Das Lottehaus liegt versteckt und unscheinbar im Innenhof, der zum Stadtmuseum führt. Zielweisend ist der Name „Lottehof“, dennoch ist das bürgerliche Wohnhaus der Familie Buff nicht auf den ersten Blick als Museum zu erkennen. Einen wegweisenden Charakter hat die Werther Mural, die 3 Steps im Herbst 2015 realisiert haben. Aus Richtung Dom kommend, stimmt sie den Besucher auf das nahende Museum und einen wichtigen Teil der Wetzlarer Stadtgeschichte ein. Zielgerichtete Besucher mit dem Ansinnen das Elternhaus von Charlotte Buff zu besuchen, lotst es auf den richtigen Weg. Touristen der Wetzlarer Altstadt, die sich bummelnd durch die Gassen bewegen, liefert es einen Blickfang und macht auf den, eher unbekannte, Ausstellungsort der bürgerlichen Lebenswelt des 18. Jahrhunderts aufmerksam.

Das Mural war ursprünglich als Event im Rahmen der „Mein Werther“ Ausstellung zum 240. Geburtstag des Wertherromans von Goethe geplant. Diese Ausstellung wurde von einem Rahmenprogramm begleitet, bei dem unter anderem kurze Sequenzen des Romans aufgeführt wurden. Werther und Lotte wurden dargestellt von Christoph Frank Opel und Anne Neuburger. Beide Schauspieler sind in Wetzlar bekannte Gesichter, die zu vielen öffentlichen Auftritten als Werther und Lotte in historischen Kostümen erscheinen. Im öffentlichen Bewusstsein der Wetzlarer Bevölkerung sind sie die realen Verkörperungen der historischen beziehungsweise fiktiven Figuren. Für das Mural wurden beide Schauspieler als Modelle gewählt, um Werther und Lotte ein Gesicht zu geben. In einem Shooting mit 3Steps entstand eine Fotoserie, die die Vorlage zum Mural bietet.

Lotte und Werther sind als jugendliche Gestalten das zentrale Motiv der Wand. Gewählt wurde eine Szene, in der Werther Lotte einen Handkuss gibt. Ein Moment, der flüchtig und austauschbar ist aber zugleich so viel an Emotion widerspiegelt wie es Werthers Innenleben im Roman tut. Auf dieses innere Wanken verweist der Totenkopf, der die Szene überschattet. Als Vanitasgedanke nimmt er die Endlichkeit des kurzen Glücks vorweg. Der Totenkopf hat zugleich eine reale Komponente und verweist auf mysteriöse Details aus Goethes Biografie. Er soll Schillers Schädel in seinem Studierzimmer gelagert haben, während dessen Knochen in ein neues Grab umgebettet wurden. Der Schädel könnte zugleich auf Goethes eigenen Kopf verweisen: Er wurde 1970 vermessen und mit einem Volumen von 15,5 Litern als großer, viel Wissen fassender Schädel eingeordnet.

Flankiert wird die Szene von den Porträts von Johann Wolfgang von Goethe und von Lotte. Während er sich auf der linken Seite befindet, ist Lotte die rechte Seite zugeordnet. In der kunsthistorischen Ikonographie bezeichnet diese Position, die richtige, die wertvollere. Die Auserwählten sind stets auf der rechten Seite von Gott angeordnet. Die Wahl dieser Personenkonstellation deutet auf die Überhöhung Lottes und damit auf ihre Wertschätzung hin. Darauf verweisen auch die Attribute der roten Rose und der vielen kleinen roten Herzchen, die sie umgeben.

Goethe hingegen ist weit möglichst von ihr entfernt. Es gibt keine direkte Blickverbindung, da diese von der Werther-Szene durchbrochen wird. Der einzige Verweis auf eine direkte Verbindung der beiden ist eine Feder, die räumlich Lottes Porträt zugeordnet ist. „Lotte, meine Lotte“ ist ein wesentlicher Teil der deutschen Literaturgeschichte. Auf diese Bedeutung des Briefwechsels von Goethe mit Lotte wird mit diesem Attribut verwiesen.

Wie konträr beide Porträts angeordnet sind verdeutlicht auch Goethes Farbkreis, der sich über das gesamte Mural legt. Während Lotte umgeben wird von warmen Farben, die Herzenswärme und Liebe suggerieren, befindet sich Goethe auf der kühlen Seite. Grün und Blau seines Porträts wirken melancholisch, die bildhafte Darstellung von Liebeskummer wird ersichtlich und greifbar. Überlagert ist sein Kopf mit Schriftzügen, Auszügen aus seinem Wertherroman. Es wirkt wie einzelne Gedankenfetzen, die Goethe in den Kopf kommen beim gedankenvollen Nachhängen an Lotte. Interessant ist, das die Pistole – mit der Werther sich am Ende des Romans erschießen wird – scheinbar Goethes Porträt zugeordnet scheint. Werthers Tot, der die Verarbeitung von Jerusalems Tod ist, könnte so auch als kleiner, emotionaler Tod Goethes Selbst verstanden werden.

3Steps haben mit dem Werther Mural eine Gedenkwand gestaltet, die zum einen physisch zum Stadtmuseum und dem Lottehaus hinleitet. Zum anderen handelt es sich zugleich um eine inhaltliche Hinführung zum Ausstellungsort. Grafitti-Art und bürgerliche Lebenswelt des 18. Jahrhunderts sind konträr wie es kaum überhöhbar ist. Dennoch schafft es diese Kunstart auf sich aufmerksam zu machen, indem es den urbanen Raum für sich beansprucht und jede Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die poppigen Farben sind ein auffälliger Kontrast zu den gepflasterten Gassen, den Steinbauten und vereinzelten Fachwerkhäusern dieser Gegend. Die Feinteiligkeit des Murals zeugt von hoher handwerklicher Präzision und verweist auf feine inhaltlich Details, die für diese Kunst verarbeitet wurden.

Das Mural vereint die Ansprüche verschiedener Generationen – es trägt dazu bei kulturhistorische Werte wie den Wertherroman, das Bürgertum im 18. Jahrhundert und Wetzlarer Geschichtsereignisse im kulturellen Interesse lebendig zu halten. Zugleich transformiert es diese Werte auf eine zeitgenössische Ebene, so dass auch junge Generationen angesprochen werden sich mit diesen Zeugnissen der eigenen Geschichte auseinander zu setzen.

Die Wand ist bewusst im urbanen Raum entstanden, in einer Gegend, die auch ohne Museumsbesuch frei zugänglich ist. Sie weckt die Neugier auf das Museum und auf die Art der Präsentation der eigentlichen Geschichte.

 

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