462 ist für die Frankfurter Stadtgeschichte ein besonders bemerkenswertes Datum. Nachdem der Rat der Stadt Frankfurt zwei Jahre zuvor den Beschluss gefasst hatte, dass die Juden getrennt von den christlichen Bewohnern der Stadt in einem Ghetto wohnen sollten, wurde diese 1462 – im jüdischen Jahr 5222 – aufgefordert ihr neues Quartier in der Judengasse zu beziehen. Mit diem Umzug einher ging, dass sieh ihre angestammten Wohnsitze in der Altstadt verließen und auch die in Dom nähe gelegene Synagoge aufgeben mussten. Bereits seit den 50er Jahren des 15. Jahrhunderts mussten Juden Kennzeichen an der Kleidung tragen, um sich optisch von den Christen zu unterscheiden. In der neu errichteten Judengasse durften die Bewohner keine Häuser und keinen Grundbesitz erwerben. Die gesamte Judengasse samt ihres Bestandes blieb im Besitz des Rates der Stadt Frankfurt, wurde aber von den Juden finanziert.

IMG_02171603, im Jüdischen Jahr 5636, markiert eine Rabbinerversammlung in Frankfurt. Auf dieser wurden übereinstimmende Regelungen für jüdische Gemeinden festgelegt. Zum einen waren das religionsgesetzliche Bestimmungen aber auch die Gerichtsbarkeit der Juden, die nicht der Stadt Frankfurt unterstand, sondern autark war. In Frankfurt wurde in Folge dessen einer von fünf Appellationsgerichtshören eingerichtet.

Über die weitere Entwicklung der Judengasse informiert eine visuelle Dokumentation, die kurzweilig und absolut empfehlenswert ist.

Beim Rundgang schließt sich daran der Ausgrabungsraum an. IMG_0505Die Reste der Judengasse wurden in den 1980ern beim Bau der Stadtwerke gefunden und zum Teil abgetragen und als Teil des Museums bewahrt. Was einfach klingt, war damals mit erheblichen Protesten verbunden, von denen der erste Raum zur Geschichte der Judengasse lebendige Zeugnisse bewahrt.

Mirjam Wenzel wies immer wieder explizit auf das Selbstverständnis als Familienmuseum hin. Klettern, Versteck spielen und Anfassen ist im Grabungsbereich erlaubt. Und was ergeben sich dort für tolle Versteckmöglichkeiten! Verdeckte Nischen, kleine Treppen, Vorsprünge, wie in der echte, stark verwinkelten Judengasse. Ganz nebenbei lernen die Kinder beim Versteck spielen die enge Struktur des ursprünglichen Ghettos kennen und bewegen sich durch die schmalen Häuser wie Warmbad, Weisser und Roter Widder und Sperber. Das beengte Leben wird auf diese Weise eindrucksvoll nachempfindbar. Juden war es in Frankfurt nur erlaubt innerhalb der Judengasse zu wohnen. Die wachsende Bevölkerungszahl erforderte deshalb das immer weitere Unterteilen der Häuser in kleinere Wohneinheiten. Auf den Plänen lässt sich die schmale Hausform deutlich nachvollziehen. Spannend sind außerdem die Namen der Häuser, nach denen die jüdischen Familien benannt wurden. Diese ergaben sich aus Verzierungen der Häuser, etwa Metallgeländer oder Schlusssteine.

IMG_0237Ein kleiner Magnet ist der Brunnen. Auch hier darf geklettert und „begriffen“ werden. Wie viele andere Wunschbrunnen lassen sich am Boden verschiedene Münzen und andere willentlich und unabsichtlich fallengelassene Gegenstände entdecken.

Einer der Brunnen stand vor dem Haus zum Warmen Bad, das hier in den Grundmauern nachgestellt ist. Von diesen öffentlichen Wasserstellen gab es vier Stück in der Judengasse. Zwölf Wasserträger, die wohl zu den ärmsten Bewohnern der Judengasse zählten, schleppten das Wasser in die Häuser – für einen sehr geringen Lohn.

IMG_0257Beim Versteckspiel oder Klettern auf den Mauern lassen sich nebenbei die anderen Hands on Stationen entdecken. Beispielsweise die Schreibecke, in der ein hebräisches Alphabet dargestellt ist. Die Kinder der Judengasse lernten hebräische Buchstaben. Es gibt nicht alle Buchstaben wie in unserem ABC, dafür Schriftzeichen für einige häufige Buchstabenverbindungen wie zum Beispiel „CH“. Das Besondere ist, dass die Buchstaben alle reine Konsonanten sind. Zur Darstellung von Vokalen werden die Schriftzeichen variiert. Es wird von rechts nach links geschrieben und nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung variiert. Dafür gibt es einige Buchstaben, die am Wortende anders geschrieben werden als am Anfang eines Wortes oder in dessen Mitte. An der Schreibstation, wo diese Schrift ausprobiert werden darf, wird jeder nochmal zum Schreibanfänger und Buchstaben zu Gemälden. Dieser Schreiblernprozess verleitet zu der Frage wie lernten die Kinder der Judengasse, gab es Schulen?

Kinderspiele, Kindererziehung und Schulausbildung in der Judengasse

Die Kinder der Judengasse, und damit sich überwiegend die Jungen gemeint, wurde ab 5 Jahren in Hebräisch unterrichtet, um die Gebetstexte im Original lesen zu können. Am ersten Schultag wurden die Kinder dem Rabbiner auf den Schoss gesetzt und er verlas das die Buchstabiertafel.IMG_0260

Rings um dieses Alphabet sind Szenen eines Psalms, einen Segensspruch, den 12 Sternzeichen des Jahres und weiteren religiösen Szenen, abgebildet. Der Unterricht dauerte 8 bis 9 Stunden täglich. Ihre Schulausbildung endete mit der religiösen Mündigkeit, ca mit 13 Jahren, dem Ereignis der Bar Mitzwah. Das ist insofern interessant, da dies viele Jahre auch für Christen üblich war. Die Schulbildung der Mädchen war nicht geregelt, sie wurden aber meist nur in der Umgangssprache – in Jiddisch – unterrichtet. Diese basiert ebenfalls auf dem hebräischen Alphabet.

Über die Kinderspiele der Judengasse ist recht wenig bekannt. IMG_0258Es gibt kaum überlieferte Spiele bzw. keine anderen als im übrigen Teil der Stadt Frankfurt. In einem Schaukasten sind kleine Krüge und Schälchen ausgestellt und eine Wasserpfeife. Vermutlich sind diese Stücke Kindergeschirr, das zum Spielen verwendet wurde. Wie zu dieser Zeit üblich waren Kinder kleine Erwachsene, die das Alltagsleben teilten. Dem kindlichen Spiel wurde zu dieser Zeit wenig Raum zugestanden. Sie nutzten Alltagsgegenstände für Rollenspiele. Schnell wurden sie auf diese Weise mit dem erwachsenen Leben betraut.

IMG_0248Geld wechseln, umrechnen, rechnen – das sind Alltagsfertigkeiten, die für das jüdische Leben eine besondere Rolle spielen. Ursprünglich waren viele Juden im Handel tätig. Christliche Kaufleute wurden allerdings zunehmend Konkurrenten, so dass Geld- und Kreditgeschäfte für Juden lukrativer wurden. In diesem Feld waren sie weitgehend konkurrenzlos, denn das Zinsnehmen war Christen verboten. Kinder können ihre Rechenfähigkeiten für die Umrechnung zwischen verschiedenen Währungen im Museum testen und einen Eindruck eines alltäglichen Berufs der Judengasse bekommen.IMG_0233

Einen der Alltagsgegenstände untersuchen können Besucherkinder des Museums an einer weiteren Station. Handschuhe an und Lupe zur Hand. Was lässt sich an der Schale entdecken? Inschriften und feine Verzierungen geben Antworten auf Fragen, die diese Hands on Station stellt. Einmal Museumsdedektiv sein oder Forscher oder Wissenschaftler – hier lässt sich aktives Sehen schulen und das mit anfassen. Toll, dass sowas erlaubt ist und ermöglicht wird.

Musik in der Judengasse

In der Judengasse lebten Musikanten und Spielmänner, die insbesondere bei Hochzeiten auftraten. Sie waren allerdings nicht nur in der Judengasse tätig, sondern spielten in ganz Frankfurt auf. Zunehmend fürchteten die Frankfurter die Konkurrenz und forderten Gesetze, dass Juden nur innerhalb der Judengasse spielen dürften. Diese Gesetze wurden im 17. Jahrhundert mehrfach erlassen und die maximale Anzahl an Spielmännern der Judengasse auf vier begrenzt.  Einen Eindruck der jüdischen Musikkultur zeigen die Hörkästen am Ende der Ausstellung.

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Moses empfängt die 10 Gebote

Moses empfängt die 10 Gebote

Ebenfalls spannend sind die Gucklochkästen mit vier Schlüsselszene: Nach der Erschaffung der Erde, hier dargestellt durch Adam und Eva im Paradies, nach Moses Empfängnis der 10 Gebote, der ältesten Regeln des Judentums und der Christen und nach Noahs Arche und der Sintflut ist auch der Turmbau zu Babel dargestellt. Er begründet eine Reihe von Verfehlungen, an die sich Abrahams Flucht nach Harran und später seine Wanderung in das neue Land der Israeliten, Kanaan, anschließt. Die Geschichte der Juden beginnt damit.

Das Museum Judengasse ist in jedem Fall einen Besuch wert. Es zeigt einen Teil Frankfurter Stadtgeschichte, der fremd ist, der anders ist, und dennoch ein fester Teil des Alltagslebens. Das Museum Judengasse freut sich auf euren Besuch! Übrigens: Es lohnt sich die Museumsapp VOR dem Besuch zu Hause herunterzuladen. (Das Netz im Museum ist eher schlecht). Die kurzen Audiohinweise sind nicht nur für Kinder spannend und deutlich leichter zu hören als die vielen Texte im Museum zu lesen.

Museum Judengasse
Battonnstrasse 47
60311 Frankfurt am Main

Mehr Bilder vom Socialmediawalk und dem Museum Judengasse findet ihr auf vielen sozialien Kanälen unter dem Hashtag #mjsmcffm.

Es lohnt sich einen Blick in andere Blogposts zum Walk zu werfen. Jeder hat sein Augenmerk auf unterschiedliche Aspekte gelenkt und gerade dadurch entsteht ein sehr reizvolles Gesamtbild. Diese Links hier sind noch in der Sammlung und werden erweitert. Kommentiert gern unten, falls ihr auch einen Blogbeitrag zum #mjsmcffm verfasst habt oder ihr euren Videolink oä. mit in die Liste geben wollt, ich freue mich über Erweiterungen.

 

 

Eine tolle Zusammenfassung ist auch das Video von Daniel R. Schmidt, das während des Sozialmediawalks im Museum Judengasse entstanden ist.

 

 

 

 

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