Kunstvolle Worte und Kunst – das bringt auf den Punkt, was mich inspiriert. Intertextualität war für mich der Hauptgrund Germanistik zu studieren. Dass sich Werke untereinander zitieren, aufeinander verweisen und bereits in der Literaturwelt geschätzte Motive wieder aufgreifen, hatte mich seit langem fasziniert. Auch in der Kunst sind es insbesondere diese internen Verweise, die mich begeistern. Noch spannender ist es, wenn sich diese Welten alle begegnen und miteinander verbinden; wenn kunstvolle Worte Bilder beschreiben oder Bilder Wortkunst untermalen.

Intertextualität im Kinderbuch

In meinem Blogtext Zeit zum Vorlesen zum Vorlesetag 2016 hatte ich bereits die Serie von Margit Auer Schule der magischen Tiere empfohlen. Die derzeit 8-bändige Fantasieserie baut thematisch aufeinander auf, wobei auch alle Teile in sich abgeschlossen sind, so dass sie auch einzeln gelesen oder vorgelesen werden können. Es geht darin um eine Schulklasse, die aus 24 Kindern besteht. Jedes Kind hat Stärken und Schwächen und der beschriebene Alltag ist realistisch skizziert und entspricht der tatsächlichen Lebenswelt heutiger Schüler. Der ansich realistisch inspirierte Roman wird um ein fantastisches Motiv ergänzt: sprechende Tiere. Diese Tiere greifen die Idee eines imaginären Freundes auf. In der Pschologie wird diese imaginierte Person als eine Art Kompensation in Stressituationen verstanden. Diese Figur des Beschützers bekommt in der Romanserie einen tierischen Körper. Die magischen Tiere können sprechen, jedoch immer nur mit dem ihm zugeordneten Kind. Sie beschützen es, bestärken es in kritischen Situationen. Kurz, sie stehen ihrem Kind bei. Dabei sind sie jedoch für alle außenstehenden Personen unsichtbar beziehungsweise werden sie als Kuscheltiere wahrgenommen. Diese Storyline kommt den 65% Kindern, die imaginierte Freunde haben, entgegen.

Die einzelnen Bände werden in ihrem Handlungssträngen zunehmend enger. Überraschend anders ist der Band Die Schule der magischen Tiere 6: Nass und nasser. Dieser verweist erstmalig explizit auf ein anderes literarisches Werk: Goethes Zauberlehrling. Dieser intertextuelle Bezug ist als Teil der Geschichte inszeniert: Die Schüler der Wintersteinschule bereiten gemeinsam ein Schulfest vor; das Rahmenthema ist Wasser. Alle Klassen steuern ihren Teil bei, die Kinder der Klasse mit den magischen Tieren lernen dafür das Gedicht von Goethe. Auch wenn das eigentliche Schulfest und die Aufführung von Goethes Zauberlehrling erst im vorletzten Kapitel stattfinden, ziehen sich durch alle Kapitel kurze Verweise, direkte Zitate des Gedichts oder inhaltliche Andeutungen.

Das vorletzte Kapitel, in dem der Zauberlehrling aufgeführt wird, ist voll von starken epischen Bildern. Entsprechend der Spannugnskurve des Gedichts steigt auch die Dramatik der parallel zur Gedichtsrezitation stattfindenden Handlung: Ein riesiges Aquarium läuft über und setzt nach und nach die gesamte Schule unter Wasser. Mit steigendem Wasserspiegel in Goethes Zauberlehrling steigt der Wasserpegel in der Schule. Das Publikum sitzt bereits mit nassen Füßen im Auditorium und ist begeistert ob der authentischen Inszenierung. „Nass und nässer wirds im Saal und auf den Stufen. Welch entsetzliches Gewässer!“ Die Erstklässler der Schule spannen bereits ihre Schirme auf. Als Ida ihren Vortrag schreiend mit „Herr und Meister! hör mich rufen!“ beginnt, wird der Direktor hellhörig und der Gefahr des überfüllten Aquariums gewahr. „Ach, da kommt der Meister“ ruft ihn und den Hausmeister zur Abhilfe auf den Plan. Und mit dem Verweis des Besens in die Ecke „Besen! Besen! Seid´s gewesen“, stoppt die Wasserflut in der Schule.

Margit Auer schafft ein starkes episches Bild, das autark zum Zauberlehrling funktionieren würde aber nur in Kombination mit ihm eine unvergleichliche (imaginäre) Illustration schafft. Der nur indirekt zitierende Buchtitel „Nass und nasser“ (im Gedicht heißt es hingegen „nass und nässer“) lässt bis zum fulminanten Romanende viele Gedanken, was es mit der Schule und dem Wasserthema auf sich hat, offen.

Goethes Zauberlehrling für Kinder (nicht nur in der Schule)

Goethes Zauberlehrling ist, neben Schillers Handschuh, eine der ersten Balladen mit denen Kinder in der Schule in Kontakt kommen. Für die meisten Schüler steht das in etwa in der 7. Klasse auf dem Programm. Goethes Lyriksprache ist klar, gut verständlich und das Gedicht als solches als Geschichte erkennbar. Durch das Buch „Nass und nasser“ sind meine Kinder neugierig auf den Zauberlehrling geworden. Das Gedicht vorlesen, selbst lesen und verstehen können schon jüngere Kinder.

Die Serie Poesie für Kinder hat den Zauberlehrling ebenfalls im Programm. In ansprechenden Illustrationen wird der Originaltext aufbereitet, so dass er ein Genuss auch für die ganz Kleinen ab 3 oder 4 Jahren ist. Kinder in diesem Alter lieben Reime und Versdichtung. Oftmals haben sie Verse wie diese sehr schnell im Kopf und eine große Freude dabei diese mitzusprechen.

Uns hat der magische Tiere Band inspiriert den Text vorzulesen (immer und immer wieder!). Parallel dazu haben wir uns auf Entdeckungsreise begeben und Illustrationen zu Goethes Dichtkunst gesucht.

Der Zauberlehrling in den bildenden Künsten

zauberlehrling_goethe2Die wohl bekannteste Illustration des Zauberlehrlings ist Ernst Barlach. Seine Lithographien von 1924 sein kraftvoll und schildern die Beschwörung der Besen durch den Lehrling und die Dramatik der Wasserflut. Ernst Barlach, der laut jugendlichem Selbstbekenntnis nicht gern las, war angetan von Goethe und dessen Schriften. Die künstlerische Auseinandersetzung damit zieht sich als roter Faden durch Ernst Barlachs gesamtes künstlerisches Schaffen. Der Gestaltung verschiedener Goethe-Gedichte geht ein im Paul Cassirer Verlag erschienener Zyklus mit Illustrationen zur Walpurgisnacht voraus, der ebenfalls ausdrucksstark und aufwühlend gearbeitet ist.

zauberlehrling_goethe3Bildnerisch nicht minder einprägsam und ausdrucksstark ist das Werk Ferdinand Barths. Sein Zauberlehrling beschwört mit einem Pentagram die dunklen Mächte. Neben Hexenkessel, Zauberbuch und Zauberstab gibt es weitere Verweise die einerseits auf magische Handlungen andererseits aber auch auf alchemistische hindeuten. Interessant ist vor allem der Schädel im Bildvordergrund, unter dem sich ein Dolch und ein Stock kreuzen. Der Goethe-Schädel wurde vielfach zitiert und zum einen als sein eigener Kopf verstanden und zum anderen als der von Friedrich Schiller interepretiert. Die häufige Nähe zu Dolch oder Pistole ist als Motiv des Vanitasgedanken zu verstehen. Auch bei Goethes Werther, der von 3Steps eindrucksvoll als zeitgenössisches Graffiti „Werthermural“ umgesetzt wurde, findet sich dieses Motiv.

goethe_zauberlehrling_bkw_885__500x781_Stilistisch völlig anders sind die Jugendstil-Illustrationen von Erich Schütz. Interessant ist ein Vergleich zu Ernst Barlach, dessen Zauberlehrling-Lithographien nahezu zeitgleich entstanden. Erich Schütz´Illustration ist farblich und wirkt deshalb freundlicher. Es scheint als nimmt die Farben der Szenerie den Schrecken: Das Werk wirkt kindgerecht, es könnte einem Bilderbuch entstammen. Bestürzung über die Wasserflut zeigt sich im Gesicht des Jungen. Dennoch sorgen helle Farben und die freundliche, frühlingshafte Außenwelt – der Blick in die Natur, die Freiheit – als hoffnungsvoller Ausweg. Die Besen erinnert an fantastische Wesen, die keinesfalls gegen den Lehrling arbeiten, sondern unbeseelt ihren Dienst verrichten. Die bedrohliche Axt, mit der ein verzeifelter Lehrling in Goethes Gedicht versucht die Besen zu spalten, steht in der Tür. Er bildet die Alternative zum verheißungsvollen Ausweg der Flucht. Jedoch scheint die Axt rein illustrativ und hat kaum episch-dramatische Wirkung.

Sprachliche und Visuelle Bilder

Der Zauberlehrling ist eine epische Ballade, die beim Lesen zahlreiche Bilder im Kopf entstehen lässt. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg hat diese Dichtung Künstler und Literaten inspiriert. Es erstaunt, dass zeitgenössische Kinderbücher mit diesem Motiv spielen und explizite Bezüge zu diesem über 200 Jahre alten Werk herstellen. Überraschend gut umgesetzt hat Margit Auer in Die Schule der magischen Tiere 6: Nass und nasser (Werbelink) den Inhalt des Zauberlehrlings und völlig neu interpretiert, indem sie ihm einen neuen Handlungsrahmen gab. Sie schafft es das Interesse am Originaltext zu wecken und verdeutlicht, dass die (wohl eher beim erwachsenen Leser vorhandene) Ansicht der Text sei antiquiert und nicht für Kinder geeignet, völlig überholt ist. Klare Leseempfehlung – für beide Texte.

 

 

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