Eric Kandel zählt zu den anerkanntesten Neurowissenschaftlern der Welt, er ist Träger des Nobelpreises für Medizin und Österreicher. Eine Person, die fasziniert. Vor allem seine Erkenntnisse im Bereich des Lernens sind bahnbrechend: In Experimenten mit Meeresschnecken bewies er wie das zentrale Lern- und Erinnerungsvermögen beim Menschen angelegt ist. Durch Kommunikation und Austausch werden anatomische Veränderungen des Gehirns bewirkt, ein Nachweis, dass Psychotherapie molekular wirkt und deshalb nachhaltig funktioniert.

Interdisziplinäre Strategien der Neurowissenschaft, Biologie und Kunstgeschichte

Interessant ist auch Kandels persönlicher Werdegang, ist er doch ein lebendes Beispiel für eine interdisziplinäre Betrachtung des eigenen Forschungsgegenstandes. Sein Studium begann mit dem der Geschichte und Literatur in Harvard und wurde mit einer Promotion in Medizin an der Now Yorker Universität abgeschlossen. Seither beschäftigt er sich mit Neurobiologie, Verhaltensforschung und ist seit 1984 leitender Wissenschaftler für Psychologie am Howard Hughes Medical Institut in Maryland. Dass seine geisteswissenschaftliche Ausbildung ein ideales und vor allem passendes Fundament für seine Arbeit und seine wissenschaftlichen Thesen ist, zeigt unter anderem Kandel in „Das Zeitalter der Erkenntnis“.

 

Das Zeitalter der Erkenntnis

Kandel reist gedanklich in seine Heimatstadt Wien, aus der er als jüdisches Kind in die USA emigrierte, zurück und begibt sich in die Lebenswelt der Kunstmetropole der Jahrhundertwende um 1900. Es ist die Zeit der großen psychoanalytischen Entdeckungen Freuds und die Zeit des großen Wiener Künstlers Gustav Klimt. Thema dieses monumentalen Werkes sind die Grundlagen der Wiener Moderne. Herausgekommen ist eine Geschichte der Suche nach dem Unbewussten in der Kunst, die ihre Entsprechung im menschlichen Gehirn und Geist hat. Sie beginnt um 1900 und wird bis zur Jetzt fortgesetzt und umreißt auf etwa 700 Seiten eine Neuroästhetik.

Die Geschichte Kandels beginnt um 1850 mit der Entwicklung der Medizinischen Schule in Wien. Sie genoss einen außerordentlichen Ruhm. Neu war vor allem die Trennung der klinischen und pathologischen Medizin. Kandel forscht den Zusammenhängen von Kunst und medizinischem Fortschritt nach, der überwiegend personaler Natur war. Die Kunstkritikerin Berta Zuckerkandl trug die neusten Erkenntnisse der empirischen Medizinforschung der Medizinschule, die ihr Mann Carl von Rokintaksy innehatte, in den Kunstsalon. Dieser wurde ua. von Siegmund Freud, Arthur Schnitzler und den großen Wiener Künstlern frequentiert. Von Bertras Berichten zu neusten medizinischen Erkenntnissen angeregt, wurde Gustav Klimt  Gast in der anatomischen Einrichtung der Pathologie und gelang so Eindrücke beispielsweise beim Sezieren von Leichen. Dies wiederum zog Vorträge Rokintansky in Künstlerkreisen mit sich. Beide Bereiche bezeugten gegenseitiges Interesse und befruchteten sich. Während auf der medizinischen Ebene die Erforschung der körperlichen Symptome und der seelischen Voraussetzungen vorangingen, teilte die Künstlerszene diese Neuigkeiten und verarbeitete sie in Form von Kunsthandwerk und lieferte dem medizinischen Fortschritt damit eine Plattform.

Nicht wirklich neu, dass sich Erkenntnis und Kunst gegenseitig bedingen. Erinnert ein wenig an das Zeitalter der Renaissance (Davinci in jedem Fall), was hier für Wien als die neuste Errungenschaft inszeniert wird. Neu ist tatsächlich die Blickrichtung: Die Medizin blickt auf die Kunst und sieht in ihr die unbewussten Spuren der Seele, die für eine Diagnostik und Therapie nutzbar sind. Die Idee der Neuroästhetik keimt auf.

Der nächste große Abschnitt des Buches widmet sich eben diesem künstlerischen Ausdruck: Maler wie Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Gustav Klimt und besonders deren Porträts werden auf die Darstellung unbewusster Gefühle und seelischer Prozesse hin dargestellt. Das Buch scheint eine Hommage an überwiegend diese drei Wiener Künstler. Doch genau in diesem Buchabschnitt zeigt sich, dass Kandel zwar interdisziplinäre Zusammenhänge zu ziehen sucht, ihm aber das Handwerkszeug eines Kunsthistorikers fehlt. Er zieht allgemeine Schlüsse aus einer einzelnen Kategorie der Kunst, aus einem winzigen Ausschnitt und generalisiert. Das Besonders geht damit verloren und vor allem bleiben mehr Fragen zurück als beantwortet werden. Für die konkrete Anwendung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse zur Kunstbetrachtung gibt es handfestere Werke, insbesondere in Richtung Klaus Herding. Psychische Energien bildender Kunst sei dabei verwiesen.

Deutlich, dass die Thesen, besonders dann, wenn sie sich mit klassischen Fragen der Kunstgeschichte beschäftigen, abflachen, zeigt sich im Kapitel 23 „Die Biologische Reaktion auf Schönheit und Hässlichkeit in der Kunst“. Dass das Schöne und das Hässliche schwer zu greifen sind, hat Umberto Eco in zwei einzelnen Monographien dargestellt. Kandel widerspricht der Theorie, dass es ein individuelles Empfinden von Schönheit gibt, die ua. sozial geprägt ist. Medizinische Untersuchungen hätten gezeigt, dass bestimmte Merkmale in uns den Reiz auslösen etwas Schön zu finden. Kandel beschreibt, dass es vor allem schöne Porträts sind, auf die der Betrachter in besonderem Maße reagiere. Symmetrie wäre demnach eines der Hauptargumente für Schönheit, das zudem unabhängig von Alter, Bildung und Ethnie ist. So weist er Gesichtssymmetrie in den Gemälden der Wiener Künstler nach und sieht damit den Beweis erbracht, dass diese Porträts in besonderem Maß das Gehirn des Betrachters stimulieren und ihre Spuren hinterlassen, unabhängig von persönlichen Vorlieben. Wir alle finden sie schön, weil sie unbewusste Regungen zur Schönheitsakzeptanz in unserem Gehirn stimulieren. Schon an diesem Punkt flattert die Argumentation und lässt sofort Fragen aufkeimen nach aller Kunst, die jenseits der gegenständlichen Malerei liegt. Vermag diese folglich nicht schön zu sein? Andererseits widerstrebt es sofort zu akzeptieren, dass die Formel der Schönheit so leicht ist: Da erfüllt der Künstler einige Merkmale und schon kann sich das Gehirn nicht wehren, es wird auf „schön“ manipuliert und jedem gefällt es.

Wahnsinn, man bedenke diese Formel knackt ein Künstler, der hätte sofort die gesamte Macht über den Kunstmarkt. Diese Sicht ist zu generalistisch. Sie klammert viele andere Aspekte einfach aus und ist in keiner Weise wissenschaftlich fundiert.

Kandels Buch ist im zweiten Teil inhaltlich etwas anders gewichtet, weil es da – abseits der Kunst – einen Fokus setzt, der für die neuere Gedächtnisforschung und vor allem für unsere Erinnerungskultur einen wichtigen Beitrag leistet. Visuelle Wahrnehmung, neuronale Reaktionsmuster und deren Auswirkungen auf das Gedächtnis sind interessant zu lesen, vor allem für den, der sich mit diesem Thema etwas auskennt und sich bereits auf medizinischer oder soziologischer Ebene damit beschäftigt hat. Dennoch triften gerade in diesem Teil die Bereiche Kunst und Hirnforschung weit auseinander, zum Teil verliert sich Kandel in weiten Ausblicken auf heutige Forschungslabore und deren Alltagsgeschäft.

Etwas zufällig lesen sich einzelne Abschnitte. Von einem kommt Kandel zum nächsten, als sei er selbst überrascht, da plötzlich wieder aufzutauchen. Das, was sich als roter Faden durch sein Leben zieht, liest sich hier zwischen den Zeilen. Seinen Karriereweg des Historikers verließ er durch äußere Umstände, als er Anna Kris kennenlernte – die Tochter eines Wiener Analytiker, der sich in den Kreisen Freuds bewegte. So kam Kandel zur Psychoanalyse. Von dieser wurde er durch einen anderen Zufall weiter zur Neurobiologie geführt: Nach dem Ende seines Medizinstudium, sollte er als tätiger Arzt zum Wehrdienst verpflichtet werden, der Labordienst bei den Neurobiologen bewahrte ihn davor und veränderte seinen beruflichen Weg.

Das Buch ist in jedem Fall lesenswert und liefert viele Denkansätze, sowohl für die Kunstwissenschaft als auch für die Psychoanalyse. Eine wahre Synthese der unterschiedlichen Disziplinen gibt es dennoch nicht. Es ist mehr ein nebeneinanderher. Schade, denn gerade durch den Austausch lassen sich neue Muster entwickeln. Da bedarf es aber noch einiger Grundlagenarbeit.

Eric Kandel: Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute. München 2014.Isbn: 978-3570552414.

 

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