Spürt ihr das Sommerloch? Ich in diesem Jahr tatsächlich das erste Mal. Habe ich noch letzten Sommer als Werbetexterin  gearbeitet, war das Sommerloch doch wohl die produktivste Zeit des Jahres. Viele Mitbewerber im Urlaub, Zeit also viel mehr Aufträge abzubekommen als in den übrigen Monaten des Jahres. Naja fast, die Zeit vor Weihnachten ist mindestens ebenbürtig was eine lukrative Auftragslage angeht.

Sommerloch in der Kulturbranche, so dachte ich bisher, beschränkt sich auf Museum. Sommer, das bedeutet eben auch Ferienzeit und viele potentielle Besucher aalen sich an den Stränden dieser Welt oder entdecken andere Kulturen in fernen (oder nahen) Ländern. Die Museen hierzulande sind leer und battlen sich mit Ferienangeboten, um um die wenigen Daheimgebliebenen buhlen, die letztlich aber wohl doch oft das Freibad vorziehen. Ein tatsächliches Problem, das städtische Museen wohl noch besser auffangen als kleine Stiftungen oder gar Kunstvereine. Aber sonst – was sollte denn ein Sommerloch für Kulturtreibende sein? Bisher war mir diese Fragestellung, vor allem für Freiberufler im Kultursektor, nicht bewusst.

In diesem Jahr endete die Schule und tatsächlich startete für mich das erste Sommerloch, das ich hautnah beruflich erfahre. Mein wöchentlicher Kunstkinder Kurs war mit dem Ende der Schulzeit ebenfalls beendet. Eine feste Konstante, die mich ein Schuljahr begleitet hat, fiel damit für mich weg. Konstante bedeutet in diesem Zusammenhang einen festen zeitlichen Posten (Vorbereitungszeit, reine Kurszeit) und vor allem auch einen finanziellen. In weiser Voraussicht hatte ich bereits vor über einem Jahr mit der Planung von Sommerferienkursen begonnen. Themen, Konzepte – alles soweit fertig. Schade nur, dass ich mich auf den Rahmen des Ferienpasses verlassen hatte, schließlich hatten mir die Organisatoren auch Interesse suggeriert. Da ich gehofft hatte, einen Kursraum zu bekommen, habe ich mich immer weiter hinhalten lassen und plötzlich verlief es im Sande. Also kein Sommerferienkurs. Das gähnende Loch  erwartete mich ab Ende Juni.

Das Sommerloch als noch ungefüllte Lücke begreifen

Ich hatte kurz in Erwägung gezogen den Sommer mit Texterjobs zu überbrücken. Einen doch recht sicheren Brotjob für das Sommerloch in der Hinterhand zu haben ist sicher clever. Aber eigentlich hatte ich mich ja aus gutem Grund vom Texterleben verabschiedet. Also erstmal durchatmen, nachdenken.

Ein Loch ist letztlich nichts anderes als eine noch ungefüllte Lücke, ähnlich einem weißen Blatt; es birgt folglich immer die Chance auf etwas Neues oder einmal gänzlich anderes. Oder einfach für Dinge, die liegen geblieben sind.

Dieser Gedanke war meine Art Perspektivenwechsel. Zum Glück konnte ich diese Perspektive annahmen, da ich außer Kunstkursen noch andere Arten der Kunstvermittlung betreibe (Werkberichte, Texte für Ausstellungskataloge oder Eröffnungsreden), die zumindest eine akzeptable Basis bilden). Ich hatte mich also aktiv entschieden dieses Sommerloch zu nutzen. Das letzte Jahr (ich hatte schon einmal berichtet, dass ich immer in Schuljahren plane) hatte ich den Kopf voller Ideen. In nahezu jedem Kunstkinder Kurs kam mir eine neue Idee für neue Themen, andere Konzeptionen und Erweiterung meines alle Sinne ansprechenden Ansatzes der Kunstvermittlung. Die Zeit ließe sich sinnvoll nutzen, um konzeptionell zu arbeiten. Nachhaltig ist diese Form der Arbeit in jedem Fall, denn auf diese Weise entsteht eine neue Basis für neue Kurse und weitere Angebot.

Zeit zum Denken und Entwickeln ist tatsächlich ein richtiges Luxusgut. Im Alltag habe ich oft viele Ideen und Gedanken. Aber wie viele davon bleiben auf der Strecke allein nur, weil es an der Zeit fehlt diese weiterzudenken, weiterauszuarbeiten und schriftlich zu formulieren? Wie oft hatte ich auf dem Heimweg von einem Kurs schon super Ideen und Pläne wie ich es umsetze und letztlich habe ich es mir nicht notiert und schon zwei Tage später ließ sich kaum noch rekonstruieren was genau meine Gedanken waren. Noch einige Tage später war der Gedanke völlig verloren.

Das Sommerloch als noch nicht gefüllt Lücke zu begreifen ermöglicht mir den Luxus des Denkens. Das, was heute als Untätigkeit negativ behaftet ist, muss ja auch irgendwann geschehen. Ich begann also meinen vergangenen Kurs aufzuarbeiten, die Themen zu erweitern, Teile zu streichen und neue einzuflechten. Der ein oder andere Blogbeitrag durfte daraus auch erwachsen. Und apropos Blog: Aus einigen Ideen des Kurses heraus habe ich neue Materialien recherchiert, besorgt und in großen Teilen auch von Verlagen, nach Anfrage meinerseits, zur Verfügung gestellt bekommen. Toll, auch dafür einmal ausgiebig Zeit zu haben, diese Materialien im kleinen, meist familiären (oder Freundes-)Kreis zu testen und zu probieren, wie diese in meine Kurse aufgenommen werden könnten.

Sommer heißt Familienzeit

Mit zwei Schulkindern ist Sommer immer auch eine Zeit, in der ich gern reduziert arbeite, um viel mit den Kindern zu unternehmen. Zwar nutze ich gern die Anwesenheit meiner eigenen Kinder, um Methoden und Material für meine Kurse zu probieren, neue Museen und Ausstellungen kennenzulernen, aber mal ehrlich – es gibt auch ein Leben jenseits der Kultur und eine fetter Platscher in den Pool hat auch seine Berechtigung im Sommer.

Völlig frei von festen Terminen ist Sommer auch die Zeit, in der ich oft wegfahre, mehrere Tage am Stück durch Deutschland toure, um Neues zu entdecken – mit den Kindern. In diesem Sommer haben wir verschiedene Freilichtmuseen getestet. Ich bin nicht wirklich ein Fan von Hessenpark & Co., zumindest nicht in Bezug auf die authentischen Bauten, die wie ein kleines Disneyland zusammengefügt werden. Dennoch war ich überrascht wir groß die Bandbreite (in Europa!) an Freilichtmuseen ist. Am tollsten war das Zuiderzeemuseum in Enkhuizen, das nicht umsonst als das Schönste in Europa gilt.

Sommerloch effektiv genutzt

Neben der konzeptionellen Arbeit und Familienzeit blieb außerdem noch Luft, um andere Dinge aufzuarbeiten: Visitenkarten neu designen und bestellen, Akquise, Buchhaltung, Steuererklärung, Homepage umstrukturieren, Arbeitszimmer optimieren und andere Kleinigkeiten.

Tatsächlich bin ich sehr zufrieden: Ich habe sehr effektiv meinen Kurs nachbereitet, einige neue Konzepte entwickelt und viele Ideen konkreter werden lassen. Fast würde ich rückblickend sagen, dass ich mich auf das nächste Sommerloch freue. Oder?…

Das nächste Sommerloch schon geplant

Einige Ideen sind so handfest geworden, dass ich das nächste Sommerloch aktiv angehe: Ich plane meine Sommerferienkurse selbst ohne auf andere zu warten, mich weiter vertrösten zu lassen, nur in der Hoffnung auf einen Raum vom Jugendamt. Das kann ich auch allein. Aber warum bis Sommer warten, die nächsten Ferien stehen im Herbst an. Auch, wenn diese nicht so lang sind und deshalb mehr Erholung versprechen denn gähnende Leere, bieten sie dennoch die idealen Voraussetzungen, um mit meinen Ferienkursen zu starten. Die Konzeptionen für die drei Kurse Herbst, Regenbogen – Farben erleben und Farbklang – Klangfarbe stehen und Raummöglichkeiten habe ich inzwischen auch gefunden – dank Sommerloch und der Zeit einmal ausgiebig nachzudenken, welche Optionen es noch gibt. Es gibt immer mehr als einen Weg, nur bedarf es oft etwas Zeit die anderen Wege zu entdecken oder anzunehmen.

 

Dieser Text gehört zur Blogparade `Mein Sommer: Zwischen Brotjob, Kultur und Ferien´. Kulturmacher*innen und Kulturschreiber*innen, die sich dieser Aktion anschließen wollen, finden die Teilnahmebedingungen unter https://kulturblogclub.wordpress.com/2017/06/21/einladung-aktion-sommer-zwischen-brotjob-kultur-ferien/