60 Millionen Menschen weltweit befinden sich auf der Flucht. Eine erschreckend hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass Deutschland 80 Millionen Einwohner hat. Um es noch einmal bildhafter darzustellen: ¾ der deutschen Bevölkerung entspricht der Zahl Flüchtlinge, die aktuell weltweit in Angst, Schrecken und einer ungewissen Zukunft leben.

Über die Hälfte dieser Flüchtlinge sind Kinder. Laut UNICEF sind 51% aller weltweit auf der Flucht befindlichen Menschen unter 18 Jahren alt. Diese 30,6 Millionen Flüchtlingskinder entsprechen, um beim Beispiel Deutschland zu bleiben, der 2,4fachen Anzahl aller in Deutschland lebenden Kinder. Etwa 3 Millionen der Flüchtlingskinder reisen allein ohne elterliche Begleitung.

Bevor Vorverurteilungen aufkeimen ist es wichtig genau die richtigen Fragen auszusprechen: Wer lässt denn sein bedürftiges Kind allein quer durch den Kontinent in eine neue Welt auswandern? Dass Kinder ihre Eltern brauchen ist ein Grundsatz, der nicht zu diskutieren ist, nirgends in der Welt. Aus dem Grund muss man sich versuchen in die Not der Eltern zu versetzen, denen es sinnvoll erscheint ihre Kinder Schlepperbanden anzuvertrauen, um sie in die ungewisse Zukunft in einer hoffentlich besseren, neuen Welt zu entsenden. Kindern drohen in den Krisengebieten häufig schlimmere Schicksale als ihren Eltern: Die unausweichliche Rekrutierung als Kindersoldat, Zwangsehen, Beschneidungen oder Vergewaltigungen schüren die Ängste der Familien. Die Eltern erhoffen sich in der Entsendung ihrer Kinder eine bessere Zukunft für diese und oft die einzige Chance auf ein Leben ohne Krieg und Todesangst.

Die Flucht selbst setzt dem Leiden aber kein Ende. Oftmals ist diese beschwerlich und zieht sich über Monate oder Jahre hin. Die tägliche Todesangst bleibt und die Kinder erleben neben alltäglichen Gefahren eines Lebens auf der Flucht oftmals den Tod anderer Flüchtlingskinder. Die Allgegenwart des Todes und der Verlust liebgewonnener Menschen und Angehöriger ist für die Kinder eine ständige psychische Belastung aus der es kein Entkommen gibt. Völlig auf sich selbst gestellt, auch mit der Frage wem zu trauen ist, erleben die Kinder schwere Traumen, die sich tief in die Seele brennen. Der Krieg kennt keine Kindheit. Welchen Dimensionen Kinder, vor allem gegenwärtig in Syrien ausgesetzt sind, schildert der Unicef Lagebericht von 2015 auf erschütternde und zugleich eindrucksvolle Weise.

Die sensible Phase des Lebens, die Kindheit, gilt es zu schützen, denn in dieser werden prägende Verhaltensweisen geformt, die das spätere Leben bestimmen. Als unser aller Aufgabe gilt es die Flüchtlingskinder aufzufangen und in ihren Nöten ernst zu nehmen. Warum eine psychosoziale Betreuung zwingend notwendig ist erklärt ein Artikel der UNO-Flüchtlingshilfe sehr gut.

Auf eben diese Notwendigkeit gilt es aufmerksam zu machen. In den derzeit stattfindenden öffentlichen Diskussionen sind auf der Flucht befindliche Kinder viel zu selten präsent, um tatsächlich das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu gewissen. Die UNICEF hat mit dem Projekt „Letzte Chance für eine Kindheit“ eine Aktion ins Leben gerufen, um auf die seelische Not der auf der Flucht oder im Krieg lebenden Kinder aufmerksam zu machen.

Beim Youthfestival der UNICEF in Nürnberg im Juni 2016 wurde die Aktion vorgestellt. Um Öffentlichkeit in großem Maßstab zu generieren wurden auf den öffentlichen Raum gesetzt. Und wie könnte dieser besser bespielt werden als mit öffentlicher Kunst?! Streetart ist, zusammen mit Architektur, die öffentlichste Kunst. Aufgrund ihrer Herkunft aus dem Bereich der Subkultur ist sie zum Teil immer noch strittig und deshalb auffällig. Mit 3Steps konnte die UNICEF ein Künstlerkollektiv gewinnen, das für seine großformatigen Murals bekannt ist und das passende Know-How zur Umsetzung einer deutschlandweiten Streetart-Aktion mitbringt. Außerdem engagieren sich die Künstler immer wieder für soziale Projekte oder thematisieren gesellschaftliche Konfliktpunkte in ihren Werken, wie beispielsweise in dem Transformationsprojekt RELFEXION|NOIXFELDER.

3Steps entwarfen für die UNICEF das Street Art Booklet Kindheit, das im Rahmen der Kampagne „Letzte Chance für eine Kindheit“ zu drei Mitmach-Aktionen einlädt: #sprayforpeace, #makeyourwishunicef und Ballon-Collagen. Das Booklet Kindheit wurde in einer Auflagenhöhe von 500 verlegt und ist einzeln unter den Rubriken der jeweiligen Hashtags auch auf der Homepage von UNICEF Youth verfügbar.

Zum UNICEF Youthfestival in Nürnberg reisten 3Steps an, um gemeinsam mit Jugendlichen aus ganz Deutschland ein Mural zu gestalten. Verwendet wurde dafür unter anderem das Stencil aus der UNICEF Broschüre. Es zeigt einen Luftballon mit dem Tag „Kindheit“. Zusätzlich ziert die Wand der Schriftzug Spray for Peace, der den Hashtag bezeichnet unter dem diese Aktion in den Socialmediakanälen nachverfolgt werden kann. In bunten Farben prangen eindrucksvoll die Worte Kindheit und Frieden in verschiedenen Sprachen an der grauen Wand. Was an diesem Tag sonst noch entstanden ist, lässt sich auf Instagram, Facebook und Twitter unter den Hashtags #sprayforpeace, #nolostchildhood, #unicefyouth #makeyourwishunicef

Das tolle der Kampagne „Letzte Chance für eine Kindheit“ ist die Nachhaltigkeit und die geforderte Interaktion, die dank der Broschüre umsetzbar wird. Der Umschlag des Heftes ist ein Stencil. In der Graffitiart ist das Stencil eine altbewährte Technik, um Tags schnell und flächendeckend zu verbreiten. Das Stencil ist im Wesentlichen eine Schablone, die es ermöglicht ein Motiv immer gleich und unabhängig von der individuellen Handschrift durch mehrere Sprayer verbreiten zu lassen. Botschaften lassen sich auf diesen Weise schnell verbreiten. Das Stencil ermöglicht ein Graffiti-to-Go, das es jedem Interessierten ermöglicht ein eigenes Kunstwerk zu kreieren.

Das Stencil muss erst ausgebrochen werden und ermöglicht in diesem Moment bereits sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Der Begriff „Kindheit“ wird dekonstruiert, um später als Teil eines Graffiti neu entstehen zu können. Kreativität ist in dieser frühen Aktionsphase bereits möglich – welche Anagramme lassen sich aus „Kindheit“ oder Buchstaben des Begriffes bilden?

Die Street Art Broschüre enthält eine genaue Anleitung, die vor allem auch darauf hinweist wie Graffitis legal bleiben. Außerdem ist bei dieser Art Kampagne die mediale Verbreitung wichtig, weshalb dazu genaue Hashtags und Vorgaben ausgearbeitet sind.  Absoluten Freiraum lässt die Aktion bei der künstlerischen Verwertung des Stencils, einzig Kreidespray ist empfohlen. Die meisten Beiträge stammen vom Youthfestival, am häufigsten ist das Motiv der Kinderhand, das den Ballon hält oder gerade steigen lässt. Der Ballon als Symbol der Freiheit und vor allem Unbeschwertheit ist als Synonym für „Kindheit“ treffend gewählt. Zugleich erinnert das Motiv an „Astronaut“  von Sido und Andreas Bourani:

„Ich heb ab!
Nichts hält mich am Boden
Alles blass und grau
Bin zu lange nicht geflogen
wie ein Astronaut
Ich seh die Welt von oben
Der Rest verblasst im Blau.
Ich hab Zeit und Raum verloren, hier oben,
wie ein Astronaut.
Im Dunkel der Nacht
Hier oben ist alles so friedlich doch da unten geht’s ab
Wir alle tragen dazu bei, doch brechen unter der Last
Wir hoffen auf Gott, doch haben das Wunder verpasst
Wir bauen immer höher bis es ins Unendliche geht
Fast acht Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt
Von hier oben macht das Alles plötzlich gar nichts mehr aus
Von hier sieht man keine Grenzen und die Farbe der Haut
Dieser ganze Lärm um mich verstummt
Ich hör euch nicht mehr…“

Der Ballon hebt ab und entführt in eine Welt, in der der Alltag zurückbleibt. Es zählt der Moment. Und genau darum geht es in dieser Kampagne: Ein Moment glückliche Kindheit, der Flüchtlingskinder aus ihren täglichen Ängsten und Zwängen entführt.

Der Ballon ist deshalb auch in einer zweiten Mitmach-Aktion das zentrale Motiv: Die Ballon-Collage ruft dazu auf Ballons zu basteln aus Zeitungsartikeln zum Thema Flucht, Krieg oder zum Thema Kindheit. Diese Aufgabe lädt zur Auseinandersetzung mit dem Begriff „Kindheit“ ein. Laut Wikipedia bezeichnet es den Lebensabschnitt zwischen der Geburt und der Pubertät. Diese eher biologische Definition kann jedoch nicht ohne eine soziale oder kulturelle Betrachtungsweise des Begriffs auskommen. Je nach Epoche und Kultur hat Kindheit eine unterschiedliche Wertschätzung erfahren und gilt für verschiedene Altersspannen. Unabhängig von den äußeren Bedingungen, die ein Mensch erfüllen muss, um als „in der Kindheit befindlich“ definiert zu werden, stellt sich die Frage welche Assoziationen und Erwartungshalten mit Kindheit verbunden sind. Ein Blick in die Google-Bildersuche offenbart was unser westeuropäischer Blick auf Kindheit ist: Spielende Kinder, lachende Gesichter, wütende Kleinkinder, Spielsachen, gemalte Bilder, Eis-verschmierte Gesichter. Alltägliche Szenen, die denen, die Pieter Bruegel der Ältere bereits 1560 in „Die Kinderspiele“ (zu sehen im Kunsthistorischen Museum, Wien) festgehalten hat, sehr ähnlich sind. Dies verdeutlich wie unser Bild von Kindheit bereits seit vielen Jahrhunderten geprägt ist, obwohl sich der Kindheitstopoi durchaus seit dem 16. Jahrhundert verschoben hat, kindbewusster und –zentrierter geworden ist.

Für Kinder in Kriegsregionen ist dieses Bild von Kindheit schlicht nicht existent. Seit 5 Jahren herrscht in Syrien Krieg. Viele Kinder sind in diesen Kriegswirren geboren. Jüngst machte das Foto eines verletzten 5-Jährigen auf die Situation der Kinder aufmerksam. Kinder wie Omran D. sind es, die im Krieg geboren wurden und keinen anderen Zustand, den wir als „normal“ und „Alltag“ bezeichnen kennen. Wie würde deren Ballon aussehen? Die Evangelische Johannesgemeinde in Stuttgart zeigte im Frühjahr 2016 eine Ausstellung von Zeichnungen von Flüchtlingskindern, die ihre Kindheit, ihre Heimat und ihre Flucht thematisierten. Die Bilder sind erschreckend, wirken wie Szene aus Shooter-Games und stellen Situationen dar, die ein 8-jähriges Kind nicht einmal vom Erzählen kennen sollte. Stattdessen stellen Sie bombadierte Gebäude dar, Soldaten, die Zivilisten mit Gewehren bedrohen oder Freunde, die von Granatsplittern getötet wurden. Es bebildert genau das, was für viele Flüchtlinge kindlicher Alltag ist, das, was Kindheit für sie bedeutet.

Demgegenüber stehen die Ballons der Collage-Aktion. Sie sind farbenfroh und wirken durch ihre äußere Form leicht. Inhaltlich sind die wenigsten leicht. Forderungen nach Bildung, Schutz, Gesundheit für alle Kinder, Aufforderungen wie „rettet Leben“ oder schwarz-weiß Fotografien von Flüchtlingskindern stimmen nachdenken und stehen dieser Leichtigkeit antithetisch gegenüber. Die gesellschaftskritisch gestalteten Collage-Ballons sind das passende Bild, um kontrastierende Definitionen von Kindheit zu vergegenwärtigen. Sie wurden gefertigt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich kritisch mit dem Thema beschäftigt haben. Es ist interessant weitere Beispiele zu sehen, denn in der Gestaltung der Ballons lässt sich viel über das Verständnis des Kindheitsbegriffs des jeweiligen Künstlers herausziehen.

Eine ebenfalls selbstreflexive Aufgabe ist die Aktion #makeyourwishunicef, die in der Street Art Broschüre ebenfalls erklärt wird. Auf einer Tafel formulieren die Teilnehmer ihren Wunsch und fotografieren sich mit ihm. Als Option wird das Sammeln von Wünschen in der Fußgängerzone, dem Kino, dem Einkaufscenter oder der Schule vorgeschlagen. Folgt man dem Hashtag auf Instagram ist schnell klar, was der häufigste Wunsch ist: Zukunft.

Der Begriff „Zukunft“ bezeichnet die Zeit, die auf die Gegenwart folgen wird. Mehr als die zeitliche Komponente steckt hinter dem Wunsch „Zukunft“ jedoch mehr der Begriff „Leben“ und zwar ein harmonisches, glückliches, l(i)ebenswertes und eine friedliche Heimat. Und was genau dahinter steckt, ist hier zu lesen.

 

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