Das art magazine hat in einem Artikel Stefano Bolcato vorgestellt. Seine Versionen großer Kunstwerke von Davinci, Botticelli oder Warhol hatten jüngst in einer Ausstellung des Archäologischen Museums in Salerno für Furore gesorgt. Grund war seine Darstellung der Porträts in Legofiguren. Taugt Lego zur Kunstvermittlung oder ist es Kitsch?

Lego in der Kunstvermittlung bei artTEXTart
Lego, Kinder und Kunst, das passt gut zusammen. Zugegeben, ich bin zufällig darauf gestoßen als ich einen meiner Kunst-Sehen-Workshops mit Kindern veranstaltet habe. Die Kunstkinder hatten die Aufgabe Picasso nachzuempfinden, nach einigem Überlegen fiel die Wahl auf Lego, weil sich damit sowohl 2D als auch 3D Objekte herstellen lassen. Das Arbeiten mit Lego war für die Kinder ein vertrautes Medium. Die Aufgabe etwas damit nachzuformen erforderte ein genaues Maß an aktivem Sehen. Sie haben sich dadurch intensiv auf die Kunstobjekte Picassos eingelassen, ihre räumlichen Dimensionen erforscht und sie lebendig werden lassen. Die Ergebnisse der Lego-Picassos haben mich so verzaubert, dass ich heute gern noch die Bilder davon betrachte.

Legoartist Stefano Bolcato und die handwerkliche Dimension
Im art magazine las ich dieser Tage einen Artikel über Stefano Bolcato, einem italienischen Legokünstler. Als Lego Davinci beschrieben wurde ich neugierig auf seine Werke und begab mich auf die Suche. Auf Instagram zeigt er eine Auswahl seiner Werke, in denen er aktuelle Aspekte unserer Lebenswelt aufgreift und in Lego nachempfindet. Das Besondere dabei ist, dass Lego nur die äußere Formensprache, sozusagen das Transportmedium ist, denn Stefano Bolcato ist Maler. Seine Werke entstehen als Öl auf Leinwand, einige auch als grafische Arbeiten. Für die gerade zu Ende gegangene Ausstellung „People“ im Archäologischen Museum in Salerno hat Stefano Bolcato sieben Porträts der klassischen Malerei, angefangen von dem Renaissancekünstler Pierro della Francesca bis hin zu Andy Warhol, in Lego Ölgemälde transferiert.


Auf den ersten Blick amüsieren die naiv wirkenden Werke. Es scheint als sind die zum Teil hochkomplexen Kunstwerke auf eine kindliche Sicht heruntergebrochen.

Piero_della_Francesca_urbinodella francesca urbinoBesonders das Herzogpaar der Urbinos, im Original von Piero della Francesca, wirkt reduziert bis fast zur Unkenntlichkeit. Im Original sind es gerade die typischen Physiognomien, die sowohl Herzog als auch Herzögin unverkennbar machen. Beide Porträts wären auch ohne das jeweils andere erkennbar, weil die Personen identifizierbar sind. Beim Lego Duo bedarf es des jeweils zweiten Teils, um unverkennbar als Herzogenpaar der Urbinos benannt zu werden. Lego reduziert auf das Zubehör, während die Personen austauschbar erscheinen.

Bei näherem Hinsehen fällt die Liebe zum Detail auf, die alle Werke Bolcatos auszeichnen. Sie weisen typischen Strukturen von alten Ölgemälden auf – Risse in der Farboberfläche, etwas dickerer oder dünnerer Farbauftrag. Der handwerkliche Charakter der Originale wurde sehr detailliert nachempfunden. Dieser Kontrast der alten, handwerklichen Kunstfertigkeit des Ölmalens und das moderne Spielzeug Lego fasziniert. Durch die Transformation des ursprünglich dreidimensionalen Legos aus buntem Kunststoff in eine zweidimensionale Welt wird der Betrachter zum Hinsehen angehalten. Es scheint als wird die Suche nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zum historischen Originalgemälde geradezu gefordert.

Kitsch oder ideales Stilmittel zur Kunstvermittlung
Nach der Veröffentlichung des art magazin Beitrages über Lego Davinci rieselte es in den Sozialen Kanälen herbe Kritik. Die Bilder seien Kitsch, mit denen Kindern unterfordert oder gar für dumm verkauft würden. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, ob es sich bei den Werken um wahre Kunst handelt oder um Objekte, mit denen der Betrachter nichts anfangen kann, vermag jeder selbst zu entscheiden.

Vermutlich ist gerade die Reduktion auf Accessoires und die Ent-Personifizierung der Porträtierten das Hauptargument für die Bewertung als Kitsch. Die Personen sind in ihrem Charakter nicht mehr erfassbar, sie definieren sich nicht mehr über ihre Gesichtszüge und unverkennbaren Merkmale wie Nase, Kinnform oder Wangenknochen und Augen, sondern allein über Kleidung und Haarschmuck.
Fakt ist jedoch, dass der Zweck speziell Kinder für Kunst zu begeistern und ihnen einen Zugang zu einzelnen Werken zu ermöglichen, funktioniert. Ich hatte kürzlich über die Lego Zeitreise im Archäologischen Museum in Frankfurt berichtet, die ebenfalls Lego nutzt, um Kindern Kultur und Ausstellungsinhalte nahe zu bringen.

Leonardo_da_Vinci_(attrib)-_la_Belle_Ferroniereferroniere bolcatoDie Bilder von Stefano Bolcato regen zum Nachbauen an. Zumindest in der Lego-Zielgruppe (das sind Kinder zwischen 5 und 12 Jahren) klappt dies wunderbar. Um etwas nachbauen zu können, muss genau hingeschaut werden. Schnell fallen Details auf wie beispielsweise die mit zierlichen Ranken verzierten Arme, der mit einer Stickerei geschmückte Halsausschnitt und die Kette der Belle Ferroniere, die der Schule Leonardo Davincis zugeschrieben wird. Diesen Oberkörper gibt es so von Lego nicht. Lego Experten erkennen das sofort. Im nächsten Erkenntnisschritt ist klar, dass es sich nicht um realistische Darstellungen einer Lego-Szenerie handelt, sondern um ein Gemälde mit fiktiven Elementen, das sich zugleich Lego Grundformen bedient. Noch auffälliger ist dies bei dem Porträt einer Dame von Antonio Pallaioulo. Perlenketten für den Hals oder Frisuren mit Perlenkopfschmuck gibt es bei Lego nicht. Für Kinder stellt sich schnell die Frage wo diese Idee herkommt und schon ist der Vergleich zum Originalbild hergestellt.

Die Legobilder Bolcatos funktionieren damit ähnlich Fehlersuchbildern. Dass diese zur Kunstvermittlung ideal sind, habe ich schon länger festgestellt und empfehle oft das Buch Echt gefälscht!: Finde die Fehler des Kunstfälschers! (Werbelink), das anhand bekannter Kunstwerke das beliebte Spiel der Unterschiede suchen vollzieht.

frida kahlo selbstporträt mit dornenkranzbolcato kahloDas Gemälde von Frida Kahlo im Selbstporträt mit Dornenkranz ist besonders spannend mit Kindern zu betrachten. Während die übrigen Porträts –entsprechend dem historischen Vorbild – einen recht neutralen Hintergrund haben, spielt er in diesem Bild eine wesentliche Rolle. Zum einen hebt er sich deutlich von der Legofigur ab; die Blätter wirken wild und passen zu keiner Legopflanze. Zum anderen enthält er aber wesentliche Bildinformationen: Er verweist auf den Entstehungsort des Selbstporträts und damit auf den Ursprung der Malerin. Die Katze ist das Symbol des Unglücks und Todes. Der Affe verweist auf den Teufel. Sehr blickfangend ist auch die Kette mit der Krähe als Todesvogel. Der als Kette symbolisierte Dornenkranz lässt Verweise zur Dornenkrone Jesus Christus und damit vieler anderer Werke zu. Diese Symbolika sind für Kinder zwar nicht verständlich und direkt entschlüsselbar aber ein perfekter Anknüpfungspunkt, um über dieses Kunstwerk, die Malerin und Bildmetaphern oder auch andere Werke mit ähnlichen Motiven ins Gespräch zu kommen – natürlich immer unter Berücksichtigung des jeweiligen Alters des Kindes.
Die Werke Bolcatos wirken zusätzlich nachhaltig: Nach dem Besuch der Ausstellung wird sicher die eigene Legosammlung bemüht, um die zweidimensionalen Ölgemälde mit Legofiguren wieder in einen dreidimensionalen Legocharakter zu verwandeln.

Stefano Bolcato zeigt mit seinen Ölgemälden, dass Lego ein ideales Mittel zur Kunstvermittlung für Kinder ist. Legosteine sind den Kindern vertraut. Sich auf diese Formen einzulassen bedarf nicht erst dem Überwinden einer Hemmschwelle. Damit Inhalte von Kunst zu verknüpfen ist eine ideale Technik, die ich auch eigener Erfahrung nur empfehlen kann und die ich auch in meinen künftigen Kunst-Sehen-Workshops für Kinder gern wieder einbauen werde.

 

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