Picassos primitive Malereien erinnern an kleinkindliche Kunstwerke. Der ideale Anknüpfungspunkt zur Kunstvermittlung: Kinder erkennen sich in dieser Sichtweise auf Objekte und Personen wieder, ahmen nach und lernen dabei spielerisch in Kunstwerke einzutauchen. Sie erfahren dabei viel über Bildaufbau, Wirkungsweise und inhaltliche Bedeutungen. In meinem letzten Blogbeitrag hatte ich über meine liebste Kunst-Bücher geschrieben und wie ich sie zur Kunstvermittlung bei Kindern verwende. Der Ausstellungskatalog „Picasso et les Femmes“ gehört zu den vorgestellten Werken.

Bei einem ersten Durchblättern des Kataloges waren die Kinder vor allem von den Bleistiftskizzen angetan. Ich vermute durch das Schreiben mit Bleistift in der Schule, ist dieses Material alltäglich. Anders als für „unkreatives“ Schreiben und Lösen von statischen Aufgaben ist der Bleistift in den Skizzen Picassos kreatives Material. Er lässt Porträts leben, zeichnet damit Geschichten und lässt Mehrdimensionalität ins Bild einfließen. Die Kinder äußerten sofort den Wunsch ebensolche Porträts zu zeichnen. Auf Nachfrage warum eben diese Porträts, antworteten die Kinder, weil sie toll aussehen und vor allem leicht, so als könnten wir das genauso oder besser.

Ohne das weiter zu kommentieren bekamen die Kinder Papier und Bleistifte bzw. Buntstifte. Als erste Vorlage wurde  von allen dasselbe Porträt Picassos gewählt: Eine von Irene Lagut stammende Bleistiftskizze erwählt.

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Bereits nach wenigen Bleistiftstrichen merkten die Kinder, dass die scheinbar einfach gezeichneten Bilder schwierig nachzumalen sind. Die scheinbar willkürlichen Bleistiftstriche bilden die charakterhaften Porträts meisterlich ab. Bei den Kindern war ein Prozess zu beobachten, der von anfänglich langsamen und bewussten Zeichnen zu einem übermütigen Krakeln wurde. Interessant hierbei ist, dass sobald das bewusste Schauen und Nachmalen überwunden wurde, die Ergebnisse intuitiver und tatsächlich näher am Original sind. Dass Picassos Werke das Wesentliche reduzieren und transformieren in Striche oder geometrische Formen, haben sich die Kinder so selbst erarbeitet.

img_1924picasso_praesentieren-3Das Prinzip gilt für Laguts Zeichnung ebenso wie für die Porträts aus Picassos Hand. Nach einem ersten Kennenlernen, durften die Kinder frei wählen und sich für einen Frauenkopf entscheiden, der sie ansprach.

An diesem Punkt könnte die Motivation hinterfragt werden: Warum hast du dieses Porträt ausgewählt? Was verbindet dich persönlich damit? Alternativ eine Aufgabe wie – suche in einem Fotoalbum zuhause ein Foto|Bild|Postkarte|Zeitschriftenausschnitt, das|der|die diesem ähnelt (in Motiv, Stil oder anderen Zusammenhängen).

Anhand von Badende von 1928 (Zervos VII,209) haben die Kinder mit dieser Erkenntnis experimentiert und sich den Bildinhalt dieses abstrakten Ölgemäldes erarbeitet. Ohne weitere Kommentare war die Aufgabe dieses Motiv nachzuahmen. Als Material war keine Vorgabe gemacht, so dass die Kinder völlig frei waren zu experimentieren.

 

Kinder präsentieren ihre Picassos

Alle Kinder waren auf ihre eigenen Picasso-Werke sehr stolz. Sie entwickelten die Idee, diese im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren. Bei der Arbeit mit Kindern ist es wichtig Impulse aufzunehmen und aktiv einzubinden. Aus diesem Grund wurde den Kindern die Konzeption einer Ausstellung aufgetragen.

img_9650Am Ende der Arbeitszeit waren die Ergebnisse vielfältig und überraschend umfangreich.Einige Kinder hatten eine ganze Serie von Arbeiten produziert, die sich auf verschiede Art mit der Vorlage auseinandersetzten: von einer ersten Ideenskizze bis hin zu Varianten, die mit einem Material spielen und dessen Möglichkeiten ausloten.

Die Kinder luden mit passenden Eintrittskarten zu Gemeinschafts- und Einzelausstellungen. Wie auf Vernissagen üblich gab es ein Rahmenprogramm – etwa die Lesung von Kurztexten oder musikalische Untermalungen – und eine kurze Eröffnungsrede.

Spannend ist zu sehen, dass Picassos Vorlage überwiegend dreidimensional umgesetzt wurde. Alle Kinder haben in dem Leinwandgemälde einen räumlichen Charakter wahrgenommen, den sie in den plastisch dargestellten geometrischen Formen erkannt haben.

img_9651Ein Kind hatte zunächst eine Skizze gefertigt, die ähnlich einem Relief aus Legosteinen aufgebaut bzw. gelegt war. Auf einem neutralen Hintergrund war diese sehr fragil und unbeweglich. Zur eigentlichen Präsentation erwies sie sich als eher ungeeignet, da sie ihr Ort nicht verändert werden konnte.

In einem kurzen Experiment wurde sie auf einer Platte befestigt. Diese war Grün, was zum eigentlichen Bildinhalt als unpassend empfunden wurde. Als temporäre Skizze durfte sie auf ihrem ursprünglichen Platz liegen bleiben.

Im nächsten Schritt wurde img_9656aus der Badenden eine Legoskulptur. Faszinierend war vor allem die Art der Präsentation: Im Schaukasten auf Muscheln und anderen Symbolen des Strandes war die Skulptur präsentiert und beleuchtet, während als Hintergrund die Vorlage aus dem Katalog diente.

Für eine Kinderausstellung dieser Art sind die Ikea Synas Leuchtkästen zu empfehlen. Diese können von Kindern einfach befüllt werden und setzen mit der richtigen Beleuchtung die Objekte in Szene.

 

img_9663Größere Skulpturen, wie etwa aus dem REMEMBER Steckspiel Kallewupp, KL1 (Werbelink) brauchen Raum.Toll ist, dass dieses Spiel bereits von sehr kleinen Kindern genutzt werden kann. Alle Teile sind einfach ineinander zu stecken und erzeugen immer wieder neu faszinierende Figuren. Mit etwas Fantasie und durchaus Übung gelingt es Formen des Alltags – oder eben Kunstobjekte – nachzubauen. Die Umsetzung eines ursprünglichen Gemäldes mit Kallewupp überrascht und mag – vor allem Erwachsene – zunächst überfordern. Einfach drauf los und ausprobieren ist für Kinder eine einfachere Taktik, der dieses Spiel sehr entgegenkommt.

Ist die Skulptur fertig, ist die Frage wo sie stehen kann drängend. Für Kinder ist es eine tolle Herausforderung einen Platz zu suchen, an dem „ihr“ Objekt zur Geltung kommt. Diese Kallewupp-Skulptur der Badenden war für den Ikea Synas Leuchtkasten zu groß. Auch war nach einigem Überlegen klar, dass diese raumgreifende Skulptur nicht in eine Vitrine eingesperrt werden kann. Ein freier Platz im Raum, der jedoch nicht allansichtig sein muss, war gewünscht. Das Kind reagierte damit auf die vorgegebene Ansicht des Gemäldes: auch wenn dieses einen räumlichen Charakter suggeriert, ist es nicht möglich um die Badende herumzulaufen.

img_9661Die Wahl für dieses Kallewupp-Badende fiel auf eine dunkle Wand, die die Farben der einzelnen Elemente gut leuchten lässt und sich dezent zurücknimmt. Außerdem erhielt sie so einen Platz im Raum, der nicht sofort einsichtig ist. Die Badende bekommt damit die ihr zustehende Privatsphäre.

Kinder wissen sehr genau wie ihre Werke gut in Szene zu setzen sind. Sie haben ein Gespür für Raumwirkung und wie sich das Betrachten der einzelnen Objekte ändert, wenn ihnen ein neuer Standpunkt zugewiesen wird. Spannend ist es mit Farbwirkungen zu experimentieren – farbige Wände sind ideal. Alternativ können den Kindern farbige Tücher oder Decken zur Verfügung gestellt werden, um mit Hintergrundkontrasten zu spielen. Auch großformatiges Papier, das selbst bemalt oder beklebt wird ist eine tolle Alternative. Farbige Wellpappe oder strukturierte Kartons sind ebenfalls ideal.

 

Lerneffekt gleich Kunstinteresse

Die Kinder haben Kunstwerke entdeckt, die auf den ersten Blick ihren ähneln. Dies hat sie gereizt tiefer in die Bildwelten einzutauchen. Bei dem Versuch Skizzen abzumalen wurden sie zum genauen Hinsehen animiert. Zugleich haben sie erfahren, dass kein Strich zufällig ist, sondern einem großen Ganzen dient. Die Reduktion auf wenige Striche ist nur möglich, weil es immer noch die charakteristischen Wesenszüge eines Objektes oder Menschen definiert. Diese wenigen Striche haben oftmals einen räumlichen Charakter, der das Bild lebendig wirken lässt.

Die entstandenen eigenen Picassos haben animiert das Thema „Präsentieren“ anzugehen. Ohne jegliche Instruktion haben die Kinder wesentliche Züge einer Ausstellung und vor allem Ausstellungseröffnung erarbeitet:

  • Marketingmaßnahmen für die Ausstellung (mdl. Vorankündigung, Einladungen, Persönliche Eintrittskarten)
  • Eröffnungszeremoniell mit Rahmenprogramm (Lesungen, passende Musikstücke)
  • Passende Aufstellung / Hängung von Kunstwerken (Leuchtkästen, farbige Hintergründe, Bezug zur Vorlage)
  • Passende Beleuchtung (gedämpftes Licht und beleuchtete Einzelobjekte)

Der Input der Kinder – eine Ausstellung zu organisieren – hat mich nicht losgelassen. Den Themenpunkt „Ausstellungskonzeptionen mit Kinder entwickeln“ möchte ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal vertiefen, eventuell im Rahmen eines Workshops oder als Ferienprogramm (gerade in Vorbereitung für 2017).

 

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