Mit allen Sinnen ist eine Floskel mit der in aller Regel die fünf Hauptsinneswahrnehmungen des Körpers gemeint sind: Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken. Von diesen, die allesamt an sichtbare Körperorgane gekoppelt sind, sprach schon Artistoteles im 4. Jahrhundert vor Christus. Sie alle bilden die Basis meiner didaktischen Überlegungen, denn ich versuche in meinen Workshops und Kursen Kunst immer ganzheitlich zu vermitteln. Immerhin gilt nach wie vor die Grundannahme, dass eine Rezeption mit so vielen Sinnen wie möglich die bestmögliche Verankerung von Inhalten im Kopf bewirkt. Aktiv dabei sein ist das Zauberwort und die Grundvoraussetzung für mein individuelles Ziel (Kunst) aktiv sehen.

Das Buch Sinnes-Welten von Wolfgang Auer aus dem Kösel Verlag war eine grundlegende Literatur, die ich bei der Entwicklung meines didaktischen Ansatzes verwendet habe. Wenn es um alle Sinne geht, zeigt das Buch zunächst, dass die 5 großen Sinne in Wahrheit nur ein Teil der Sinneswelten sind. Der Autor unterscheidet zwischen den Körpersinnen, zu denen Tasten, Vitalsinn wie Selbstvertrauen und Leistungsfähigkeit, Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn gehören, und Weltsinnen, zu denen die kommunikativen Sinne Hören, Sehen und Tasten zählen. Von den kommunikativen Sinnen abgegrenzt aber ebenfalls zu den Weltsinnen gehörend stehen Geschmack und Geruch als Wächtersinne. Auer beschäftigt sich mit der evolutionsbiologischen Funktion von diesen erweiterten Sinnen. Er skizziert die Entwicklung all dieser Wahrnehmungen ab der pränatalen Phase bis zu frühen Kindheit und gibt prägnante Beispiele für deren Bedeutung, beispielsweise für eine physiologische Entwicklung oder die Sozialfähigkeit. Das innovative dieses Buches und der Grund, warum ich es als Basis meiner didaktischen Überlegungen bezeichnet ist, dass es vorstellt wie Sinne eingesetzt werden, um das Lernen zu vereinfachen beziehungsweise überhaupt erst zu ermöglichen. In der Zusammenfassung heißt das erst durch das Ansprechen der Sinne wir die Welt erspür- und erfahrbar und ist damit zu verstehen, zu be-greifen.

Ich habe zu Beginn eines wöchentlichen Kurses meine Kunstkinder einmal gefragt, welchen der 5 Sinne Kunst am ehesten bedient. Ich war sicher, es würde „Sehen“ als Hauptantwort kommen. Es einfach der augenscheinlichste Sinn (welch Wortspiel!). Geht es um bildende Künste ist Sehen natürlich die Top-Antwort. Deshalb interessierte mich insbesondere der Abschnitt zu diesem Sinn. Sehr intensiv beschäftigt sich Auer mit der Thematik das Hell und Dunkel sehen, mit Licht und Schatten und insbesondere mit Lichtreflexion. Erst durch diese werden für unser Auge Materialien durch ihre Oberflächenbeschaffenheit sichtbar. Ein wesentlicher Punkt, wenn man bedenkt, dass ein Ölgemälde doch an jeder Stelle des Bildes aus demselben Material, einer Ölfarbe auf Holz oder Leinwand, besteht aber dennoch vermag schweren Samtstoff und zugleich einen Spiegel mit seiner Reflexion sichtbar werden zu lassen. Oder Holz, Haut, Fell, Pelzbesatz. In diesem Beispiel denke ich an Das Verlöbnis der Arnulfini von Jan van Eyck. Die Gesetze der Lichtbrechung an verschiedenen Materialien sind die Voraussetzung um solche Dinge erkennen und unterscheiden zu können. Auer nimmt in einem weiteren Schritt der Funktionsbeschreibung des Sehen das Farbsehen hinzu. Er bezieht sich in seinen Ausführungen auf den sechsteiligen Farbkreis Goethes, der ebenfalls Ausgangspunkt meiner Kunstkurse ist. Die Funktion des optischen Sehens erweitert Auer in seinen Ausführungen um etwas, das er den „Gestaltsinn“ nennt. Ich würde es als Farbe fühlen erklären. Er spürt dabei der Frage nach welche Emotion Farbe vermittelt und welche Rolle dabei die Kombination mit einer bestimmten Form spielt. Gedanklich nähert er sich damit Kandinsky und anderen Künstlern, die mit Farbkompositionen und Farbklang und Klangfarbe experimentier(t)en. Die Form bezieht er dabei auf Gebärden, der er innerhalb von Personendarstellungen in der Kunst, plastischen Erzeugnissen und Architektur nachspürt, um ihre Wahrnehmung durch Sehen zu prüfen. Der Autor kommt in seinen Ausführungen auf insgesamt vier Wahrnehmungsebenen des Sehens, die im Wesentlichen meiner Idee des aktiv-Sehens entsprechen.

Eine gleiche inhaltliche Tiefe voller Qualität hat der Absatz über das Hören. Ein bisschen Musik und viel Sprache ist Inhalt dieses Bereiches und doch geht es weit darüber hinaus, wenn von Stilsinn, Sprachverständnis beim Lesen und inneren Bildern durch Sprache die Rede ist. Gleichsam fundiert schildert Auer den Tastsinn.

Besonders spannend ist sein Abschnitt zur Synästhesie, bei dem er beispielsweise Zusammenhänge zwischen Sehen und Hören in Bezug auf Klangfarben erläutert. Auer geht davon aus, dass nicht jeder Mensch ein Synästhet per se ist. Die Verbindung zwischen zwei oder mehr Sinnen erfolgt laut ihm nur über einen emotionalen Ausdruck, das heißt einen Gemütszustand, der durch mehrere Sinne in dieser Situation verursacht wird. Genau dazu fordert der Autor aber auf: Zusammengehörige Wahrnehmungen finden, um eine differenziertere Aufnahme von Informationen zu erreichen und dadurch diese besser für sich nutzen zu können. Die Voraussetzung für die Ausbildung dieser Fähigkeit sieht er in Achtsamkeitsübungen, die Wahrnehmungen und Empfindungen verfeinern können.

Sein Buch schließt mit dem Satz

„Gerade Kunst kann man ohne diese Form von Synästhesie weder schaffen noch wirklich verstehen.“

Dieser Satz reflektiert mein Empfinden und meinen eigenen Ausgangspunkt. Zugleich ist er meine persönliche Inspiration, die ich nicht nur in diesem Satz, sondern im gesamten Buch immer wieder finde. Sinnes-Welten von Wolfgang Auer ist mein persönliches Standardwerk zur Sinnentwicklung und Wahrnehmungsschulung, das ich uneingeschränkt jedem empfehle – nicht nur Pädagogen und Eltern, sondern tatsächlich jedem, der etwas für seine aktive Wahrnehmung und die Schulung der eigenen Sinne für einen achtsameren Umgang mit sich selbst tun will.

 

 

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