Schon fast Mai, ich bin spät dran mit meiner Museumsperle. Das liegt vor allem daran, dass ich mich nicht entscheiden konnte. Eine Perle – klein, glänzend, überraschend wertvoll, manchmal etwas unrund. Das ist zumindest meine Assoziation. Auf welches Museum das zutrifft? Ehrlich – ganz spontan fielen mir drei ein. Auch bei längerem Nachdenken, seit Aufruf zur Blogparade #perlenfischen, kreisen meine Gedanken immer wieder um die drei.

Zwei davon sind Naturalienkabinette, die ersten ihrer Art.  Das La Specola in Florenz erinnert mich immer wieder an das Naturalienkabinett Waldenburg, das ich früher als Ort des Bizarren erlebt habe. Es wird derzeit umgebaut und vor allem hinsichtlich seines Umgangs mit den Exponaten völlig umgestaltet. Diesen Wandel verfolge ich mich Spannung. Eine Museumsperle über die ich ganz bald nach ihrem völligen Wandel berichten möchte.

Perlen wollen gesucht werden

#Perlenfischen möchte ich vorerst an einem anderen Ort. Italien. Das Museum war für mich ein glatter Zufallsfund, wahrlich eine Perle unter vielen Muscheln (Internettabs), die ich geöffnet hatte, um etwas in der Region Verona/Padua für einen windigen, kühlen und verregneten Herbsttag zu finden.  Irgendwo zwischen Padua und Venedig verbirgt sich das Castello San Pelagio. Die Villa im Stil eines Kastells ist nicht nur ein traumhafter Ort zum Heiraten und für Feste (genau das ist dort möglich), sondern beherbergt das nahezu unbekannte Museo del Volo oder Museo dell´aria edello Spazio (Museum der Luft- und Raumfahrt) wie es auch genannt wird. Im Museum finden sich Nachbauten der Ideen vieler Luftfahrtpioniere. Angefangen mit Leonardo da Vinci, Otto Lilienthal, der Gebrüder Wright bis hin zur militärischen Luftfahrt mit Zeugnissen des Roten Barons Manfred von Richthofen oder Gabriele d´Annunzio. Der kurze Teaser im Internet klang eindrucksvoll und besonders die Flugmodelle Davincis und Lilienthals waren die Zugpferde, um diese Museumsperle zu (be-)suchen.

Suchen ist das Stichwort, denn es ist nicht ganz einfach dieses Museum zu finden. Es lohnt sich in jedem Fall vorab die Dove siamo–Seite des Museums genau zu studieren und eventuell den Kartenausschnitt zu kopieren. Die Suche und vielleicht auch etwas zeitaufwendige Anfahrt ins Nichts durch die Hügel des Parco Colli Euganei ist landschaftlich reizvoll und wird definitiv belohnt. Und zum Perlenfischen gehört die Suche in jedem Fall dazu, passt also. Aber Achtung, damit die Muschel sich öffnet: Das Museum hat nur Donnerstag bis Sonntag geöffnet.

Bauernküche und Flugmodelle, ein Wimmelbild in 3D

Das Museum wird über den Vorgarten betreten, im Inneren befindet sich ein Säulengang, der den bepflanzten Patio umfasst. Erste Modelle kleiner Flugzeuge stehen in den Arkadengängen, im Patio, zum Teil etwas eingewachsen, mitten im Grünen. Es irritiert, wirkt etwas chaotisch aber sofort liebenswürdig. Keine anderen Besucher in Sichtweite (es ist unter der Woche, keine Ferien, später Vormittag), ebenfalls irritierend aber auch charmant. Ebenso die Angestellten. An der Kasse hängen Ankündigungen des Museumsprogramms, insbesondere für Kinder gibt es spannende Ideen und thematische Kurse, die sich größtenteils auf die heimatkundliche Bedeutung des Gebäudes und seines Gartens beziehen, weniger auf das Museum.

Für den Rundgang durch das Museum der Luftfahrt gibt es einen Ordner, der in verschiedenen Sprachen Informationen zum Castello aber auch zu den Ausstellungsobjekten liefert. perlenfischen_museovolo (1)

Der Rundgang beginnt im 15. Jahrhundert, im Davinci Raum. Die Kinder sind begeistert – Davinci steht in typischer Kleidung – endlich einmal den Mann sehen, von dem man so viel gehört hat, viel gelesen hat und vor allem schon viele technische Zeichnungen kennt. Um ihn stehen Flugmodelle, Konstruktionen seiner Zeichnungen. Leider lassen sich diese nicht aus der Nähe betrachten, da das Zimmer nur von außen betrachtet werden kann. Beeindruckend sind dennoch die Zeichnungen mit den handschriftlichen Notizen Davincis, die das Zimmer ebenfalls gestalten.

Thematisch daraufhin leiten bereits Zitate aus dem Codice del Volo, die in Leonardos Handschrift und mit seiner typischen, spiegelschriftlichen Unterschrift aushängen:

„Piglierà il primo volo il grande uccello, sopra del dosso del suo magno cecero, empiendo l’universo di stupore, di sua fama tutte le scritture e gloria eterna il nido dove nacque.“

perlenfischen_museovolo (2)Es bedarf bereits einiges an Hintergrundinformationen, um mit diesen Exponaten umzugehen. 2005 gab es in Florenz eine große Ausstellung der Flugexponate Davincis, die seinen Skizzen gegenübergestellt waren. Tatsächlich von ihm gebaute und getestete Flugobjekte wurden Ideenskizzen gegenübergestellt und einige Skizze nachgebaut. Einen super Überblick über die Maschinen Davincis bietet eine italienische Website, die sich zum Ziel gesetzt hat Davincis Entwurfsskizzen, Rekonstruktionen seiner Modelle und technologische Erfindungen  in Gänze zu publizieren.

Im Museum folgt darauf der Direktvergleich zu Otto Lilienthal. Es ist faszinierend zu sehen wie viele hundert Jahre zwischen ihm und Davinci liegen und wie ähnlich doch beide Denkansätze zum Fliegen sind und welche Parallelen die Flugmodelle aufweisen, vor allem formal. Lilienthal gilt als erster Mensch, dem Gleitflüge gelangen. Im Direktvergleich zu Davinci wird deutlich, warum das seitens vieler Forscher bezweifelt wird.

perlenfischen_museovolo (4)Ab dem nächsten Raum wird es absurd aber gerade das ist das Unrunde dieser Museumsperle, was mich fasziniert. Der nächste Raum ist die Küche des alten Castells. In diesem Raum sind alte Bauerntruhen, Küchenutensilien der Zeit ausgestellt. Der Raum ist möbliert mit einem hölzernen Küchentisch, einem Herd und dazwischen Fallschirme und Fliegerutensilien des Dritten Reiches. Modellflugzeuge, Spielzeugflieger, Porträts von Militärpiloten. Das Ganze hat etwas von einer persönlichen Familienküche, ein wenig aber auch wie ein Sammelsurium des Absurden, des Nicht-Zusammenpassen-Wollens. Ein Wimmelbild in 3D und ein Ausflug in vor allem deutsche Luftfahrtgeschichte und damit auch deutsche Kriegsgeschichte. Zugleich wird man sich in diesem Raum einmal mehr der Geschichte des Hauses bewusst.

perlenfischen_museovolo (5)Über eine verwinkelte Treppe gelangt man ins Obergeschoss, in dem die Geschichte der Luftfahrt weitgehend chronologisch weitererzählt wird. Zeppeline, Heißluftballons, Doppeldecker. Und dann eines meiner persönlichen Highlights: Die erste Drohne. Der deutsche Apotheker Julius Neubronner befestigte bereits 1903 eine Kamera an einer Taube, um Luftaufnahmen anzufertigen, die ersten der Geschichte. Faszinierend welche Entwicklung diese Technik in den letzten 100 Jahren genommen hat.

jesus mit heli_1Seinen Abschluss findet der Rundgang in einem Ausblick auf die Geschichte der Raumfahrt, die allerdings in den Anfängen dieser endet. Beeindruckt hat mich vor allem das Abschlussbild – eine (leider stark verblichene und noch dazu schwarz-weiße) Kopie einer vermutlich nördlich der Alpen gemalten Madonna mit Jesuskind, das eine Art Hubschrauber in der Hand hält, ein Werk des 15. Jahrhunderts. Für mich ein toller Ausklang der Exponatesammlung, da es mir einen Anlass liefert mich auch nach dem Museumsbesuch noch einmal thematisch damit zu beschäftigen: Was hat es mit dem Helikopter des Jesuskindes auf sich? Wie ist das möglich 500 Jahre vor der Erfindung dieses Fluggerätes? Antworten auf diese Fragen skizziere ich im Beitrag Stil-Ikone: Jesus mit Helikopter des 15. Jahrhunderts.

Castello Pelagio – Haus, Garten, Geheimer Garten – ein Besuch voller intimer Familienmomente

Das Haus ist mehr als ein Museum. Es steckt voller privater Momente, angefüllt in drei Jahrhunderten Familiengeschichte der Conti Zabbora. Der Garten umfasst das Haus und wirkt geheimnisvoll und doch einladend. Für Kinder gibt es verschiedene Bereiche zu entdecken, Geschichten im Labyrinth, ein Spiel der Elemente und andere Geheimnisse. Eine Fortsetzung findet das im Giardino Secreto, dem als geheimen (intimen) Garten angelegten Teil der Familie.

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Viel zu entdecken. Ein herrlich unaufgeregtes Museum, das sich super im eigenen Tempo entdecken lässt. Bei schönem Wetter gibt es im Garten tolle Picknickplätze, also unbedingt etwas Leckeres einpacken!

Die Fahrtzeit zum Museum lässt sich übrigens toll nutzen, um sicha fu dei Geschichte der Luftfahrt und Raumfahrt einzustimmen. Dafür kann ich die Hörspiele von Torben Kuhlmann empfehlen. In Lindbergh: Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus wird der Atlantiküberflug einer kleinen Maus erzählt, die später Charles Lindbergh zu seinem Transatlantikflug inspirierte. Armstrong: Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond erzählt die Geschichte der Apollomission, der ersten Mondlandung von Neills Armstrong, ebenfalls aus der Sicht einer kleinen Maus, fantasievoll adaptiert. Mehr zu beiden Hörspielen, die es auch als ansprechend gestaltete Bilderbücher gibt, lest ihr in meinem Blogpost Ikarus, Leonardo, Lindbergh & der Traum vom Fliegen.

 

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