18. November 2016 – Vorlesetag. Eine jährlich wiederkehrende Initiative der der Zeit, der Deutschen Bahn und der Stiftung Lesen. Für mich Anlass zu fragen – was lest ihr gerade (vor)?

Wir lesen täglich vor. Vor der Schulzeit der Kinder haben wir mehrmals täglich gelesen. Ein tolles Ritual, um etwas gemeinsam zur Ruhe zu kommen – nicht nur bei Regenwetter: statt Mittagsschlaf, wenn mal keine Lust zum Basteln ist, wenn gerade Streit herrscht oder einfach, wenn ein spezielles Interesse an einem Thema aufkommt. Lesen ist Informationsvermittlung aber vor allem ein gemeinsames Erlebnis. Inzwischen ist unser Vorlesen zu einem abendlichen Ritual reduziert worden. Aber immerhin schaffen wir es trotz vollgepacktem Alltag und Schultag die Zeit dafür zu nehmen.

Ich muss gestehen, ich lese sehr gern vor. Aber nicht alles! Tatsächlich weigere ich mich bestimmte Bücher zu lesen; schlechte Disney-Übersetzungen zum Beispiel. Hatte ich anfangs versucht die falsche Grammatik beim Vorlesen zu korrigieren und über mangelhafte Rechtschreibung hinwegzusehen, so weigere ich mich inzwischen konsequent. Bestimmte Verlage meide ich aufgrund schlechter Vorerfahrungen. Oft hilft der Blick ins Buch oder ich greife auf bekannte Alternativen zurück. In diesen Momenten bin ich froh Kinder- und Jugendliteratur als Studienschwerpunkt gewählt zu haben. Viele Autoren, insbesondere der 70er und 80er Jahre würde ich sonst nicht kennen, da mir als Kinder Zugang zu diesen fehlte. Und wer holt als Erwachsener schon nach Kinderbücher zu lesen?

Warum Vorlesen Freude ist

Vielleicht wäre das aber sogar empfehlenswert. Ich mag fantasiereiche Sprache und insbesondere das Medium Kinderbuch bietet ein spannungsreiches Spektrum damit zu spielen. Kaum ein anderes Medium hat die Möglichkeit sich so vielen Genres (Realismus, Fiktion, Humor, Fabeln, Märchen…) zu bedienen und ist gleichzeitig auf bildhafte Sprache angewiesen, um das Zielpublikum überhaupt erreichen zu können. Während der Stil von Erwachsenenliteratur im besten Fall eine Geschmacksfrage ist, ist bei Kinderliteratur eine ansprechende Sprache immens wichtig: Sie bildet die Grundlage, um Kinder an ein Buch zu fesseln, das Leseinteresse zu wecken, die Fantasie auf Reisen zu schicken und den Wortschatz zu prägen.

Insbesondere die realistischen Kinderbuchautoren mit ihren Werken der 1950er bis 1970er – Astrid Lindgren oder auch Ottfried Preußler – kann ich empfehlen. Beklagen Experten zunehmend die Verarmung der deutschen Sprache, so wird dies beim Lesen dieser Werke deutlich. Der Räuber Hotzenplotz(Werbelink), Der kleine Wassermann(Werbelink)oder der Klassiker schlecht hin – Pippi Langstrumpf (Werbelink)verdeutlichen wie das gekonnte Spiel mit Worten funktionieren kann. Es ist wahrlich eine Freude das vorzulesen. Dabei wird dem (Vor-)Leser (wieder) bewusst was deutsche Sprache kann und wie exakt das in vielen Büchern (beispielsweise jenen erwähnten schlechten Übersetzungen) fehlt.

Fantastische Bilder im Kopf entstehen natürlich nicht allein durch Sprache. Der Handlungsstrang muss ebenso fesseln. Jüngst haben wir die Reihe Die Schule der magischen Tiere, Band 1: Die Schule der magischen Tiere(Werbelink) von Margit Auer angefangen zu lesen. Eine fantasiereiche Geschichte um Schulkinder, die nach und nach ihr magisches Tier bekommen. Dieses kann mit ihnen sprechen und unterstützt sie in ihrem Alltag, es stärkt ihre Stärken und unterstützt in schwachen Momenten. Die Geschichten entstammen der kindlichen Lebenswelt und sind deshalb gut nachvollziehbar, insbesondere von Schulkindern. Die Geschichten spielen im Schulalltag, es geht um Freundschaften, um Trennungen von Eltern, sozialen Abstieg, persönliche Stärken und Schwächen und Ängste. Faszinierend beim Vorlesen ist, dass sich jedes Kind mit einem anderen Tier identifiziert. Die Kinder stellen sich beim Lesen vor, welches Tier wohl zu ihnen passen würde und wie es ihren Charakter stärken könnte. Ein empfehlenswerter Fortsetzungsroman, bei dem jeder Band einzeln gelesen werden kann. Ergänzend gibt es bisher einen Ferienband Die Schule der magischen Tiere – Endlich Ferien, Band 1: Rabbat und Ida (Werbelink), der außerhalb der Schule spielt und das Themenspektrum erweitert. Im Stil eines Dedektivromans vermischt das Buch zwei Genres: Krimi und Fiktion und schafft so eine Geschichte mit vielen spannenden aber auch komischen Momenten. Da Band 8 Die Schule der magischen Tiere, Band 8: Voll verknallt! (Werbelink) erst ab 25. November erscheint, haben wir eine andere Geschichte eingeschoben, die wir aktuell gemeinsam lesen.

Die unendliche Geschichte (Werbelink) von Michael Ende hat nicht umsonst viele Preise gewonnen. Ähnlich wie die realistischen Klassiker der 50er bis 70er Jahre bedient sich der Autor einer sehr bildhaften und facettenreichen Sprache. Ich lese Worte, die ich lange nicht mehr gehört habe. Es ist eine Art Wiederentdecken – nicht nur der Geschichte, sondern auch von Sprache. Die fantastische Geschichte eignet sich aufgrund ihrer sprachlichen Präzision perfekt zum Vorlesen, denn Bilder entstehen durch Sprache im Kopf. Deshalb ist es nicht schlimm, dass meine Heyne Ausgabe (siehe Titelbild) keine Bilder enthält. Die einzige Herausforderung ist beim Vorlesen die unterschiedlichen Schriftfarben des Buches kenntlich zu machen. Die Rahmenhandlung des Bastians, der die unendliche Geschichte im Antiquariat entwendet, ist in Lila geschrieben. Die innere Handlung, die in Fantasien spielt und mit Atréju ihren Hauptprotagonisten hat, ist Grün gedruckt. Beim Selbstlesen ist das Wechseln der Handlungsebene durch die Farbe einfach zu verstehen. Beim Vorlesen muss das berücksichtigt werden.

Das Vorlesen der Unendlichen Geschichte ist derzeit so erfüllend, dass ich als eines der nächsten Vorlesebücher Momo (Werbelink) plane. Michael Ende ist übrigens ist nur eine Entdeckung für Kinder. Nicht zum Vorlesen, sondern zum Selbstlesen liegt Der Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth (Werbelink) auf meinem Lesestapel. Diese Sammlung an Kurzgeschichten zeigt das Können Endes besonders gut. Vermeintliche Einzelgeschichten ergeben in Folge gelesen gleichsam eine Komposition, die sich durch aufeinander aufbauende Motive ergibt. Bebildert sich die Geschichten übrigens mit Werken von Michael Endes Vater – Edgar Ende, einem Maler, der dem Surrealismus zugeordnet wird.

Surreale Züge trägt Michael Endes Schaffen ohnehin. In Ophelias Schattentheater (Werbelink) zeichent der Autor eine fragile Geschichte um Ophelia, die besitzlose Schatten um sich versammelt, um ein erfolgreiches Theaterstück zu entspinnen – bis sich der Todesschatten zu ihr gesellt.

Vorlesen für Erwachsene

Der Vorlesetag wurde hauptsächlich initiiert, um das Lesen von Kindern zu fördern. Doch Vorlesen klappt nicht nur bei Kindern, auch Erwachsene hören gern zu. Warum nicht mal wieder ein Buch vorlesen statt vor einem Film abzuhängen? Kurzgeschichten eignen sich als Einstieg besonders gut, denn Zuhören will ebenso geübt werden wie Vorlesen.

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