Braucht es eine Anleitung für Kunst? Nein, hätte ich spontan geantwortet. Doch letztlich ist die Arbeit als Kunstvermittlerin ja ähnlich einer Anleitung zur Kunst. Aus diesem Grund hat mich das Buch So geht Kunst!: Die heutige Kunstwelt verstehen und vielleicht lieben lernen direkt angesprochen. Der Autor ist selbst zeitgenössischer Künstler, der besonders am englischen Markt bekannt ist. Farbenfrohe Keramik und ein ebenso bunte Persönlichkeit sind die Markenzeichen Perrys. Er schreibt das Buch als Insider, der den Kunstmarkt nicht nur kennt, sondern tatsächlich subjektiv und scharf analysiert hat.

Das Buch verspricht ein erklärendes Handbuch für zeitgenössische Kunst zu sein. Statt einer trockenen, schematischen Anwendung ist es vielmehr locker geschrieben und erheitert mit den überwiegend klischeehaften Anekdoten. Wer erwartet eine tatsächliche handfeste Erklärung und damit einen zu befolgenden Zugang zu zeitgenössischer Kunst zu bekommen, der wird enttäuscht sein. Die heiteren aber dennoch sehr scharfsinnig analysierten Momente sind kurzweilig zu lesen, karikieren Kunst, Künstler und Kunsttreibende der Jetztzeit. Zugleich zeichnet das Buch einen Querschnitt durch die Kunstideen und –ansätze der letzten Jahrzehnte. Zu empfehlen ist es allen Kunstinteressierten, die sich mit einem Augenzwinkern in die schillernde Welt eines Künstlers entführen lassen, der sowohl wahnwitzigen Erfolg, harte Arbeit und anstrengende Durststrecken des Künstlerlebens kennengelernt hat und für den Künstler sein mehr als ein kurzzeitiges Hobby ist.

Warum braucht Kunst eine Anleitung

Diese Frage stellt man sich spätestens dann, wenn man diesen Titel in der Hand hat. Grayson Perry liefert eine überzeugende Erklärung:

„Wir fühlen und schnell unsicher, was Kunst und deren Wertschätzung angeht – als ob wir bestimmte Kunstwerke ohne eine Menge akademisches und historisches Wissen nicht genießen könnten. Aber wenn es eine Botschaft gibt, die ich Ihnen mitgeben möchte, dann lautet sie: Jeder Mensch kann Kunst genießen und sogar jeder kann sein Leben der Kunst widmen…“ (S. 8).

Nach Perry bedarf es immer Menschen, die der Kunst Fragen stellen und das Nachdenken über diese Fragen fördert den Austausch über Kunst. Doch genau dieser Austausch ist es, der Schwierigkeiten bereitet. Warum? Perry beschreibt welches Gefühl ihn überkommt und trifft damit exakt den Punkt, der Kunst oft zu einem heiklen Punkt werden lässt und der Grund sit, warum über Kunst zu sprechen so schwierig ist:

„Bis heute empfinde ich vor allem kommerzielle Galerien als ziemlich einschüchternd – am Empfangstresen furchterregend schicke junge Mitarbeiterinnen, Tausende von Quadratmetern teuren polierten Betons, ehrfürchtiges Flüstern vor mysteriösen Klumpen von Zeug – ganz zu schweigen von der oft hochtrabend-unverständlichen Sprache, die angesichts der Kunst gesprochen wird.“ (S. 10f)

Allein die Frage was Kunst ist, ist so einfach nicht zu beantworten. Besonders dann nicht, wenn sich – wie im Fall der zeitgenössischen Kunst – von den Genres Malerei, Skulptur und Grafik entfernt wird.

Was ist Kunst, was ist schön

Auf der Suche nach der Frage was Kunst ist, skizziert Perry den Begriff der Schönheit. Ansatzweise. Rudimentär. Er versucht es. Marcel Duchamps Prämisse, dass es bei Kunst nicht um ästhetisches Vergnügen gehe, macht jede Definition schöner Kunst zunichte. Seit seinem Konzept des Readymade, nachdem alles Kunst sein kann, was zum Künstler als solches erkoren wurde, ist eine klare Abgrenzung zu Alltagsgegenständen und Schrott schwer möglich. Der Kunstmarkt ist ein Indiz für Kunst: Was teuer ist oder sich so verkaufen lässt, muss wertvolle Kunst sein. Oder etwa nicht? Passend zu dieser Kunstdefinition schlägt Perry ein Spiel für den nächsten Galeriebesuch vor: Welches Kunst würde ich mit nach Hause nehmen? Das Phantasieshopping bietet einen Anhaltspunkt, um Schrott von Kunst zu unterscheiden. Einen ähnlichen Ansatz hatte die Ludwig Galerie Oberhausen als sie jüngst zur fiktiven Kunstauktion in ihrer Shopping-Ausstellung rief. Nicht nur in diesem Experiment zeigte sich, dass Kunst nicht zwangsläufig über seinen Marktwert zu definieren ist.

Perry entwickelt aus all diesen schwierig umzusetzenden Ansätzen Kunst greifbar zu machen eine eigene Idee. 7 Tests oder Grenzpfosten bieten Leitideen, anhand derer sich Kunst bemessen lässt. Zumindest meistens:

„Natürlich sind meine Tests nicht wasserdicht, aber wenn man sie in einem Diagramm aus drei überlappenden Kreisen übereinanderlegt, ist die Schnittmenge in der Mitte mit ziemlicher Garantie zeitgenössische Kunst.“ (S. 76)

Handbuch, Fachbuch, Belletristik oder was

Der Originaltitel „Playing to the Gallery“ klingt verspielter als der deutsche Titel und zeigt mehr das eigentliche Buchgenre. Dennoch finde ich die deutsche Übersetzung gelungen, denn gerade aufgrund der vielen Anekdoten und sehr persönlichen Blicke in die Welt der Kunst, Galerien und vor allem auch der Denke der Künstler, zeigt das Buch sehr deutlich wie Kunst funktioniert oder vielmehr der Kunstmarkt, der aktuellen Künstlerszene.

Ein lesenswertes Unterhaltungsbuch, das mit seinen witzigen Comics auch etwas fürs Auge bietet. Ich empfehle selten Bücher als Geschenk aber dieses Buch ist perfekt für eigentlich anspruchsvolle Leser, die nach Kurzweil suchen ohne sich thematisch aus ihrem Bereich zu entfernen.

 

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