Projektbeschreibung

Skulpturen und Malerei zeigen Irene Peil und Carola Senz in ihrer Ausstellung ZWEIERLEI vom 27. August bis zum 3. September 2017 in der Alten Färberei / Haus der Vereine in Herborn. Anlässlich der Vernissage habe ich am Sonntag, 27. August 2017 eine Eröffnungsrede gehalten.

 

An dieser Stelle veröffentliche ich erstmals das Manuskript eines Vortrags, um künftigen Kunden einen Eindruck in meine Arbeit als Rednerin zu geben.

 

Eröffnungsrede für die Ausstellung ZWEIERLEI. 27. August 2017.

Begrüßung.

Auch von mir noch einmal ein Herzliches Willkommen zur Ausstellung Zweierlei, hier in den historischen Räumen der Alten Färberei in Herborn. Wir befinden uns in einem geschichtsträchtigen Gebäude des 17. Jahrhunderts. Dieses ursprüngliche Werkstattgebäude bildet den passenden Rahmen für eine Kunstausstellung wie diese und stellt den zeitgenössischen Kunstwerken von Irene Peil und Carola Senz einen historischen Kontrast entgegen, der die formen- und farbenstarken Werke umso mehr betont.

Einführung.

Der Wettstreit der Künste, die Paragone, beschäftigte in Renaissance und Frühbarock Künstler, Mäzene und Philosophen. Welche Kunst darf aus ästhetischen Überlegungen und handwerklichen Fertigkeiten als Primat der Künste gelten?

Brennpunkt dieser Frage war der Rang der Malerei und Bildhauerei. Während der Bildhauerei schwere körperliche Ertüchtigung als Voraussetzung zugeschrieben wurde – die Fatica del Corpo -, galt für die Malerei die höhere angesehene physische Ertüchtigung der Fatica del Mente als Basis.

Die Malerei hatte dabei namhafte Fürsprecher wie Albrecht Dürer oder Leonardo da Vinci. Nicht minder bedeutsam waren die Fürsprecher der Bildhauerei: Benvenuto Cellini beispielsweise. In der späteren Paragone Tradition verblasst glücklicherweise die Frage nach der Vorrangstellung des Einen, vielmehr kann sich nun fokussiert werden auf die Ausdrucksformen und individuellen Möglichkeiten der einzelnen Kunstgattungen. Das gibt uns heute die Möglichkeit dieser Ausstellung ZWEIERLEI, in der sich Malerei und Bildhauerei nicht nur gleichgewichtig gegenüberstehen, sondern als gegenseitige Bereicherung.

Der Raum wird gefüllt von raumgreifenden Skulpturen von Irene Peil, die vor allem aufgrund ihrer natürlichen Materialien und organischen Formen direkt ansprechen und es einfach machen sich auf sie einzulassen. Eine Begrenzung und zugleich Erweiterung erfahren sie durch die großformatigen Leinwandmalereien von Carola Senz. Sie ergänzen Farbigkeit, direkt gefühlte Emotionen und Weite. Damit öffnen sie den Raum der Skulpturen und erweitern deren Feld. Ein sehr gelungenes Zusammenspiel zweier Disziplinen der bildenden Künste.

Irene Peil.

Irene Peil fertigt Skulpturen, die sofort den Wunsch wecken sie berühren zu wollen, wie Handschmeichler. Vor allem sind es die natürlichen Materialien und die ihnen verliehene sanfte Oberfläche, die sinnlich wirken und deshalb für den Betrachter leicht zugänglich sind.

Begibt man sich bei jeder einzelnen Skulptur auf die Suche nach der, ihr eigenen Form so verliert sich das Auge in ihr und es fällt schwer Anfang und Ende des Objekts zu erfassen. Organisch, geschwungen, rund – mit diesen Beschreibungen sucht das Gehirn zu kategorisieren und wird dabei der Komplexität der raffinierten Einfachheit dieser Kunstobjekte nicht gerecht.

Die Künstlerin arbeitet mit Stein und Holz und nutzt dabei die große Bandbreite der beiden Werkstoffe. An Holz hat sie bereits mit Elsbeere, Weide, Eiche, Pflaume, Essigbaum und Ahorn gearbeitet, Beispiele für die letzten drei sehen wir heute hier in der Ausstellung ZWEIERLEI. Auch bei der Verarbeitung von Stein zeigt sie eine große Bandbreite und verwendet Sandstein, Marmor, Alabaster, Diabas und Serpentin. Alle diese Steine sind hier in der Ausstellung vertreten.

Der Serpentin wird auch Schlangenstein genannt. Ihn verwendete sie für die Skulptur ZERRISSEN, die sie von hier unten erahnen können. ZERRISSEN ist ein sehr faszinierendes Stück. Wirkt der Serpentin auf der einen Seite glatt, gleichsam einem menschlichen Körper, so ist er doch schroff an seiner Oberseite. Die zu Wandnische geneigte Seite zeigt einen Stein mit Unregelmäßigkeiten, die faszinierend sind, gleichsam einem Farbspiel. Für mich ist die Skulptur vergleichbar mit einem menschlichen Torso. Fein und zart anzusehen aber doch gezeichnet von den Spuren des Lebens, die ihn zerrissen und geprägt haben. Er wird damit einzigartig und interessant. Gehen sie um die Skulptur unbedingt herum, sie ist allansichtig und deshalb auch bewusst so in den Raum gestellt, dass sie ringsum betrachtet werden kann. Nehmen Sie sich Zeit und entdecken Sie ihren ganz eigenen Zugang zu diesem Objekt.

Die Titel der Werke Irene Peils lenken das Verständnis. KNOSPE ist eines dieser Werke, in dem der Geist versucht das zu erkennen, was das Auge als Sehgewohnheit einer Knospe kennt. Und doch ist nur ein Teil dargestellt, gleichsam einem Pars pro Toto. Statt einer in sich runden und geschlossenen Knospe scheint diese gleichsam einem Querschnitt angeschnitten, um verheißungsvoll das Kommende bereits vorwegzunehmen ohne es jedoch zu tun. Die Knopse als ein unfertiger Zustand, der ein Werden erahnen lässt, ist immer das Symbol für einen neuen Aufbruch, einen Neuanfang. Dieses Werk hat einen stark biografischen Bezug zur Künstlerin und ist wohl das persönlichste Objekt dieser Ausstellung.

Irene Peil hat Teile ihre Arbeiten in Werkgruppen angeordnet, die jeweils mit einem Oberthema betitelt sind. In dieser Ausstellung sind es beispielsweise die Gruppen Glauben – Liebe – Hoffnung, hier im Erdgeschoss, im Nachbarraum, und Wachsen – Werden – Wandel, direkt oben drüber in der nächsten Etage. Die jeweils 3 Objekte einer Gruppe gehören laut Titel zusammen und sind in einer bestimmten Reihung dargeboten.

Glauben – Liebe – Hoffnung

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter Ihnen. […] Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.“ (Bibel, 1. Brief Kor. 13)

Das Bibelzitat kam mir zuerst in den Kopf und doch handelt es sich nicht um ein religiöses Motiv allein. Irene Peil verwendet eine andere Reihenfolge und Titelung. Ihr Werk GLAUBEN ist gefertigt aus einem Diabas, der im Volksmund auch Grünstein genannt wird, einfach aufgrund seiner Färbung. Es ist übrigens der Stein des Jahres 2017. Wenn Sie später durch diese Ausstellung laufen, werden Sie sofort erkennen, welches Objekt gemeint ist. Der Grünstein ist so charakteristisch und einzigartig, er wirkt schlicht und modern. So modern  und zurückhaltend klassisch-modern er wirkt, hatte er doch seine Hochkonjunktur in der Steinzeit, als Material für Äxte und Beile. Später wurde er als typischer Grabstein verwendet. Für unsere Region Lahn-Dill ist es ein heimischer Stein, der heute noch in umliegenden Steinbrüchen abgebaut wird. Das wirklich besondere dieses Steins ist, dass er bei Berührung das Hautfett annimmt und so weich und zu einem Handschmeichler wird. Irene Peils Skulptur lässt das kaum erkennen. Der Stein wirkt kantig, rauh. Nur an den längeren Seiten zeigt er sich von seiner zarten Seite und wirkt als das Ergebnis einer mühsamen Bearbeitung. Sie erinnern sich, die schwer körperliche Fattica.

HOFFNUNG verleiht in diesem Werkensemble indischer Sandstein. Mich erinnert die Form an eine Kathedrale mit einem mächtigen Hauptbau und einem kleineren Vorraum. Ähnlich der KNOSPE wirkt dieses Werk wie ein fein gemasertes Stück Holz. Dieses Spiel mit dem Material zieht sich durch die Ausstellung: Irene Peil verwendet Holz und Stein und so unterschiedlich beide Stoffe sein mögen, schafft sie es durch die Bearbeitung die Grenze zwischen beiden verschwinden zu lassen. Die Maserung des Steines wird so fein herausgearbeitet und so glatt und glänzend präsentiert, dass sie an fein geöltes Holz erinnert. Der Betrachter ist gezwungen näher zu schauen und zu suchen, ob es tatsächlich Stein sein kann – wie die Schilder verweisen – oder nicht doch Holz sein muss, aufgrund der wahrgenommenen Maserung.

Die Aufforderung zum aktiven Sehen und längerem Hinschauen wird bei den Werken im Dachgeschoss auf die Spitze getrieben. Ein Werk, das die Augen des Betrachters besonders gefangen nimmt und in die Irre führt ist SPIRALE, das Sie direkt im Eingangsbereich sehen werden. Eine zauberhaft bearbeitete Ahornwurzel, die so weich und glatt wirkt, wirft die Frage auf: Wo ist ihr Anfang, wo ihr Ende? Wie eine Zeitschleife entführt sie ihren Betrachter ohne jedoch in endlos Wiederholung dasselbe zu zeigen. Nach und nach wird das Auge der Unebenheiten gewahr, fällt in einen Spalt und findet sich an den langen Wurzeln wieder, die zunächst Halt geben aber wiederum nicht zu lange, sind sie doch gekappt. Dieser sehr dynamischen Skulptur sind die zwei Objekte PAS DE DEUX und PIROUETTE zugeordnet, beides Tanzskulpturen. Bei beiden wird der Betrachter in den Bann gezogen einer Performance zuzuschauen. Anders als die übrigen Arbeiten der Künstlerin wirkt diese Werkgruppe raumgreifender und dadurch noch dynamischer. Gleichsam einer Kunstperfomance mag man den Skulpturen Raum lassen, Abstand halten, um sie in ihrer Bewegung nicht zu stören. Das Staunen und innehalten bleibt. Trotz ihrer Dynamik wirken diese Skulpturen der Tanzenden ruhig und beruhigend. Eine Begrenzung erfahren die Skulpturen durch die Stilleben von Carola Senz. Sie verorten die, wie im Trance befindlichen Tänzer im Hier und Jetzt und verleihen ihnen und ihrer Darstellung eine greifbare und begreifbare gegenständliche Komponente, sie irden die Tänzer gleichsam.


Carola Senz.

Die Stilleben im Dachgeschoss sind zwar auch von Carola Senz, dennoch sind sie völlig anders als die übrigen hier gezeigten Arbeiten, die alle zu einem Werkzyklus gehören. Carola Senz verarbeitet in ihnen ihre erste Begegnung mit der Autobahnkirche Siegerland von Schneider Schumacher.

Kennen Sie diese Autobahnkirche? Das architektonisch besondere dieses Bauwerks ist seine Form, die einerseits an japanisches Origami erinnert, an eine Faltfigur aus weißem Papier, und andererseits in der Giebelansicht die Form eines Kirchenpiktogramms hat – Hoher Kirchtum mit Spitzdach und flacherer Anbau für das Kirchenschiff. Neben den Malereien im Obergeschoss hängen Fotografien dieser Autobahnkirche, anhand denen sie sich ein Bild dieser besonderen Architektur machen können.

Carola Senz verarbeitet in allen hier im Erdgeschoss und 1. Obergeschoss gezeigten Malereien ihre erste Begegnung mit dieser Autobahnkirche, die sie als beeindruckendes Erlebnis beschreibt und mit dem Begriff der Transzendenz betitelt.

In dem Begriff Transzendenz drückt sich die Urerfahrung des Menschen aus, ein endliches Lebewesen zu sein. Die Endlichkeit unseres Erkenntnisvermögens. Doch wie drückt man diesen Raum der Transzendenz künstlerisch aus? Carola Senz nennt in diesem Zusammenhang:

  • Überzeugende Ausstrahlung
  • Vermittlung von Ruhe und Geborgenheit

Vor allem aber geht es Carola Senz, um den emotional erlebten Moment der ersten Begegnung mit dieser Kirche. Ihre hier gezeigten Arbeiten stehen deshalb alle unter dem passenden Zitat Michael Schumachers, vom Architekturbüro Schneider+Schumacher, das diese Siegerland Kirche entworfen und verwirklicht hat:

„Es geht darum eine Gestalt für das Unfassbare zu finden, eine Gestalt, die uns in unserem Inneren anstößt, und uns dadurch ermöglicht Welten betreten zu können, die für uns sonst verschlossen sind.“ (Michael Schumacher, schneider+schumancher, Frankfurt am Main)

Die Darstellung von Kirchen blickt in der Kunstgeschichte auf eine lange Tradition. Von realistischen Darstellungen abgesehen, erinnern Carola Senz Werke vor allem an Monet, dessen 30 Gemälde der Kathedrale von Rouen mit verschiedenen Farben immer neue Stimmungen erzeugen; an Lionell Feininger, der auf eine ähnlich abstrakte Weise verschiedene Kirchen immer wieder in seinen Werken thematisiert hat, und auch an Paul Klee, der Gebäude geometrisch zerlegte und in Farbflächen aufteilte.

Carola Senz Arbeiten sind ähnlich und reihen sich in eine lange kunsthistorische Tradition und doch sind sie anders. Die abstrakten Werke wirken vor allem durch ihre Farbigkeit. Im Mittelpunkt, der Außenansichten der Kirche, steht ein helles, gleißendes Gelb, das fast spitz wirkt, unnahbar in jedem Fall. Die spitze Dreiecksform, mit all ihren religiösen Bedeutungen, unterstützt diese Wahrnehmung. Umgeben wird das helle Gelb, das sowohl Kirche, Glauben als auch Gott symbolisiert, von hellen Farben. Nicht etwa ein dunkel kontrastierender Himmel, sondern helle Töne, die das Ausweiten des gleißenden Lichts optisch stützen. Unnahbar und fern aber dennoch ruhig wirkt das zentrale Gelb, es schenkt Ruhe und fordert zur Besinnung auf. Demgegenüber steht die Unruhe der irdischen Welt, am unteren Bildrand. Abklatschtechnik, dynamische Strichführungen mit dem Pinselstil zeigen unser hektisches Hier und Jetzt. Ein Kontrast, aus dem das Gelbe Dreieck eine Fluchtmöglichkeit bietet – wie die Autobahnkirche in ihrem realen Sein.

Diese beiden Bilder hier sind als Mini-Serie zu verstehen. Das linke Bild zeigt besonders die Hektik unserer realen Alltagswelt, unser Berufsleben, das „ich muss noch schnell“ oder „mach hin“ oder „jetzt gleich“ in der wilden Farbigkeit, der dynamischen Linienführung. Es wirkt wild, ungeordnet, es überfordert vielleicht sogar beim Betrachten – genau wie unser Alltag oft, oder? Der Ausweg ist das leuchtende Gelb, das hier vom Alltag fast noch verschleiert ist, das nur als ferne Fluchtmöglichkeit auftaucht. Demgegenüber steht das zweite Bild, dieses linke. Hier hat sich das Alltagschaos bereits etwas gelichtet, es liegt hinter dem Betrachter. Das helle Gelb, das Beruhigende konnte sich bereits ausbreiten und hat weite Teile des eigenen Alltags durchströmt und damit die Hektik durchbrochen. Immer noch dynamisch aber weit weniger wild dominiert hier eine Harmonie und Ruhe, die den Betrachter geradezu in seinen Bann zieht.

Das Besondere an diesem Hauptwerk passt ideal zum Thema hektische Lebenswelt, in der durch neue Medien immer alles schneller wird, und in der es gilt etwas entgegenzusetzen: Wer einen QR-Code Scanner auf dem Handy hat, darf es später selbst probieren. Ich zeige es. Die Malerin hat in das Werk einen Code eingebaut, der dem Bild einen Klang verleiht. [… Ton einspielen, 1-2 Minuten hören lassen]

(Musikstück von David Senz: My fathers House. Psalm 84. Quelle: David Senz www.david-senz.com)

Die Verbindung von Malerei und Musik gefällt mir persönlich besonders. Hier wird Malerei zu einem all umfassenden Erlebnis. Das Musikstück vereint sich mit der Bildaussage und sorgt für einen ganz besonderen Kunstgenuss.

Und genau zu diesem entlasse ich Sie nun und wünsche Ihnen eine tolle Zeit hier in der Ausstellung ZWEIERLEI mit Werken von Irene Peil und Carola Senz.

(Text ist urheberrechtlich geschützt. Eigentum: Katja Marek)